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Aus: Ausgabe vom 11.04.2022, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Steigende Lebenshaltungskosten

Lächerliches Angebot

Aufstand bei Amazon in Frankreich: Beschäftigte fordern mindestens fünf Prozent Lohnerhöhung
Von Hansgeorg Hermann
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Arbeiterin im Amazon-Versandzentrum in Saint-Étienne-du-Rouvray in der Normandie

In den acht großen französischen Amazon-Zentren werden bis heute die Leute, die dem Konzern seine Dollarmilliarden verdienen, mit 800 bis 1.000 Euro Nettomonatseinkommen nach Hause geschickt. Bei den alljährlichen Tarifverhandlungen boten die Betriebsleitungen den Lohnabhängigen diesmal drei Prozent mehr an. »Lächerlich«, antworteten Sprecher der Belegschaften und der in der »Intersyndicale« vereinigten Gewerkschaften, die bereits am 4. April zum Streik bei Amazon aufgerufen hatten. Unterhalb eines Lohnangebots von »plus fünf Prozent« sei diesmal nichts zu machen, betonten die Strategen der Gewerkschaft CGT in der vergangenen Woche.

Der Zeitpunkt für den Aufstand gegen einen der schlimmsten Ausbeuter im weltweiten kapitalistischen »Wertesystem« ist gut gewählt. Im Wahlkampf um die französische Präsidentschaft war der Verfall der Kaufkraft im Verbund mit rapide steigenden Preisen, vor allem im Energiesektor, eines der zentralen Themen. Alle Kandidaten, allen voran der amtierende Staatschef Emmanuel Macron, hatten den 67,5 Millionen Franzosen stabile Preise und eine Garantie auf die »Erhaltung der Kaufkraft« versprochen. Macron, der während des nun zu Ende gehenden, fünf Jahre dauernden Mandats keinen Zoll von seinem streng neoliberalen Finanz- und Wirtschaftsprogramm abwich, verband sein Gelübde allerdings mit zwei Forderungen an die Lohnabhängigen: »Mehr Arbeit« – also mehr Wochenarbeitszeit, und um drei Jahre verlängerte »Lebensarbeitszeit«, die Rente soll nun nicht mehr ab dem 62., sondern erst ab dem 65. Lebensjahr verdient sein.

Der Streik bei Amazon könnte für Macron ein Hinweis darauf sein, was ihn – als einen mit einem zweiten Mandat ausgerüsteten Präsidenten – erwarten würde, falls er seine »Rentenreform« wie angekündigt in den nächsten Monaten durchsetzen will. Seine Gegner im linken politischen Lager, vor allem der Anführer der Bewegung La France insoumise (LFI), Jean-Luc Mélenchon, wollen das Renteneintrittsalter nicht erhöhen, sondern auf 60 Lebensjahre herunterfahren. Weniger Arbeit fordern auch die Beschäftigten bei Amazon, und zwar eine Verkürzung der 35-Stunden-Woche und eine Beteiligung an den täglichen Millionengewinnen des Konzerns.

Ihren Kampf gegen die schamlose Ausbeutung verstehen die Lohnabhängigen bei Amazon nicht nur als generellen Aufstand gegen Macrons Einsatz für die Interessen der Unternehmer, sondern zunächst vor allem als praktische und lebensnotwendige Maßnahme vor Ort: »Laut Insee (Statistisches Amt Frankreichs, jW) beträgt die Inflation bei uns im Moment 4,5 Prozent«, rechnete in der vergangenen Woche der CGT-Beauftragte Fabien Cavillon vor, »Ende des Jahres wird sie nach derzeitigen Prognosen bei 5,2 Prozent liegen. Mit dem jetzigen Angebot des Konzerns gleichen wir also nicht einmal die Inflationsrate aus.«

Die gegenwärtigen Benzinpreise, die Kosten für Heizung und Lebensmittel, erlaubten es französischen Lohnabhängigen kaum noch, mit einem Monatseinkommen von 1.450 Euro zu überleben, klagten die Streikenden. Die neuerdings ausgezahlte monatliche »Benzinprämie« in Höhe von 16 Euro sei nicht mehr als »ein Tropfen im Ozean«. Ihren Kampf gegen Amazon wollen die Beschäftigten vorerst bis zum kommenden Donnerstag fortsetzen. Die französischen Betriebsleitungen des Konzerns blieben bisher bei ihrem Angebot. Ihre Strategie sieht darüber hinaus vor, neu verpflichteten Arbeitskräften nach einer Art Probezeit von zwei Jahren Dauer einen Lohn zu zahlen, der »25 Prozent über dem gesetzlichen Mindestlohn« liegen soll. Der beträgt im Moment 1.603 Euro brutto.

Schon die Mietpreise in Paris und Umgebung erlauben allerdings einen klaren Blick auf die prekäre Situation der französischen Lohnabhängigen: Für eine Zweizimmerwohnung mit 65 bis 70 Quadratmetern müssen aktuell zwischen 1.200 und 1.800 Euro auf die Konten privater Hausbesitzer überwiesen werden.

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