Jetzt drei Wochen gratis lesen.
Gegründet 1947 Dienstag, 28. Juni 2022, Nr. 147
Die junge Welt wird von 2640 GenossInnen herausgegeben
Jetzt drei Wochen gratis lesen. Jetzt drei Wochen gratis lesen.
Jetzt drei Wochen gratis lesen.
Aus: Ausgabe vom 16.04.2022, Seite 3 / Schwerpunkt
Bewaffneter Konflikt

»Es muss Druck ausgeübt werden«

Kolumbiens »Wahrheitskommission« stellt Ende Juni Abschlussbericht vor. Ein Gespräch mit Lucía González
Von Interview: Frederic Schnatterer
202PERFORMANCE.JPG

Seit der Unterzeichnung des Friedensabkommens zwischen der damaligen kolumbianischen Regierung und der Guerillaorganisation FARC-EP sind fast sechs Jahre vergangen. Wie nah ist Kolumbien dem Frieden heute?

Im Moment ist die Situation sehr ernst. Nach der Unterzeichnung des Abkommens gab es eine kurze Zeit, in der die Zahl der Tötungsdelikte, der Entführungen und ganz allgemein der Opfer drastisch zurückging. Doch die jetzige Regierung weigert sich, grundlegende Punkte der Vereinbarung umzusetzen: die Landreform, die politische Partizipation, die Kontrolle des Drogenhandels. Sie verachtet das Friedensabkommen von Havanna, sie kümmert sich nicht um die ländlichen Gebiete und die Bauern und kriminalisiert sozialen Protest.

Sie arbeiten bei der »Kommission für die Aufklärung der Wahrheit, das Zusammenleben und die Nichtwiederholung«. Was verbirgt sich hinter dem Namen?

Wir sind eine staatliche Einrichtung, allerdings nicht abhängig von der Regierung. Das ermöglicht einerseits, dass wir eigenständig handeln, gleichzeitig bekommen wir wenig Unterstützung von Regierungsstellen, die eigentlich dazu verpflichtet wären, uns alle Informationen zugänglich zu machen. Wir sind elf Kommissare, die für den Abschlussbericht verantwortlich sind. Insgesamt arbeiten aber ungefähr 900 Personen für uns, in ganz Kolumbien. Wir hören den Opfern des bewaffneten Konflikts zu, seien sie von den Guerillas, vor allem den FARC, oder den Paramilitärs – obwohl bei letzteren die Bereitschaft zur Zusammenarbeit geringer ist. Mit Angehörigen von Polizei und Militär hatten wir unterschiedliche Erfahrungen. Insgesamt ist es jedoch schwierig, da unsere Arbeit sicherlich in Frage stellen wird, wie die Einsatzkräfte vorgegangen sind.

Was erhoffen Sie sich von Ihrer Arbeit?

Wir haben den Vorteil, dass wir kein Justizorgan sind. Die Wahrheitskommission ist im wesentlichen eine ethische und politische Einrichtung. Wir wollen verstehen, was in diesem langen bewaffneten Konflikt passiert ist, um so Empfehlungen aussprechen zu können. Wo liegen die Gründe dafür, dass er in Kolumbien ausgebrochen ist, dass er so blutig ist und dass es so schwer ist, ihn zu beenden? Es geht um die großen Zusammenhänge: die Fragen nach dem Wesen des Staates, der Demokratie, des Wirtschaftsmodells, der Ungleichheit ...

Die Kommission wird am 28. Juni ihren Abschlussbericht vorlegen. Welchen Wert hat er für die kolumbianische Gesellschaft?

Er stellt einerseits eine Zusammenfassung unserer Erkenntnisse dar, andererseits empfiehlt er sich daraus ergebende Schritte. Dabei geht es um Menschenrechtsverletzungen und humanitäres Völkerrecht sowie die historische Darstellung des Konflikts. Ein solches Narrativ ist dringend notwendig. Die Zivilgesellschaft muss sich den Bericht zu eigen machen, sonst kann es keinen Wandel geben. Der Wandel wird nicht von der Regierung herbeigeführt, es muss gesellschaftlicher Druck ausgeübt werden.

In Kolumbien wird dieses Jahr ein neuer Präsident gewählt. Die politische Situation wird immer wieder als extrem polarisiert beschrieben. Welche Rolle kann die Wahrheitskommission in diesem Szenario spielen?

Es gibt Umfragen, die sagen, dass die überwiegende Mehrheit der Menschen weder sonderlich links noch rechts ist. Aber in der Politik heißt es: Wenn du nicht rechts bist, bist du links; wenn du nicht links bist, bist du rechts. Das scheint mir symptomatisch für den Umgang mit dem bewaffneten Konflikt. In Kolumbien dient der Vorwurf, links zu sein, auch heute noch dazu, dich zu disqualifizieren, zu demütigen und auszuschließen.

Auch wenn wir uns in der Wahrheitskommission bemühen, von dieser Polarisierung wegzukommen: Die Rechte wird sich durch unseren Bericht angegriffen fühlen. In Kolumbien war sie praktisch immer an der Macht und trägt eine große Verantwortung für die Tragödie, die der bewaffnete Konflikt bedeutet, ebenso wie auch die Guerilla. Besonders aber muss der Staat für die Gewalt verantwortlich gemacht werden. Weder in der Verfassung von 1991 noch im Abkommen von Havanna wurde das Wirtschaftsmodell oder eine Veränderung von Polizei und Militär thematisiert. Die Geschichte zeigt uns aber, dass wir dringend über Ungleichheit als einen Grund für das Fortbestehen des Konflikts sowie über das Handeln der Einsatzkräfte, das grundsätzlich außerhalb des humanitären Völkerrechts steht, als einen weiteren sprechen müssen.

Lucía González war unter anderem Direktorin des Museums »Haus der Erinnerung« im kolumbianischen Medellín. Heute arbeitet sie bei der »Kommission für die Aufklärung der Wahrheit, das Zusammenleben und die Nichtwiederholung«

Drei Wochen kostenlos lesen

Die Tageszeitung junge Welt stört die Herrschenden bei der Verbreitung ihrer Propaganda. Sie bezieht eine aufklärerische Position ohne Besserwisserei und wirkt durch Argumente, Qualität, Unterhaltsamkeit und Biss.

Überprüfen Sie es jetzt und testen die junge Welt drei Wochen lang (im europäischen Ausland zwei Wochen) kostenlos. Danach ist Schluss, das Probeabo endet automatisch.

Ähnliche:

  • Die Kontrolle über ehemaliges FARC-Gebiet übernehmen: Kolumbiani...
    16.04.2022

    Bogotá auf Kriegskurs

    Kolumbiens Regierung wegen Militärmassaker an Zivilisten zunehmend in Bedrängnis. Getötete als Guerilleros ausgegeben
  • Herr der Lage: Venezuelas Verteidigungsminister López zeigt, wo ...
    17.02.2022

    Mit aller Härte

    Destabilisierungsversuche: Venezolanische Streitkräfte wehren mehrere Angriffe von kolumbianischen Banden ab

Regio:

Mehr aus: Schwerpunkt

Startseite Probeabo