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Aus: Ausgabe vom 05.04.2022, Seite 10 / Feuilleton
Comic

Kompletter Blödsinn?

Aber nicht doch: Jacques Tardis legendäre Comicreihe »Adèle Blanc-Sec« in einer Neuausgabe
Von Marc Hieronimus
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Au Backe, Teufelsanbeter: Adèle weiß mehr

Er ist einer der bedeutendsten Künstler Frankreichs: Jacques Tardi. In seiner langen Karriere hat der 1946 in Valence geborene Comiczeichner mehr als sechzig Alben und zahllose kleinere Werke geschaffen, darunter mehrere hundert Illustrationen zu den Romanen Louis-Ferdinand Célines. Sein erster großer kommerzieller Erfolg ist eine Serie – bis heute die einzige, die er selbst geschrieben hat. 1976 erschien in Frankreich der erste Band der Reihe »Adèle Blanc-Sec«, die letzte deutsche Ausgabe liegt über dreißig Jahre zurück. Nun bietet der Verlag Schreiber & Leser einer ganzen Generation von Comiclesern die Chance, die Ermittlerin und Autorin Adèle in einer aufwendig gestalteten Neuausgabe kennenzulernen.

Adèles Fälle spielen in den Jahren kurz vor dem Ersten Weltkrieg in Paris, das Tardi auf der Basis zeitgenössischer Fotos detailgetreu nachgezeichnet hat. Überhaupt spielen viele von Tardis Comics vor historischer Kulisse oder schildern gleich historische Ereignisse: An »Die Macht des Volkes«, den vier Bänden zur Geschichte der Pariser Kommune nach der Romanvorlage von Jean Vautrin, arbeitete er drei Jahre als Zeichner, anschließend koordinierte er die Produktion einer CD mit Liedern der Kommune. »Grabenkrieg« und »Soldat Varlot« basieren auf wahren Begebenheiten im Ersten Weltkrieg und wurden bis ins kleinste Detail vom Historiker Jean-Pierre Verney recherchiert. Tardis dreibändiges, im Zweiten Weltkrieg verortetes Werk »Stalag Iib« erzählt die Geschichte seines Vaters.

Verglichen damit, geht es bei Adèle sehr friedlich zu. Zwar gibt es Morde und Verschwörungen, aber die Handlung um einen telepathisch gesteuerten Flugsaurier, einen Dämon auf dem Eiffelturm und einen elektrisch wiederbelebten Vorzeitmenschen mit einem Faible für Cognac und Zigarren ist so konfus, dass die illegalen Machenschaften in den Hintergrund treten. Die Abenteuer der Adèle Blanc-Sec sind keine Kriminalgeschichten, schon weil der Handlungsfaden nur schwer erkennbar ist. Tardi selbst hat gesagt, er sei nie der größte Fan der Serie gewesen, es mache ihm aber Spaß, sich beim Erzählen gehen zu lassen und einmal begonnene Ideen irgendwann aufzulösen. »Dadurch gibt es bei Adèle mit Sicherheit einiges, das den Eindruck macht, kompletter Blödsinn zu sein.«

Comicexperte und FAZ-Redakteur Andreas Platthaus schreibt in seiner »Geschichte der Bildgeschichte«: »Nicht nur die Titelheldin schreibt Kolportageromane, sondern die Abenteuer von Adèle orientieren sich selbst an diesem Genre, das gerade zu der Zeit blühte, in der die Serie beginnt: 1911, dem Ende der Belle Époque.« Damals standen auch okkulte Praktiken, Geheimlogen und andererseits der ungetrübte Glaube an die Macht der Wissenschaft in voller Blüte. Von der damaligen Zeit aus gedacht, wirkt das Panoptikum schräger und überzeichneter Charaktere mit klingenden Namen gewissermaßen selbstverständlich. Da gibt es den berühmten Großwildjäger Graf Hubert, der Jagd auf den Pterodaktylus macht; die Diva Clara Benhardt, unschwer als die im echten Jahr 1911 bereits 67jährige Sarah Bernhardt zu erkennen. Da sind ein Herr Dieudonné, der Entdecker, und ein Herr Dieuleveult, der Erwecker des munter plaudernden Urmenschen; Ménard und sein Assistent Zborowsky vom herrlich detailreich gezeichneten Naturkundemuseum; der etwas dümmliche Polizeiinspektor Caponi; der Kunstmaler Peissonier in seiner prunkvollen Villa etc. Der Spaß am Erdenken immer neuer Figuren und Wendungen ist Tardi durchaus anzumerken.

Band 1 der neuen Gesamtausgabe versammelt die ersten drei von bis heute zehn Geschichten um Adèle. Auf die nächsten Bände darf man sich natürlich auch freuen: Die Protagonistin wird ermordet, aber am Tag vor dem Waffenstillstand 1918 wiederbelebt. Mit Lucien Brindavoine ist dann eine weitere berühmte Figur aus dem Tardi-Universum an ihrer Seite. Comicverleger Volker Hamann schreibt in seinem Vorwort, Tardi arbeite gerade an einem weiteren Band, »der die Serie möglicherweise zu einem furiosen Finale führt«. Es bleibt also auch im fünften Jahrzehnt noch spannend.

Jacques Tardi: Adèle Blanc-Sec. Sammelband 1. Verlag Schreiber & Leser, Hamburg 2021, 160 Seiten, 29,80 Euro

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