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Aus: Ausgabe vom 21.04.2022, Seite 6 / Ausland
Nachkoloniale Kämpfe

Casamance in Aufruhr

Seit 40 Jahren Aufstand: Südliche Region des Senegal erneut Schauplatz von Kämpfen
Von David Bieber
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Ein Anhänger des MFDC vor der Flagge der Casamance in Zinguinchor (16.1.2017)

Der Senegal gilt in Westafrika gemeinhin als Stabilitätsanker. Was gerne vergessen wird: In dem Land tobt einer der ältesten Konflikte des Kontinents. Und das seit mehr als 40 Jahren. Es ist ein blutiger Kampf zwischen dem Zentralstaat und Unabhängigkeitskämpfern – und er flammt derzeit wieder auf. Die Bewohner der Casamance fühlen sich immer schon von der Zentralregierung in der Hauptstadt Dakar zuwenig gehört und diskriminiert. Die Rebellen des »Mouvement des forces démocratiques de Casamance (MFDC)« kämpfen seit 1982 für die Unabhängigkeit der südlichen Region im Senegal, die vom restlichen Land durch das kleine Gambia im Norden getrennt wird. Die Casamance gilt als grüne Lunge des Senegals mit dichten Wäldern und ist Ziel vieler Touristen. Sie ist aber auch Rückzugsort der Rebellen.

Seit Beginn des Konfliktes Anfang der 1980er Jahre sind mehr als 5.000 Menschen getötet und mehr als 100.000 Menschen zu regionalen Binnenflüchtlingen geworden. Am 26. Dezember 1982 hatten Demonstrationen gegen die Zentralregierung begonnen, zwei Tage später ersetzten Demonstranten auf einem öffentlichen Gebäude in Ziguinchor, der größten Stadt in der Region, die senegalesische Flagge durch die weiße Flagge der Casamance. Daraufhin wurden MFDC-Funktionäre inhaftiert – blutige Auseinandersetzungen folgten.

Herrschte lange Zeit relative Ruhe, ein Waffenstillstand wurde 2012 vom MFDC ausgerufen, ist der Konflikt in den vergangenen Jahren wieder aufgeflammt. Als Ende Januar senegalesische Militärkräfte, die im Rahmen einer Sicherungs- und Friedensmission im benachbarten Gambia stationiert waren, nahe der senegalesisch-gambischen Grenze einen Lastwagen, der mutmaßlich illegal gerodetes Holz geladen hatte, kontrollieren wollten, kam es zu einem Zusammenstoß mit den Rebellen, denen der Transporter gehörte. Über die genaueren Umstände ist wenig bekannt. Als gesichert gilt, dass die senegalesischen Soldaten bei der Verfolgung des Wagens auch in das von Rebellenchef Salif Sadio kontrollierte Gebiet in der Nord-Casamance eindrangen. Im Zuge dessen kam es zu Feuergefechten. Dabei wurden vier Soldaten getötet und sieben weitere Soldaten von den Rebellen als Geiseln genommen, sie wurden jedoch schnell wieder freigelassen. Bei den Kämpfen kamen auch Rebellen ums Leben.

Präsident Macky Sall reagierte darauf mit einer großen Militäroffensive, »um die Integrität des Landes wiederherzustellen«. Ziel war, die Militärbasen, Waffenarsenale und Rückzugsgebiete der Rebellen um ihren Anführer Sadio, der jüngst durch die Presse zum Staatsfeind Nummer eins hochstilisiert wurde, einzunehmen oder zu zerschlagen. Und die Operation war durchaus erfolgreich: Senegals Armee zerstörte neun Militärbasen, Sadio wird auf der Flucht in Gambia vermutet und das MFDC scheint geschwächter denn je. Viele Kämpfer wurden inhaftiert oder getötet. Für die Rebellenuntergruppe »Cercle des Intellectuels et Universitaires du MFDC« hätten Sall und seine Armee jedoch »die Büchse der Pandora in der Casamance geöffnet«, wie es in einem am Dienstag veröffentlichten Communiqué heißt. Angekündigt wird »die Bildung einer freien Regierung der Casamance im Exil«, die »als Antwort auf die Entpolitisierung unseres Kampfes« dringend erforderlich sei. Vorgeworfen wird den Rebellen, dass ihre Unabhängigkeitsbestrebungen mittlerweile nur noch der Deckmantel für illegale Holz- und Drogengeschäfte seien, um sich damit finanziell über Wasser zu halten. Sie transportieren illegal in der Casamance gerodetes Holz nach Gambia. Dort wird es in die Welt verschifft. Das wird von den »Intellectuels« zurückgewiesen und als Versuch dargestellt, das MFDC »als eine Bewegung von Banditen und Drogenhändlern erscheinen zu lassen. Eine Bewegung, die in Wahrheit für das politische Recht ihres Volkes auf Selbstbestimmung kämpft.«

Sall machte unterdessen am Nationalfeiertag des Senegals, dem 4. April, unmissverständlich klar, dass er keinen einzigen illegal gefällten Baum in der Casamance mehr dulde und das auch zur Not militärisch durchsetzen werde. Es scheint so, dass er von seinem einstmals eingeschlagenen Weg zu Friedensverhandlungen abgerückt ist.

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