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Aus: Ausgabe vom 02.05.2022, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Folgen des Ukraine-Kriegs

Mehr Kohle für Berlin

Auf Suche nach Ersatz für Importe aus Russland richtet BRD Blick nach Kolumbien
Von Frederic Schnatterer
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Die Menschen rund um den Tagebau Cerrejón leiden unter der durch den Verbrauch des Tagebaus Cerrejón verursachten extremen Wasserknappheit

Nun kommt auch der Protest ins Rollen, zumindest im Netz: Mehrere Organisationen wie »Unidas por la Paz Alemania« oder das Ökumenische Büro für Frieden und Gerechtigkeit München (Öku-Büro) haben am vergangenen Montag die Kampagne »Leben statt Kohle« gestartet. Unter anderem mit einem offenen Brief protestieren sie gegen die geplante Erhöhung der Importmenge kolumbianischer Steinkohle nach Deutschland. Statt dessen fordern die Organisationen ein »Ende der Ausweitung extraktivistischer Aktivitäten und der systematischen Menschenrechtsverletzungen gegen indigene und Afrogemeinschaften in Kolumbien«.

Was war geschehen? Am 6. April telefonierten Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) und der kolumbianische Präsident Iván Duque miteinander, unter anderem zum Krieg in der Ukraine. Vor dem Hintergrund der westlichen Sanktionen gegen Russland verabredeten sie auch eine Erhöhung der Kohleexporte von Kolumbien nach Deutschland. Damit sollten »aktuelle Energieengpässe überwunden« und die »Energiesicherheit« der BRD für den Fall gesichert werden, dass der Import russischer Kohle gestoppt werde, hieß es in einer Pressemitteilung des kolumbianischen Präsidialamtes.

Nur einen Tag später, am 7. April, beschlossen die EU-Staaten ein Kohleembargo gegen Moskau. Nach Ablauf einer Übergangsfrist soll ab August keine russische Kohle mehr importiert werden. Das könnte durchaus zu einem Problem für Deutschland werden: Die BRD bezieht neben erheblichen Mengen an Erdgas bisher auch rund 50 Prozent ihrer Kohle aus Russland – 2020 beliefen sich die Einfuhren auf insgesamt 31,82 Millionen Tonnen. Trotz des geplanten Kohleausstiegs wird angesichts eines möglichen Importstopps auch von russischem Erdgas die Energiegewinnung aus Stein- und Braunkohle derzeit ausgeweitet.

Angesichts dessen bemüht sich die Bundesregierung um Ersatz – und hier kommt Kolumbien ins Spiel. War das südamerikanische Land in den vergangenen Jahren etwas ins Hintertreffen geraten, betrugen die deutschen Steinkohleimporte aus Kolumbien bereits im März 1,3 Millionen Tonnen – ein Anstieg um 47,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Branchenprognosen, auf die sich die Kreiszeitung am 23. April bezog, gehen davon aus, dass Indonesien und Australien, die zu den größten Kohleexporteuren der Welt gehören, an ihre Produktionsgrenzen gestoßen sind, wodurch die kolumbianische Steinkohle für die EU und Deutschland noch weiter an Bedeutung gewinnen dürfte.

Profitieren werden davon die wichtigsten Förderer von kolumbianischer Steinkohle: die Konzerne Drummond im Departamento Cesar und der Multi Glencore mit Sitz in der Schweiz, seit Anfang des Jahres alleiniger Eigner des Tagebaus Cerrejón im Departamento La Guajira. Bereits 2021 kletterte der Weltmarktpreis für eine Tonne Steinkohle auf 200 US-Dollar (etwa 190 Euro). Im März wurde zwischenzeitlich ein Preis von 406 US-Dollar pro Tonne fällig – kein Wunder also, dass Glencore die Produktion in Cerrejón wieder ankurbeln will, nachdem im vergangenen Jahr noch laut über die Schließung des Tagebaus nachgedacht worden war.

Während bei den Aktionären Goldgräberstimmung herrscht, leidet der Großteil der Menschheit – gerade im globalen Süden – unter den Folgen der westlichen Sanktionen gegen Russland. Dazu gehören auch die Menschen rund um den Cerrejón. La Guajira an der nordöstlichen Karibikküste ist das ärmste Departamento Kolumbiens, insbesondere die indigenen Wayúu-Gemeinden leiden unter der durch den Verbrauch des Tagebaus verursachten extremen Wasserknappheit, die sie zum Umsiedeln aus ihren angestammten Gebieten zwingt. Hinzu kommen Berichte über Atemwegserkrankungen bei der lokalen Bevölkerung – insbesondere unter Kindern und Älteren –, die auf den Feinstaub zurückgehen sollen, der durch die Sprengungen im Tagebau freigesetzt wird.

Personen, die sich gegen die Ausweitung des Tagebaus zur Wehr setzen, leben hingegen gefährlich und werden immer wieder Opfer von Anschlägen. Am 20. April berichtete die kolumbianische Zeitung El Heraldo von Drohungen gegen Umweltaktivisten, die sich gegen die Umleitung des Baches Bruno einsetzen – eine der wenigen verbliebenen Wasserquellen der Wayúu-Gemeinden. Einen Tag nach dem Gespräch zwischen Scholz und Duque vergab die kolumbianische Regierung die Erlaubnis an Cerrejón, den Bach umzuleiten, um den Abbau auf sein Flussbett auszuweiten.

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