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Aus: Ausgabe vom 15.01.2022, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Massenaktionen als bürgerlicher Dreck

Vor 100 Jahren kam der italienische Faschismus mit dem »Marsch auf Rom« an die Macht. Im Juni 1923 nahm Clara Zetkin dazu Stellung (Teil II)
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Faschistenführer Benito Mussolini mit paramilitärischem Anhang beim »Marsch auf Rom« (6.10.1922)

Er (Otto Bauer, 1881–1938, Begründer des Austromarxismus. Clara Zetkin bezieht sich auf die Rede Bauers auf dem Kongress der sogenannten Zweieinhalbten Internationale 1923 in Hamburg, jW) erklärte weiter, an der Weltreaktion, die im Faschismus gipfelt, sei auch schuld, dass die russische Revolution das menschewistische Paradies in Georgien und Armenien zerstört habe. Als dritte Ursache der Weltreaktion sah er den »bolschewistischen Terror« überhaupt an.

In seinen Ausführungen musste er allerdings dieses anerkennen: »In Mitteleuropa sind wir heute gezwungen, den Gewaltorganisationen des Faschismus Abwehrorganisationen des Proletariats gegenüberzustellen. Denn kein Appell an die Demokratie kann gegen die direkte Gewalt ausreichen.«

Man sollte meinen, dass man aus dieser Feststellung die Schlussfolgerung ziehen müsste: Also antworten wir mit Gewalt auf Gewalt. Eine reformistische Logik geht aber ihre eigenen Wege, unerforschlich wie die Wege der himmlischen Vorsehung. Otto Bauer spinnt seinen Gedanken später so fort: »Ich spreche hier nicht von allzu großen Dingen, die nicht immer und nicht überall durchgeführt werden können …, nicht von Insurrektionen, nicht einmal vom Generalstreik … Die Kooperation der parlamentarischen Aktionen und der Massenaktionen außerhalb des Parlaments bietet aussichtsreiche Möglichkeiten.«

Herr Otto Bauer offenbart uns dabei nicht das Geheimnis seines keuschen politischen Busens, welcher Art die politischen Aktionen im Parlament und erst recht außerhalb des Parlaments sein sollen. Es gibt Aktionen und Aktionen. Es gibt parlamentarische Aktionen und Massenaktionen, die von unserem Standpunkte aus bürgerlicher Dreck sind – erlauben Sie diesen Ausdruck. Andererseits kann eine Aktion innerhalb oder außerhalb des Parlaments einen revolutionären Charakter tragen. (…)

Was steckt hinter der ganzen Auffassung? Der reformistische Glaube an die Stärke, die Unerschütterlichkeit der kapitalistischen Ordnung, der bürgerlichen Klassenherrschaft und das Misstrauen, der Kleinmut gegenüber dem Proletariat als bewusstem, unwiderstehlichem Faktor der Weltrevolution.

Die Reformisten sehen im Faschismus den Ausdruck der Unerschütterlichkeit, der alles übertreffenden Kraft und Stärke der bourgeoisen Klassenherrschaft, der das Proletariat nicht gewachsen ist, gegen die den Kampf aufzunehmen vermessen und vergeblich ist. Es bleibt ihm so nichts anderes übrig, als still und bescheiden zur Seite zu treten, den Tiger oder Löwen der bürgerlichen Klassenherrschaft ja nicht durch den Kampf für seine Befreiung, für seine Diktatur zu reizen, kurz, auf Gegenwart und Zukunft zu verzichten und geduldig abzuwarten, ob man auf dem Wege der Demokratie und Reform ein weniges vorwärtskommen könne.

Ich bin entgegengesetzter Ansicht und alle Kommunisten wohl mit mir. Nämlich, dass der Faschismus, mag er sich noch so kraftmeierisch gebärden, ein Ausfluss der Zerrüttung und des Zerfalls der kapitalistischen Wirtschaft und ein Symptom der Auflösung des bürgerlichen Staates ist. Nur wenn wir verstehen, dass der Faschismus eine zündende, mitreißende Wirkung auf breite soziale Massen ausübt, die die frühere Existenzsicherheit und damit häufig den Glauben an die Ordnung von heute schon verloren haben, werden wir ihn bekämpfen können. Die eine Wurzel des Faschismus ist in der Tat die Auflösung der kapitalistischen Wirtschaft und des bürgerlichen Staates. Wir finden schon Symptome für die Proletarisierung bürgerlicher Schichten durch den Kapitalismus in der Vorkriegszeit. Der Krieg hat die kapitalistische Wirtschaft in ihren Tiefen zerrüttet. Das zeigt sich nicht nur in der ungeheuerlichen Verelendung des Proletariats, sondern ebensosehr in der Proletarisierung breitester klein- und mittelbürgerlicher Massen, in dem Notstand des Kleinbauerntums und in dem grauen Elend der Intelligenz. Die Notlage der Intellektuellen ist um so größer, als in der Vorkriegszeit der Kapitalismus sich angelegen sein ließ, davon eine Überproduktion herbeizuführen. Die Kapitalisten schufen auch auf dem Gebiete der Kopfarbeit ein Massenangebot von Arbeitskräften, um damit Schmutzkonkurrenz zu entfesseln und die Löhne, pardon Gehälter, zu drücken. Gerade aus diesen Kreisen rekrutierten der Imperialismus und der imperialistische Weltkrieg viele ihrer ideologischen Vorkämpfer. Augenblicklich erleben all diese Schichten den Bankrott ihrer Hoffnungen auf den Krieg. Ihre Lage hat sich außerordentlich verschlechtert. Schlimmer als alles lastet auf ihnen das Fehlen der Existenzsicherheit, die sie in der Vorkriegszeit noch hatten.

Clara Zetkin: Der Kampf gegen den Faschismus. Bericht auf dem Erweiterten Plenum des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale 20. Juni 1923. In: Protokoll der Konferenz der Erweiterten Exekutive der Kommunistischen Internationale, Moskau, 12. – 23. Juni 1923. Hamburg 1923.

Hier zitiert nach: Clara Zetkin: Ausgewählte Reden und Schriften, Band II. Dietz-Verlag, Berlin 1960, Seiten 691–694

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  • Leserbrief von Joachim Seider aus Berlin (17. Januar 2022 um 15:06 Uhr)
    Die mahnenden Worte von Clara Zetkin klingen, als wären sie für die aktuelle Vorstandsklausur der Linken geschrieben worden. Für jene Teile der tonangebenden »Realos« (die Clara Zetkin treffend Reformisten nannte), denen der Wille zum Kampf gegen die bourgeoise Klassenherrschaft »vermessen und vergeblich« scheint. Denen »nichts anderes übrigbleibt, als still und bescheiden zur Seite zu treten«, um die »bürgerliche Klassenherrschaft ja nicht … zu reizen, kurz, auf Gegenwart und Zukunft zu verzichten und geduldig abzuwarten, ob man auf dem Wege der Demokratie und Reform ein wenig vorwärts kommen könne«. Für jene, die davon sprechen, für das Volk zu kämpfen. Anstatt ihm zeigen zu wollen, dass und wie es selbst für sich kämpfen muss. Man könnte aus der Geschichte lernen. Auch daraus, welch tragischen Verlauf sie vor fast 100 Jahren schließlich nahm. Man müsste es nur wollen.

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