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Aus: Ausgabe vom 25.04.2022, Seite 7 / Ausland
Krieg in der Ukraine

Schläge gegen Logistik

Russland greift verstärkt Lagerhallen in der Ukraine an, um Waffen aus westlicher Lieferung zu zerstören
Von Reinhard Lauterbach
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Russische Raketen zerstörten im ukrainischen Odessa auch mehrere Autos (24.4.2022)

Russland hat offenbar seine Luft- und Raketenangriffe gegen ukrainische Ziele auf Logistikeinrichtungen konzentriert. Bei mehreren Angriffen auf die bisher von Beschuss weitestgehend verschont gebliebene Stadt Odessa wurde nach Angaben des russischen Verteidigungsministeriums ein Waffenlager auf einem Militärflugplatz zerstört. Raketen trafen allerdings auch mehrere Wohnhäuser und töteten dort etliche Bewohner. Bereits früher in der Woche hatten russische Raketen mehrere Lagerhallen in der westukrainischen Stadt Lwiw getroffen, wo nach Angaben aus Moskau Waffen aus NATO-Staaten aufbewahrt wurden. In der Nacht zum Sonntag zerstörte die russische Luftwaffe nach eigenen Angaben eine unterirdische Munitionsfabrik in der Stadt Pawlograd.

Das russische Verteidigungsministerium räumte ein, dass die Zerstörung der westlichen Waffenlieferungen an die Ukraine schwierig sei, weil das Gerät soweit wie möglich mit zivilen Lkw, Kleinbussen oder Pickups über die Grenze transportiert werde. Die ukrainischen Nationalistenbataillone sind im übrigen anscheinend dazu übergegangen, solche Fahrzeuge mit Maschinengewehrhalterungen nachzurüsten. Ein in Deutschland lebender ukrainischer Geschäftsmann berichtete gegenüber jW, er sei von »patriotisch« gesinnten Bekannten gefragt worden, ob er nicht geeignete Gebrauchtwagen auf dem deutschen Markt kaufen und in die Ukraine schaffen lassen könne. Die Nachricht war nicht unabhängig zu überprüfen, scheint aber darauf hinzudeuten, dass sich die ukrainische Seite auf einen Partisanenkrieg und eine längerfristige Besetzung von Teilen des Landes vorbereitet. Dass eine solche auch von russischer Seite angestrebt wird, wird aus Äußerungen des russischen Generalmajors Rustam Minnekajew vom Freitag deutlich. Minnekajew, der Vizekommandeur des Zentralen Militärbezirks Russlands, sprach vor einem Kongress der Rüstungsbetriebe der Ural-Region und sagte, in der gegenwärtigen »zweiten Phase« der »Spezialoperation« gehe es darum, neben der »Befreiung« des Donbass einen Landkorridor zur Krim und optimalerweise entlang der ganzen Schwarzmeerküste und potentiell bis nach Transnistrien zu erobern.

Der ukrainische Präsident Wolodimir Selenskij reagierte auf diese Äußerung mit der Ankündigung, falls Russland weiter »unsere Menschen« in Mariupol töte oder »Pseudoreferenden« zur Schaffung weiterer »Volksrepubliken« veranstalte, werde die Ukraine alle Friedensgespräche mit Russland abbrechen. Die Lage in Mariupol ist weiterhin äußerst kritisch für die Zivilbevölkerung. Angeblich soll Russland in die von ihm kontrollierten Stadtviertel humanitäre Hilfsgüter für die Zivilbevölkerung gebracht haben; eine Bestätigung von anderer Seite dafür gab es nicht.

Die Lage der ukrainischen Soldaten im eingekesselten Stahlwerk »Asowstal« ist offenbar nicht ganz so schlecht, wie es in den letzten Tagen auch von ihnen selbst dargestellt wurde. Ein Kommandeur des Neonaziregiments Asow postete ein Video, in dem er in einem Kellerraum Süßigkeiten an dort eingeschlossene Kinder verteilte. Dort müssen die ukrainischen Truppen im Unterschied zum Rest der Stadt noch über Stromaggregate und Kommunikationsmöglichkeiten verfügen, denn der Raum war hell ausgeleuchtet. Die im Film befragten Frauen äußerten den Wunsch, das Gelände verlassen zu können.

Die der russischen Armee nahestehende Webseite topwar.ru kommentierte dies mit den Worten, anscheinend enthielten die Asow-Leute den Zivilisten die Information vor, dass Russland jeden Tag von 14 bis 16 Uhr das Feuer einstelle, um Zivilisten das Verlassen der Kampfzone zu ermöglichen. Von ukrainischer Seite wurde auch am Wochenende gemeldet, dass Evakuierungsversuche in Richtung Ukraine durch russischen Beschuss gescheitert seien. Statt dessen versuchten russische Kräfte, Zivilisten in Richtung Donbass oder Russland zu bringen. Die Ukraine behauptet, ­Ukrainer seien gegen ihren Willen in die entferntesten Ecken Russlands verschickt worden.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Gottfried W. aus Berlin (24. April 2022 um 22:30 Uhr)
    Danke, Herr Lauterbach, keine Hetze, sondern vor allem scheinbar fundierte Einschätzung. Die Schärfe der Argumentation scheint endlich zu einer ernsthaften Auseinandersetzung mit der Motivation der russischen Kriegsführung geführt zu haben. Erstmal danke.

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