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Aus: Ausgabe vom 12.01.2022, Seite 4 / Inland
Mobilisierung gegen Coronamaßnahmen

Nicht ganz schlüssig

Bundesweite Teilnehmerzahl bei montäglichen Coronademonstrationen nimmt weiter zu. Mehrere Zwischenfälle mit Verletzten
Von Nico Popp
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Nicht für alle Gebot der Stunde: Demonstrationszug gegen die Coronapolitik in Bayern (Nürnberg, 10.1.2022)

Am Montag abend haben bundesweit erneut zahlreiche Kundgebungen und Demonstrationen gegen die staatlichen Maßnahmen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie stattgefunden. Ein Schwerpunkt des Demonstrationsgeschehens war erneut Ostdeutschland.

Eine Sprecherin der sächsischen Polizei sagte am Dienstag auf jW-Anfrage, am Montag habe die Polizei in dem Bundesland 29.817 Teilnehmer bei 215 Kundgebungen, Versammlungen und Demonstrationen mit »Coronabezug« gezählt. Ein Sprecher der Polizei Brandenburg nannte gegenüber dieser Zeitung für den Zeitraum vom 4. Januar bis zum 10. Januar auf der Grundlage von »groben Schätzungen« eine Gesamtzahl von etwa 30.000 Demonstranten bei 134 Versammlungen – wobei der überwiegende Teil der zu etwa zwei Dritteln nicht angemeldeten Veranstaltungen mit etwa 26.000 Teilnehmern auf den Montag falle. Im vorherigen Erfassungszeitraum vom 28. Dezember bis zum 3. Januar seien es 110 Versammlungen gewesen. Eine jW-Anfrage beim Innenministerium von Sachsen-Anhalt wurde bis Redaktionsschluss nicht beantwortet; auf Nachfrage hieß es, die dort bislang intern vorliegende Gesamtzahl der Teilnehmer sei »nicht schlüssig«.

Für Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern hatten die Behörden noch am Montag abend 17.300 bzw. 15.000 Teilnehmer genannt. Legt man für eine Einschätzung des aktuellen Mobilisierungspotentials die – aller Erfahrung nach eher zu niedrig angesetzten – genannten Zahlen der Polizei bzw. der Innenministerien zugrunde und setzt für Sachsen-Anhalt eine ähnliche Größenordnung an, dann haben damit in den fünf ostdeutschen Flächenländern ohne Berlin am Montag etwa 100.000 Menschen an diesen Versammlungen teilgenommen.

Die Kundgebungen und Demonstrationen in den westdeutschen Bundesländern wurden von Medien und Nachrichtenagenturen in den vergangenen Wochen weitaus weniger intensiv beobachtet. Die Behörden gaben dort am Dienstag überwiegend erneut keine Teilnehmerzahlen oberhalb der lokalen Ebene bekannt. Das baden-württembergische Innenministerium nannte auf jW-Anfrage am Dienstag 52.000 Teilnehmer bei 287 Versammlungen. Das niedersächsische Innenministerium sprach in einer Pressemitteilung von 14.250 Teilnehmern bei 186 Kundgebungen. Aus Bayern wurden größere Demonstrationen in Nürnberg, Bamberg, Augsburg, Wangen und Regensburg mit zusammen etwa 10.300 Teilnehmern gemeldet. Insgesamt entsteht auf der Grundlage dieser freilich sehr lückenhaften Angaben der Eindruck, dass in Westdeutschland bei im Durchschnitt kleineren Versammlungen eher mehr Menschen demonstriert haben als im Osten.

Bei einigen Aufzügen, an denen sich erneut in lokal unterschiedlichem Ausmaß faschistische Parteien, Gruppen und Einzelakteure beteiligten, kam es am Montag zu mehreren Zwischenfällen mit Verletzten. Allerdings ist das Bild hier nicht einheitlich. Der Sprecher der Polizei Brandenburg sagte, die Versammlungen seien »überwiegend friedlich« verlaufen. Über offene Auseinandersetzungen von Demonstrationsteilnehmern mit Polizeikräften bzw. über verletzte Polizisten in den vergangenen Tagen sei ihm nichts bekannt. Auch aus Stuttgart hieß es, die Versammlungen seien zwar überwiegend nicht angemeldet gewesen, »verliefen allerdings weitgehend friedlich«. Dagegen wurden im sächsischen Bautzen aus einer Demonstration mit etwa 500 Teilnehmern, die dem Vernehmen nach zu etwa einem Drittel aus Hooligans und Neonazis bestand, Pflastersteine und Flaschen auf Polizisten geworfen. Drei Beamte wurden hier verletzt; die Zahl der insgesamt in Sachsen verletzten Polizisten gab die Polizeisprecherin gegenüber dieser Zeitung mit sieben an. In Freiberg durchbrachen etwa 100 Demonstranten eine Sperre und beschädigten dabei ein Polizeifahrzeug. Das niedersächsische Innenministerium sprach von neun verletzten Polizisten. In Rostock versuchten Demonstranten, Polizeiketten zu durchbrechen; in diesem Zusammenhang setzten die Beamten Pfefferspray ein.

Auch Gegenveranstaltungen zu den Demonstrationen der Maßnahmengegner fanden am Montag abend vermehrt statt. Entsprechende Aktionen wurden unter anderem aus Leipzig gemeldet, wo von rund 300 Teilnehmern die Rede war.

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  • Leserbrief von Klaus P. Jaworek aus Büchenbach (14. Januar 2022 um 15:27 Uhr)
    Ob diese »Boosterei« nützlich ist oder nicht, das scheint gar nicht mehr die entscheidende Frage zu sein. Der vorhandene Impfstoff ist da, und dieser Impfstoff muss einfach schnell verimpft werden, bevor er rahn wird. Das ist eben das Typische an dieser Pandemie, dass pausen- und planlos experimentiert, probiert, und hin und her und hochgerechnet wird; aber alles sollte/muss ganz und gar undurchsichtig bleiben. Uns bleibt praktisch nur eine einzige Möglichkeit, dass wir uns möglichst schnell an diese Dauerpandemie gewöhnen, und dafür muss die neugewählte Pandemieverwaltung (un-)gerade stehen! Wer jetzt dennoch sein Tanzbein schwingen möchte, der darf gerne eine weitere Gratisrunde um das goldene Inzidenzkälbchen drehen!

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