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Aus: Ausgabe vom 07.01.2022, Seite 11 / Feuilleton
Kämpfe um Anerkennung

Der Umgang mit dem I-Wort

In »Kampf der Identitäten« schlagen Jan Feddersen und Philipp Gessler mehr Universalismus vor
Von Peter Köhler
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Prost Mahlzeit: Wird Identitätspolitik zur persönlichen Angelegenheit, dann werden schlechte Meinungen bekämpft, nicht schlechte Zustände

Kurt Tucholsky hat Glück: Er ist tot und muss das Gerangel um Identität nicht miterleben. 1935 schrieb er aus dem schwedischen Exil seiner Schweizer Freundin Hedwig Müller: »Man kann ganz und gar Katholik sein, man kann vielleicht auch ganz und nichts als Eidgenosse sein, nämlich im 13. Jahrhundert, aber man kann keinesfalls Schachklubmitglied, Protestant, Eidgenosse, Schweinehalter und Frontist sein, und das jedesmal voll und ganz und wie religiös. Das ist ekelhaft.«

Längst wird über eine solche Persönlichkeitsaufspaltung kein Ekel mehr empfunden, man bewundert sie. So war zum Beispiel in der Taz bereits 2014 zu lesen: »Er geht als erster afroamerikanischer Chef der New York Times durch die Schlagzeilen. Doch das ist nur eine von vielen Identitäten des 57jährigen Dean Baquet. Zu den anderen gehört, dass er aus einer Arbeiterfamilie stammt, die in die – französisch inspirierte kreolische – Gastronomie von New Orleans übergewechselt ist. Dass er nie ein Studium abgeschlossen hat. Dass er den Pulitzer-Preis für eine Recherche über Korruption im Stadtrat von Chicago bekam. Und dass er im Süden, im Norden, aber auch an der West- wie an der Ostküste der USA gelebt hat.«

Doll, wie der Mann das alles unter einen Hut bringt! Doch Scherz beiseite, geht es um Identität, steht mittlerweile weniger die eigene Leistung – im Falle von Baquet: der berufliche Erfolg, ein womöglich Klassengrenzen überwindendes Vorwärtskommen – im Vordergrund. Es sind, wie Jan Feddersen und Philipp Gessler im »Kampf der Identitäten« deutlich machen, Geschlecht und Hautfarbe, letztere vulgo »Rasse« (englisch »race«) geheißen; kaum feinere Geister sprechen inzwischen von Kultur, als wäre sie etwas Angeborenes.

Eine Folge davon ist, dass eine Gruppe oder ungefragt als Stellvertreter einer Gemeinschaft sich aufspielende Personen blind für einen größeren gesellschaftlichen Zusammenhang werden. Oder taub: In den USA waren Studenten schockiert und wähnten ihre geistige Gesundheit bedroht, als ein Dozent ein chinesisches Wort benutzte, das so was wie »äh« bedeutet, aber fast wie das N-Wort klingt. Der Dozent wurde von der Hochschulleitung abgemahnt.

Feddersen und Gessler haben ihr Buch mit vielen, oft absurden, meist US-amerikanischen Beispielen gespickt und zeigen die Übertreibungen, ja Irrwege auf, auf die gut gemeinter, aber absolut gesetzter Wille schnell gerät. Zugleich lassen sie keinen Zweifel, dass der politische Einsatz für die Emanzipation unterdrückter Mehr- und Minderheiten richtig und notwendig ist.

Deutlich wird ebenso, dass im identitätspolitischen Mainstream die vorwärtstreibende Kraft das akademisierte Bürgertum ist – und dass das Projekt deshalb die Grenzen der Klassengesellschaft zwar punktuell aufweicht, aber nicht prinzipiell infrage stellt oder gar überwinden soll. Es geht um Anerkennung, Sichtbarmachen, sensible Sprache, formale Gleichstellung, aber kaum einmal um wirkliche soziale Gleichheit; es geht um »Mikro­aggressionen« im zwischenmenschlichen Verkehr, aber nicht um die ökonomische Makroaggression, der die Armen und Ausgebeuteten ausgesetzt sind. Zugespitzt gesagt: Es werden schlechte Meinungen bekämpft, nicht schlechte Zustände.

So gesehen ist Identitätspolitik – wie sie jetzt betrieben wird – nicht links, sondern neoliberal, werden Probleme nicht gesellschaftlich, sondern persönlich betrachtet und geschichtliche Kontexte ignoriert bzw. entsorgt, indem man z. B. Romane säubert oder im Giftschrank wegsperrt. Dass dem Individuum mit dieser Schmalspurpolitik geholfen würde, steht dahin: Einen Menschen – selbst wenn er seit Jahrzehnten im Land lebt, die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt und die soziale Leiter hochgeklettert ist – auf seine Herkunft zu reduzieren, ist, die Berliner Juristin Seyran Ates bringt es auf den Punkt, »kolonialistisches Denken, rassistisches Denken«.

Fest steht, dass Identitätspolitik eine zweischneidige Sache ist, weil sie ein Anliegen auch der »Identitären« (vulgo Nationalisten) ist und es acht Jahrzehnte zuvor schon war, nur dass das I-Wort damals nicht geläufig war. Wenigstens prägen die Rechten nicht den heutigen Kampf der Identitäten, den gegen die herrschende Meinung und den gegeneinander.

Was ihn insgeheim prägt, ist, Tucholsky schwante es, zu einem Schlechtteil die Religion, die bei Fehlverhalten Entschuldigung, Reue und Buße verlangt – bloß dass Vergebung nicht gewährt wird, die Strafe ist lebenslänglich. Dass man Identitätspolitik anders betreiben kann, führen Feddersen und Gessler in abschließenden 18 Thesen vor, deren Tenor »Wir sind gegen Stammesdenken – und für Universalismus« lautet. Damit würde sich Identitätspolitik schon viel besser ausmachen.

Jan Feddersen/Philipp Gessler: Kampf der Identitäten. Für eine Rückbesinnung auf linke Ideale. Ch. Links Verlag, Berlin 2021, 252 Seiten, 18 Euro

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