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Aus: Ausgabe vom 31.12.2021, Seite 8 (Beilage) / Wochenendbeilage

Frau Kuhnert in Aspik

Von Maxi Wunder

»Ist nur eine Kleinigkeit, es geht ja um die Geste.« Sehr freundlich, aber wohin mit all den Gesten nach Weihnachten? Fünf Handseifen, drei Duftkerzen, ein Salz-und-Pfefferstreuer-Ensemble in Gestalt zweier sich küssender Keramikschweine, Billig-Eau-de-Toilette »English rose«, eine beige Plastikhandtasche mit braunen Fransen, zwei Packungen »Bratapfeltee«, eine Großpackung Instantcappuccino in Einzeltüten, Hauptbestandteil Glukosesirup, eine Lichterkette »Starlights« – unrecyclebar – und ein blinkender Weihnachtsmann. Für das geistige Wohl empfingen wir eine CD von 1992 mit dem Titel »Weihnachtliche Melodien« und Erbauungsliteratur im Miniformat zum Thema »Glück«. Dem Büchlein sieht man an, dass es bei den Schenkern schon eine Weile im Regal gestanden hat, der Buchrücken ist ausgeblichen. Weiterschenken: die elegante Entsorgung. Wir lernen daraus und stellen die Sachen in einem Karton auf die Straße, versehen mit der Aufschrift »Zu verschenken!«

Vorher habe ich mich natürlich für jede einzelne von den aufgezählten Liebenswürdigkeiten aus dem Ein-Euro-Shop im Namen der Plauener Kommune bei allen Schenkern von nah und fern auf das herzlichste bedankt. Mein spezieller Dank galt dies Jahr auch denjenigen, die von unserer Sitte wissen, dass wir keine Sachen haben wollen und die uns deshalb mit selbstgeschriebenen Gedichten bedacht haben. Besonders angerührt hat mich das Gedicht von Frau Kuhnert aus dem evangelischen Kindergarten nebenan, in dem sie uns in Knittelversen zu verstehen gibt, dass Kommunisten mit Pauken und Trompeten in der Hölle landen, wenn sie sich nicht dem Jesuskind unterwerfen. Könnte es eine feinsinnigere und klügere Art geben, politisch denkende Menschen für Gott zu interessieren? Ich meine nicht, und so haben wir uns sofort für dieses schöne Geschenk revanchiert mit einer in Prosa verfassten Erklärung, dass wir uns sehr gerne Jesus unterwerfen, Frau Kuhnert aber darauf hinweisen müssen, dass sie mit Pauken und Trompeten in unserem Kochtopf landen wird, sollte sie uns jemals wieder ein Gedicht schreiben:

Frau Kuhnert in Aspik oder »Jellied Eel«

Zwei Kilo abgezogene, gesäuberte Aalstücke (ca. 5 cm) mit 1 ¼ Liter Eiswasser in einen Topf geben, langsam bis zum Siedepunkt erhitzen und den entstehenden Schaum sorgfältig abschöpfen. Drei Lorbeerblätter, eine unbehandelte, in Scheiben geschnittene Zitrone, eine in Scheiben geschnittene Zwiebel, etwas Salz und Pfeffer, frisch gemahlenen Muskat sowie zwei Nelken oder Pimentkörner dazugeben und etwa 15 Minuten garziehen lassen. Das Fett und den Schaum abschöpfen, den Sud durch ein Sieb gießen und 40 g in etwas Wasser gelöste Gelatine hineinrühren. Die Aalstücke der Länge nach halbieren, von den Gräten lösen und in Würfel schneiden. Die Fischwürfel in kleine Förmchen geben, mit Schnittlauch und Petersilie bestreuen und den Sud darüber gießen. Im Kühlschrank steif werden lassen. Stürzen und auf einem Salatblatt servieren. Dazu warmes Bier.

Sie hat es überhaupt nicht übel genommen, sondern uns zum Kaffee eingeladen … bzw. zu einem – wie soll ich sagen – sehr, sehr süßen Tütencappuccino.

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