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Aus: Ausgabe vom 02.05.2022, Seite 5 / Inland
Beschäftigtenvertretung

Die große Transformation

Konferenz zu Gewerkschaften und Machtressourcen. Organisationen wollen Einfluss ausbauen
Von Bernd Müller
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Grenzüberschreitende Kooperation: Aktionstag der IG Metall und der französischen CGT am Opel-Werk in Eisenach (29.10.2021)

Industrie und Arbeitswelt sind im Wandel. Das stellt Gewerkschaften vor Herausforderungen. Am Freitag und Sonnabend fand an der Friedrich-Schiller-Universität Jena (FSU) die Konferenz »Gewerkschaften und Machtressourcen in der großen Transformation« statt. Es wurde unter anderem der Frage nachgegangen, wie die Wissenschaften die Gewerkschaften unterstützen bzw. ihnen helfen könnten, ihren gesellschaftlichen Einfluss zu erhöhen.

Das Interesse an der Konferenz sei »enorm«, hatten die Veranstalter, zu denen die Rosa-Luxemburg-Stiftung, der Bereich Arbeitssoziologie der FSU sowie das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung gehörten, im Vorfeld erklärt. Rund 440 Personen hätten sich angemeldet. Neben dem Soziologen Klaus Dörre würden führende Gewerkschafter wie Christiane Benner (IG Metall) und Sylvia Bühler (Verdi) sprechen. Ein »Stelldichein der jungen Generation kritischer Gewerkschaftsforscher und gewerkschaftlicher Praktiker« solle es außerdem werden, so die Veranstalter.

Das Programm war reich an interessanten Themen. Den Besuchern war es allerdings kaum möglich, sich allen zu widmen. Das lag vor allem daran, dass viele Vorträge parallel stattfanden. Für Zuschauer, die über das Internet an der Konferenz teilnahmen, war die Auswahl noch stärker begrenzt, da nicht alle Veranstaltungen übertragen wurden.

Nach der Konferenz blieben durchaus einige Fragen offen. Es verwundert durchaus, dass die »Globalisierung« die Gewerkschaften immer noch vor schier unlösbare Herausforderungen stellt – beinahe 30 Jahre, nachdem die hinter dem Begriff stehenden Prozesse in der Öffentlichkeit breit diskutiert worden sind. Bis heute lediglich zu konstatieren, dass die »Globalisierung« die Verhandlungsmacht der deutschen Gewerkschaften einschränkt, ist unbefriedigend. Das gilt auch für die Diskussion über die gewerkschaftliche Macht auf europäischer Ebene. Vom Publikum wurde darauf verwiesen, dass die Gewerkschaften in Deutschland noch Einfluss auf die Politik ausüben könnten, während die Gewerkschaftsföderationen sehr viel weniger Einfluss auf die Entscheidungen der Gremien der Europäischen Union hätten.

Während die Gewerkschaften in der Bundesrepublik darüber sinnieren, wie sie die sozial-ökologische Transformation der Industrie meistern können, vernachlässigen sie etwas Wesentliches: Ihre eigentliche Machtressource sind ihre Mitglieder, die sich aktiv im Betrieb einbringen und für die Belegschaft engagieren.

Klaus Dörre wies kürzlich in einem Interview mit dem ND (Freitag) auf das Problem hin: Viele Beschäftigte würden die Gewerkschaften nicht mehr wahrnehmen, sie hätten »nie die Erfahrung gemacht, dass Solidarität unter Lohnabhängigen zu einem besseren Leben mit einem guten Job führt«.

Die Folge: ein deutlicher Mitgliederschwund und ein erheblicher Verlust von Verhandlungsmacht. Zählten die Gewerkschaften im Jahr 1994 noch fast zehn Millionen Mitglieder, sank die Zahl seitdem kontinuierlich bis auf knapp 5,8 Millionen im Jahr 2021. Nur noch knapp 16 Prozent der Beschäftigten sind Gewerkschaftsmitglieder. Die Kraft der Solidarität in der Belegschaft wieder erlebbar zu machen scheint also die eigentliche Herausforderung zu sein, vor der die Gewerkschaften stehen.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Maximilian T. aus Berlin ( 5. Mai 2022 um 11:31 Uhr)
    Wie sollen die Lohnabhängigen auch die Erfahrung machen, dass Solidarität unter ihnen zu »einem besseren Leben mit einem guten Job führt«, wenn dort, wo sich kämpferische Belegschaften entwickeln, deren Kämpfe von den Gewerkschaftsführungen im Keim erstickt werden, um den Burgfrieden mit den Arbeitgebern zu wahren. Die deutschen Gewerkschaften haben ihren Niedergang durch ihre blinde Gefolgschaft gegenüber der Sozialdemokratie selbst zu verantworten. Sie schließen Tarifverträge im Interesse der Arbeitgeber und haben so ziemlich alle Umwälzungen auf dem Arbeitsmarkt der letzten Jahrzehnte verschlafen oder widerstandslos hingenommen. Mittlerweile begnügen sie sich nur noch mit Abwehrkämpfen zum Erhalt der Privilegien der Arbeiteraristokratie in den Monopolbetrieben, die allzu oft zum Leidwesen der restlichen Lohnabhängigen in der BRD gesichert werden. Eine besonders schädliche Rolle spielen dabei die IG Metall und Verdi. Für die stetig steigende Anzahl von unsicheren und prekär Beschäftigten interessieren sich die DGB-Gewerkschaften überhaupt nicht, bzw. nur dann, wenn es opportun erscheint. Der Fisch stinkt bekanntlich vom Kopf her und wenn sich etwas ändern soll (und das muss es, und zwar grundsätzlich), müssen zuallererst die Opportunisten aus den Führungsetagen verjagt werden.