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Aus: Ausgabe vom 15.01.2022, Seite 7 / Ausland
Terror

Gegen Unabhängigkeitsbewegung

Spanischer Geheimdienst wusste Bescheid: Exkommissar schockt mit Aussagen zu islamistischen Anschlägen in Katalonien 2017
Von Carmela Negrete
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Die Flaniermeile La Rambla in Barcelona nach dem Attentat (17.8.2017)

Die Terroranschläge in Barcelona und Cambrils von 2017 sind in Kenntnis des spanischen Geheimdienstes Centro Nacional de Inteligencia (CNI) durchgeführt worden. Das behauptete am Dienstag der ehemalige Polizeikommissar José Manuel Villarejo vor dem Nationalen Gerichtshof in Madrid. Das Ziel sei gewesen, den Menschen in Katalonien »Angst einzujagen«, um der Unabhängigkeitsbewegung der Autonomieregion zu schaden.

Vor Gericht steht Villarejo aber wegen Geldwäsche und der Gründung einer kriminellen Organisation in einem anderen Fall. Im Rahmen der Anhörung war auch seine Arbeit für den CNI Thema. Er habe mit dem Geheimdienst kooperiert und versucht, den Anschlag von 2017 aufzuklären. Dieser habe sich »als Fehler« des früheren Geheimdienstchefs Félix Sanz Roldán »entpuppt«, der die Konsequenzen falsch abgewogen habe, zitierte ihn das Portal Naiz. Wenige Wochen später sollte in Katalonien am 1. Oktober das Unabhängigkeitsreferendum abgehalten werden, das vom Obersten Gericht Spaniens für »illegal« erklärt worden war.

Mitte August 2017 wurden in der Region mehrere Anschläge verübt. Einer der Attentäter, der Imam einer Moschee in der Stadt Ripoll, fuhr am 17. August einen Wagen in eine Menschenmenge auf Barcelonas bekanntester Flaniermeile La Rambla und ermordete dabei 15 Menschen, darunter zwei Kinder. Einen weiteren jungen Mann tötete er auf der Flucht mit einem Messer. In der darauffolgenden Nacht ereignete sich ein weiterer Anschlag, diesmal in Cambrils etwa 110 Kilometer südwestlich von Barcelona. Eine Frau starb.

Der Attentäter von Barcelona soll bereits im Jahr 2000 ins Visier der Ermittler geraten sein, weil er Menschen aus Marokko mit gefälschten Pässen des marokkanischen Geheimdienstes nach Spanien geschmuggelt habe, so Villarejo. Auch 2004, nach Anschlägen auf mehrere Züge in Madrid mit 191 Toten, sei er vom CNI überwacht und sogar kontaktiert worden. Der damals regierende rechtskonservative Partido Popular (PP) wollte die Anschläge zunächst der baskischen Untergrundorganisation Euskadi Ta Askatasuna (ETA) in die Schuhe schieben.

Vor der Presse versuchte Villarejo im Anschluss seine Aussagen zu relativieren. Es habe nicht die Absicht gegeben, ein Attentat zu verüben, sondern lediglich, »ein Risiko für Katalonien vorzutäuschen«, berichtete Naiz. Zudem sagte er, es würden öfter »fiktive Kommandos« eingesetzt, um hinterher die Lage »zu beruhigen«. Die Anschläge von 2017 seien »außer Kontrolle geraten«, erklärte er.

Joaquim Forn, ehemals Innenminister Kataloniens, kritisierte Villarejos Aussagen. Er könne nicht glauben, dass sich »ein krankes Gehirn so etwas ausdenken kann«. Forn forderte zudem Untersuchungen: Selbst für den Fall, dass man Villarejo nicht glaube, müssten die Vorwürfe untersucht werden, er sei »nicht irgendein Kommissar« gewesen, sondern habe für mehrere Minister gearbeitet und sei auch von ihnen geschützt worden. Die Präsidentin der katalanischen Parlaments, Laura Borràs, kündigte an, Anzeige erstatten zu wollen.

Der Regierungschef Kataloniens, Pere Aragonès Garcia, erklärte am Dienstag gegenüber dem Sender TVE, dass er zwar Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Aussagen Villarejos habe – dieser hatte in der Vergangenheit wiederholt unbewiesene Behauptungen vor Gericht aufgestellt. Er bat Madrid dennoch um »Aufklärung« in dem Fall und erklärte, Katalonien werde handeln. Am Mittwoch erneuerte Aragonès Garcia zudem seine Forderung nach einem Unabhängigkeitsreferendum: »Das Recht auf Selbstbestimmung Kataloniens ist unabdingbar«, zitierte ihn die Tageszeitung El País.

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