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Aus: Ausgabe vom 27.12.2021, Seite 12 / Thema
Deutsch-französische Geschichte

Eine Konterrevolution wird besichtigt

Wider die Greuelpropaganda des Bürgertums. Ludwig Pfaus Berichte von der Seine nach der Niederschlagung der Pariser Kommune
Von Erhard Korn
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Brandschatzenden »Bestien« gleich seien die »Petroleusen« durch Paris gezogen und hätten die Stadt in Brand gesetzt, behaupteten die bürgerlichen Medien fast unisono nach der Niederschlagung der Kommune – »La Barricade«, Lithographie von Ferdinand Lefman (1871)

Nachdem die französische Armee Anfang September 1870 bei Sedan eine schwere Niederlage gegen die deutschen Truppen erlitten hatte und Kaiser Napoleon III. selbst in Gefangenschaft geraten war, wurde das Zweite Kaiserreich gestürzt. Am 18. Januar 1871 ließ sich Wilhelm I. im Schloss Versailles zum Deutschen Kaiser ausrufen. Die vor allem aus Handwerkern und Arbeitern rekrutierte Nationalgarde verteidigte Paris gegen die deutsche Belagerung, während die neugewählte konservative Regierung in Versailles unter Adolphe Thiers einen Waffenstillstand aushandelte. Gegen den Versuch, die Nationalgarde zu entwaffnen, leistete die Pariser Bevölkerung Widerstand. Am 18. März wurden die Regierungstruppen aus der Stadt vertrieben und die Kommune proklamiert. Der deutsche Kanzler Otto von Bismarck ließ daraufhin die französischen Kriegsgefangenen frei und stellte sie der Regierung Thiers zur Verfügung, um die Kommune niederzuschlagen. Den am 21. Mai in die Stadt eindringenden Regierungstruppen hatten die »Föderierten« wenig entgegenzusetzen, und es folgte eine »blutige Woche« der Rache, der Tausende der Kommunarden zum Opfer fielen. Am 28. Mai 1871 war das sozialistische Experiment zertreten.

Das rote Gespenst

Mit der Pariser Kommune war das »Gespenst des Kommunismus« plötzlich zur realen Gefahr für die Besitzenden geworden. Frankreich und die Kommune galten in Europa als Nährboden von Sozialismus und Kommunismus und als Hort der Gesetzlosigkeit. Obwohl die Erhebung vom 18. März bis zum Eindringen der Versailler Truppen vergleichsweise frei von all den Gewalttaten blieb, vor denen Konterrevolutionen zu strotzen pflegen, verbreitete die liberale und konservative Presse Märchen über Schlächtereien unbewaffneter Bürger. Dabei wurden erstmals auch die neuen Bildmedien als Mittel der Propaganda eingesetzt. Hunderte Fotografen waren in den Straßen unterwegs, deren Bilder als Holzstiche in illustrierten Zeitschriften wiedergegeben wurden und den Lesern das Gefühl vermittelten, dabeigewesen zu sein. »Explizit zu Propagandazwecken mit dem Ziel, Getötete posthum zu diskreditieren, wurden Fotografien im Gefolge der Pariser Commune produziert. Und auch retuschierte und inszenierte Bilder ließen in dem aufgeheizten politischen Klima nicht auf sich warten: Fotomontagen, auf denen Schauspieler vermeintliche Verbrechen der Revolutionäre darstellten, sollten die Commune öffentlich diskreditieren«, schreibt der Historiker Gerhard Paul.¹

In Deutschland ging die Kriegshetze gegen Frankreich unmittelbar in die Hetze gegen die Kommune über. Die Presse betonte die Überlegenheit der Deutschen im »großen und ernsten Geisteskampf des Germanismus mit dem Romanismus«, sei doch das »französische Volk (…) der Verwilderung verfallen«. »Wenn diese Rasse nicht von einer eisernen Despotie im Zaum gehalten wird, so kommt sie aus Revolutionen nicht heraus«, konstatierte die liberale Staatsbürger-Zeitung am 28. März 1871. Im Juni schrieb die Spenersche Zeitung in Berlin, »die Kommunisten von 1871 sind die gemeinsten Ungeheuer, die es jemals in der Welt gegeben hat«. Die »rote Bande« bestünde aus »von Pulverqualm und Branntwein« berauschten »Rasenden«, »Brandstiftern und Mördern, gleichwie sie Räuber, Diebe, Schlemmer und Wollüstige waren«.

Den Erklärungen der französischen Regierung in Versailles folgend, beschuldigten die Zeitungen die Internationale Arbeiterassoziation (IAA), »welche ihre Agenten in der ganzen Welt hat«, den Aufstand angezettelt zu haben, und auch die englische Presse warnte vor solchen »Strolchen und Brandstiftern«, besonders vor Karl Marx als Anführer einer »gewaltigen Verschwörung mit dem Ziel des politischen Kommunismus«.

Zur Ironie der Geschichte gehört, dass diese Hetze maßgeblich dazu beitrug, die Erste Internationale bekannt zu machen. Der damals der Öffentlichkeit weitgehend unbekannte Marx geriet als »grand chef de l’ Internationale« zum am meisten verleumdeten und bedrohten Menschen in London, wie Marx Ludwig Kugelmann berichtete.² Marx’ Schrift über den »Bürgerkrieg in Frankreich« erlebte schnell mehrere Auflagen. Die Internationale wurde durch die Kommune »eine moralische Macht in Europa«, schrieb Friedrich Engels später.³

Mit wenigen Ausnahmen berichtete die deutsche Presse im Mai, dass ganz Paris von den Kommunarden in einem »Akt wahnwitziger Selbstvernichtung« in Brand gesteckt worden sei. Jedes Mittel sei ihnen recht, so die liberale Augsburger Allgemeine Zeitung, eine der angesehensten Blätter Deutschlands: »Petroleum, Brand, Gift, Hinterlist, Meuchelmord. Besser die ganze Stadt verbrennen als die Rückkehr des Feindes gestatten.« Brandlegungspläne galten als »Programm der kommunistischen Anführer seit 1848«, so der katholische Grenzbote, und noch Anfang Juni hieß es in der Allgemeinen Zeitung: »Es herrscht nun in ganz Frankreich ein panischer Schrecken vor kommunistischen Brandstiftungen.« Sogar den großen Brand von Chicago im Oktober 1871 wollte man der Internationale in die Schuhe schieben.

Während in Paris in der »blutigen Woche« nach der Niederlage die »Communards« zu Tausenden abgeschlachtet wurden, schuf die Propaganda eine der wirkmächtigsten Figuren des 19. Jahrhundert: die Petroleusen, in der rechten Hand die rote Fahne, in der linken die Brandfackel.

»Man erzählte mir von den Petroleusen, die hexenartig im Hirn der Pariser spukten. Diese Furien sollten die Häuser entlanggehuscht sein und blitzschnell in jede Kellerluke ihr Petroleum gegossen und Zündhölzer nachgeworfen haben, wodurch ganze Straßen ein Raub der Flammen geworden seien. Wie viele unglückliche Frauen, die kein anderes Verbrechen begangen hatten, als ihre Petroleumkanne heimzutragen, mögen bei den Treibjagden der blinden Rachewut zum Opfer gefallen sein!« So berichtete später die Schriftstellerin Isolde Kurz in ihren Jugenderinnerungen über ihren Besuch in Paris im Jahr 1872.⁴

»Wölfinnen«

Obwohl in den späteren Prozessen in keinem einzigen Fall eine Brandstiftung durch »Petroleusen« nachgewiesen werden konnte – die Gebäude waren meist durch feindlichen Kanonenbeschuss oder aus taktischen Gründen in Brand gesetzt worden –, diente der Mythos der Regierung in Versailles nicht nur zur Rechtfertigung der Gewaltorgie, sondern auch zur Diffamierung rebellischer Frauen, deren politisches Engagement als »unnatürlich« galt. Noch in den 1930er Jahren warnten Kinderbücher vor den roten Petroleusen, dem lichtscheuen, johlenden, wutschnaubenden Gesindel, das versucht habe, ganz Paris anzuzünden und »Leben und Eigentum des ruhigen Bürgers« bedrohte, »Bestien«, »Wölfinnen«, »Megären«, »Bluttrinkerinnen«, besessen von dumpfen Trieben, die wie die Tiere ein ungezügeltes Sexualleben führten.⁵

Einer der wenigen, der gegen die zeitgenössische Greuelpropraganda über die Kommune anschrieb, war der »schwäbische Radikale« Ludwig Pfau (1821–1894). Der 48er-Revolutionär, Vorstandsmitglied des Württembergischen Landesausschusses und Herausgeber des »Volks-, Witz- und Carricaturen-Blatts« Der Eulenspiegel, war nach dem Scheitern der Revolution zunächst in die Schweiz und 1852 schließlich ins Exil nach Paris gegangen, wo er schon Ende der 1830er Jahre eine Gärtnerausbildung absolviert und sich mit den Gedanken der Linken vertraut gemacht hatte. In Paris war Pfau als Dichter, Publizist, Kritiker und Übersetzer (u. a. von Pierre-Joseph ­Proudhon) tätig. 1863 im Zuge einer Generalamnestie nach Stuttgart zurückgekehrt, war er einer der Mitbegründer der Demokratischen Volkspartei und entschiedener Gegner einer deutschen Einigung unter preußischer Vorherrschaft. Zu Beginn des Deutsch-Französischen Krieges hielt er sich wieder in Paris auf, wo er als Korrespondent der Frankfurter Zeitung wirkte. Wie alle anderen Deutschen auch, musste er das Land verlassen, kehrte aber im Sommer 1871 in die Stadt an der Seine zurück, um sich selbst ein Bild von den Geschehnissen rund um die Kommune zu machen. 14 Monate lang berichtete er in seinen »Pariser Briefen« für die Frankfurter Zeitung »persönliche an Ort und Stelle empfangene Eindrücke und sachliche durch einen vieljährigen Aufenthalt erworbene Urteile«.⁶ Sie gaben den interessierten Zeitgenossen des aufsteigenden deutschen Kaiserreichs einen Eindruck vom wirklichen Geschehen in Frankreich. 1895 ließ sie Pfau in der Aufsatzsammlung »Politisches und Polemisches« erneut erscheinen.

Schändliche Lügen

Im ersten Brief vom 13. Juni 1871 schildert Pfau die umständliche Reise über Köln und Brüssel zur französischen Grenze, wo er dem Grenzbeamten ironisch versichert, keiner »communalen oder internationalen Petroleumsgesellschaft« anzugehören, was diesen immerhin zum Lachen bringt. In Paris allerdings »liegt ein Druck auf diesen Menschen; sie ziehen vorüber wie Geister, die aus einer anderen Welt zurückkehren, um die gewohnten Wege zu wandeln«. Nach der Übernachtung im Gasthof macht sich Pfau auf, »um Paris in Augenschein zu nehmen«, »Spuren von Kugeln findet man allenthalben«, doch »in den Straßen erkennt man nur noch an der Farbe des aufgewühlten Bodens den Fleck, wo eine Barrikade stand. Abgesehen von einigen monumentalen Gebäuden, die sich nicht so schnell wieder herstellen lassen, wird in zwei Monaten keine Spur mehr von Krieg und Kriegsplage zu finden sein.« Pfau schlussfolgert, dass der »intelligente Leser« längst erkannt hat, »dass er in Beziehung auf Paris schmählich belogen und betrogen worden ist. Ein einziger Durchbruch Haussmanns⁷ hat mehr Häuser demoliert als das Petroleum der Commune; und die Versailler haben gewiss zehnmal soviel Häuser mit Bomben zusammengeschossen, als die Föderierten verbrannt haben.«

Und Pfau fährt fort: »Ich sah noch eine ziemliche Zahl vermauerter, vernagelter und mit Erdsäcken verstopfter Kellerlöcher und sprach Menschen, die sonst ganz vernünftig sind, die aber noch heute steif und fest behaupten, die Föderierten hätten sämtliche Abzugskanäle mit Petroleum gefüllt, um ganz Paris in die Luft zu jagen. Und doch genügen drei Sekunden Nachdenken, um die Unmöglichkeit eines solchen Unternehmens klarzumachen. (…) Geschichten von einexerzierten Mordbrennerbataillonen, von Petroleusen mit Ölbüchsen und Kindern mit Zündhölzern sind Phantasien, über die man lachen würde, wenn dieses schändliche Lügensystem nicht manchem Unschuldigen das Leben gekostet hätten.« Pfau listet dann die etwa 100 abgebrannten Privathäuser auf – dabei hätten die Korrespondenzen von einem eingeäscherten Drittteil der Stadt mit 50.000 Leichen berichtet. Es habe taktische Brandstiftungen bei Barrikaden gegeben, solche aus Rache – »aber ein Brandlegungsplan hat nicht existiert«.

Der »weiße Schrecken«

Eine Woche später schrieb Pfau von seinen Pariser Freunden, die ihn mit alter Herzlichkeit aufnahmen. »In den Cafés habe ich ziemlich laut und ungeniert sprechen hören; doch warnten mich meine Freunde vor unvorsichtigen Äußerungen, da die Verhaftungen noch immer an der Tagesordnung seien.« In Versailles seien 400.000 anonyme Denunziationen eingegangen. »Und in der Tat hört und liest man immer noch von Gefangenen, die nach Versailles ins Camp de Satory⁸ abgeführt wurden.«

Während Pfau aus Paris berichtete, fanden Prozesse und Hinrichtungen statt. Am 28. November 1871 wurde Theophil Ferre erschossen, der Lebensgefährte der berühmten Kommunardin Louise Michel, die bei ihrem Prozess ausrief: »Ich verlange von euch, die ihr euch als meine Richter aufspielt, das Feld von Satory, auf dem unsere Brüder gefallen sind … Wenn ihr keine Feiglinge seid, dann tötet mich!« Michel wurde im Dezember zur Deportation nach Neukaldedonien verurteilt und 1880 amnestiert. Nach der Amnestie wurden in Frankreich auch die Verbrechen öffentlich, die an den Gefangenen begangen wurden: Folter, Vergewaltigung, Mord.

»Während die Stadt ihr zerrissenes Festgewand ausbessert (…), spielt hinter den Coulissen eine schauderhafte Tragödie, die das Blut erstarren macht. Wohl 60 bis 80.000 Weiber und ebenso viele Kinder, deren Männer und Väter in den früheren Gefechten fielen oder in den letzten Kämpfen füsiliert, nach Satory oder auf die Pontons von Brest⁹ geschleppt wurden – ringen mit dem Hungertod. ›Keine Gnade mit diesem Gesindel!‹ ist der tägliche Hetzruf des Figaro und ähnlicher Blätter, die während des Kaiserreichs im Solde des Bonapartismus standen, hernach die Kriegsfanfaren anstimmten.«

Noch in keinem Bürgerkrieg seien so viele Unschuldige »der Wut des Siegers anheimgefallen«, fährt Pfau fort. »Jede Straße hat ihre unbeteiligten Opfer, und mancher wackere Nationalgardist, der während der Belagerung auf den Wällen die Arbeit der gefangenen Soldaten verrichtet, wurde nun von den zurückgekehrten zum Dank erschossen.« Noch immer würden täglich Hunderte von Gefangenen nach Versailles geführt, und die Pariser seien verbittert gegenüber den Abgeordneten in Versailles, die nun schon vier Wochen das barbarische Kriegsrecht an 40.000 Gefangenen anwendeten.

»Ja, die Belagerung war schlimm und die Commune noch schlimmer; am schlimmsten aber war der siegreiche Einzug der Versailler. Fünf Tage schwebte man in Todesängsten. Die Truppen haben nicht nur Insurgenten erschossen, sie haben einfach Mordthaten verübt« und »Bürger erschossen, die offenbar nicht zu den Föderierten gehörten«, erzählte ein »wohlgekleideter Herr aus den besitzenden Ständen«. Pfau weiß von vielen Fällen, bei denen Unschuldige einfach erschossen wurden, alte Frauen, Bürger, Ladenbesitzer, und von Massenerschießungen von Gefangenen. »Auf den Buttes Chaumont¹⁰ sollen, nach den Angaben der Pariser Blätter, 2.500 Nationalgardisten erschossen worden sein; eine andere Schaar fiel auf dem Père Lachaise¹¹, außer den an Ort und Stelle erwischten Nationalgardisten 147 weitere, (…) die im Gefängnis de la Roquette eingesperrt worden waren. Am Ende des Kirchhofs sieht man an der Mauer von Charonne die zahlreichen Kugelspuren dieser Füsillade.«

Rachegrimm des bebenden Besitzes

Allgemein werde die Zahl der erschlagenen Föderierten mit 30.000 angegeben, berichtet Pfau – »die Massenmorde, die nach der Einnahme und noch mehrere Tage lang und zum Teil an grundlos Verhafteten verübt wurden, machen diese Zahlen wahrscheinlich«. Schließlich beklagten sich sogar die zurückkehrenden Fabrikanten, dass sie keine Arbeitskräfte mehr fänden. »So drängt sich, trotz aller Rachsucht, die Milde als eine ökonomische Notwendigkeit auf.«

Doch Pfau weiß auch von der Entrüstung zu erzählen, welche »die Greueltaten der Versailler« hervorriefen, und die trotz des Belagerungszustands und dem Verbot regierungskritischer Zeitungen eine prorepublikanische Stimmung befördere. Dabei trage die »Bauernversammlung«, also die Nationalversammlung in Versailles, die vor allem die ländlichen Regionen repräsentierte, die »Hauptschuld des Bürgerkriegs«, auch wenn die Kommune »die großartigste aller Pariser Bewegungen so elend verpfuscht und ihrer eigenen Sache am meisten geschadet hat«. Dessen ungeachtet ist für Pfau klar: »In dem Kampfe zwischen Kapital und Arbeit ist, theoretisch betrachtet, das Recht auf Seite der Arbeit; und wenn die Arbeiter falsche Mittel ergreifen, um zu ihrem Recht zu gelangen«, so sei das in erster Linie die Schuld der Besitzenden, »welche einen Zustand des Monopols und der Ausbeutung zu verewigen« trachteten.

Am 5. Juli 1871 berichtet Pfau von Rückmeldungen aus Deutschland, in denen er im Namen der »besitzenden und gebildeten Klasse« ermahnt wird, die Pariser Kommune nicht zu entschuldigen, obwohl er doch bisher »nur die Tatsachen konstatiert und etwa einzelnes ein wenig ins Licht gerückt« habe. Sei es seine Schuld, so fragt er ironisch, dass die Ordnungsmänner so gütig waren, die Wehrlosen haufenweise in den Straßen zusammenzuschießen? Sicherlich seien die »architektonischen Totenopfer, welche die Commune angezündet hat, nichts weniger als erfreulich, am wenigsten seien es aber die Hekatomben, welche die Versailler auf dem Altar der Ruhe und Ordnung schlachteten«.

»Jeder, der nicht einen Geldbeutel an der Stelle des Herzens hat, wird notwendig auf seiten der Mordbrenner gedrängt, wenn die Mordlöscher soviel Menschen massakrieren, dass man das Feuer im Blut ersäufen könnte. Mir wenigstens, der den Rachegrimm des bebenden Besitzes nicht kennt, pflegen die Menschen näherzustehen als die Häuser. Aber die Geldbourgeoisie ist immer und überall dieselbe: Man kann ihr nie laut genug vae victis! (Wehe den Besiegten, jW) schreien«, sonst versündige man sich gegen Moral und Sitte.

Und er schlussfolgert, »jene Objektivität des Denkens, die selbst dem Feinde gerecht zu werden weiß und die den Ruhm des deutschen Geistes ausmachte, wird jetzt zum Vaterlandsverrat gestempelt; wer nicht die trivialsten Redensarten törichter Selbstvergötterung nachlallt«, müsse ins Lager des Feindes übergegangen sein. Doch sei Frankreich genauso belogen worden wie das Ausland. Pfau hört dem Gespräch von zwei Franzosen zu, die am Nordbahnhof aussteigen und erstaunt sind, dass sie keine Feuersbrunst riechen und keine Ruinen sehen. Es sei immer dieselbe Geschichte, »on ne fait que nous conter des blagues atroces« – man verarscht uns schrecklich.

Kolossale Übertreibungen

Früher »stand die Unwahrheit wenigstens nur bei der Diplomatie in Ehren, jetzt ist sie wie alles popularisiert und treibt ihr Geschäft im großen«. Die Regierung bezahle »Pressmetzen«; die Presse, die doch eine Erziehungsanstalt sein solle, sei in ein Prostitutionshaus verwandelt, die Lüge zum Regierungsmittel geworden: »Von dem offiziellen preußischen Telegramm, das den Krieg mit einer phantastischen Beschießung der offenen Stadt Saarbrücken beginnen ließ, bis zu jenen französischen Depeschen, welche deutsche Heere in nie dagewesene Steinbrüche stürzten – alles entweder Lug und Trug oder kolossale Übertreibung. Bald hatten die Franzosen einem deutschen Gefangenen die Augen ausgestochen, bald die Preußen im Elsass einen Mann lebendig begraben.« Von beiden Seiten seien alle Mittel in Bewegung gesetzt worden, »um die beiden Nationen zu gegenseitiger Wut zu stacheln«.

Unverständlich bleibt Pfau, warum das Hôtel de Ville (Pariser Rathaus, jW) als Symbol der Gemeindefreiheit abgebrannt wurde, schließlich stellt das »föderative Prinzip« für ihn (im Anschluss an Proudhon) als Alternative zur repräsentativen eine Form der direkten Demokratie dar. Die Bedeutung einer solchen »Kommunalverfassung«, des »in Kommunen konstituierten« Volkes, als Hebel zur ökonomischen Befreiung betonte ja auch Marx.¹² Pfau schließt eine lange Schilderung der Geschichte der Pariser Gemeindeverfassung seit dem frühen Mittelalter an, um am Schluss zu folgern, dass der Widerstand der Pariser Kommune, der ja auch eine Verteidigung kommunaler Rechte war, auf einem brüchiger gewordenen Bündnis des dritten und des vierten Standes beruht hat.

Eher zeigt Pfau Verständnis für die Zerstörung der Tuilerien als »Demonstration gegen die Monarchie« und bezeichnet sie als »Akte eines machtlosen Grimms«. Im Tuilerien-Palast, vormals Residenz der französischen Könige, hatte in der ersten Revolution der Konvent getagt, die gesetzgebende Versammlung, das »Symbol einer absoluten demokratischen Diktatur«. »Das ist es überhaupt, was in der französischen Hauptstadt selbst den Behausungen des Despotismus einen eigentümlichen Reiz verleiht, dass auf jeder derselben der Kampf um die Freiheit sein Malzeichen zurückgelassen hat.«

Auf Vorschlag des mit Pfau bekannten Malers Gustave Courbet hatten die Föderierten am 15. Mai 1871 die Vendôme-Säule, das Symbol der Napoleonischen Eroberungspolitik, gestürzt, aus Rache dann die Versailler beim Einmarsch am Sockel Massenerschießungen zelebriert. An den Trümmern der Säule bemerkt Pfau, die Kunst könne den Verlust verschmerzen, die Kommune aber hätte nötiger gehabt, sich selbst »stützende Streben« zu suchen – es sei »kindisch, sich an historischen Denkmalen zu vergreifen«.

Patriotischer Lärm

Auch über die Folgen der deutschen Kriegführung und der schmählichen Niederlage Frankreichs machte Pfau sich Gedanken. Die Annexion von Elsass-Lothringen habe, so Pfau, wie »übermütige Rücksichtslosigkeit gewisser Kriegssitten« nicht nur einen großen »moralischen Schaden angerichtet«, sondern durch die Eroberungen auch den Keim für künftige Kriege gelegt.

Zehn Jahre nach der Niederschlagung der Kommune setzte sich Pfau in einem Bericht aus Paris, der ebenfalls in der Frankfurter Zeitung erschien, mit den weiteren politischen Entwicklungen auseinander, dem »Cäsarismus« und Militarismus des deutschen Kaiserreichs und dem Sozialistengesetz, mit dem Bismarck auf die Sympathien der Sozialdemokratie für die Kommune reagierte und mit dem »eine ganze gesellschaftliche Schicht für vogelfrei erklärt« worden sei. Er kommt zum Schluss: »All der patriotische Lärm ist nur ein heuchlerischer Mantel, der eigentliche Gegenstand des Krieges ist die Erhaltung und Vermehrung der Macht und des Besitzes in den Händen der Dynastien und dirigierenden Klassen.«¹³ Seine offenen Worte brachten ihm eine Klage wegen »Beleidigung der preußischen Regierung« ein. Drei Monate musste Pfau in Heilbronn ins Gefängnis.

»Fünfzig Jahre Kriegsbereitschaft und zwei Dutzend Schlachten in Sicht«, prophezeite Pfau dem preußischen Militarismus, der den nächsten Krieg schon in sich trage. Das Grauen des Weltkriegs konnte er sich noch nicht vorstellen, wohl aber bewahrheitete sich seine Warnung: »Und wenn wir zu feige sind, unsern Militärstaat von innen zu überwinden, so werden die andern so tapfer sein, ihn von außen zu zerschlagen.«

Anmerkungen

1 kurzelinks.de/Fotographie

2 Marx-Engels-Werke (MEW) 33, 238

3 MEW 33, 642

4 Isolde Kurz: Aus meinem Jugendland, Stuttgart 1920, S. 183

5 Frank Sobich: Schwarze Bestien, rote Gefahr. Rassismus und Antisozialismus im deutschen Kaiserreich, Frankfurt 2006, S. 154

6 Ludwig Pfau: Briefe aus Paris. In: ders.: Politisches und Polemisches, Stuttgart 1895, S. 179. Alle weiteren Zitate nach dieser Ausgabe.

7 Georges-Eugène Haussmann (1809–1891), Stadtplaner, Begründer des modernen Pariser Stadtbilds Mitte des 19. Jahrhunderts

8 Das Camp de Satory war ein Militärgelände, das der Regierung Thiers in Versailles zusammen mit Arsenalen, Ställen und Gebäuden wie der Orangerie als Lager für Tausende Gefangene und Hinrichtungsstätte diente.

9 Die Pontons von Brest waren ausrangierte Schiffe, auf denen jeweils über 700 Menschen eingesperrt wurden.

10 Park im Norden von Paris

11 Cimetière du Père-Lachaise, Parkfriedhof in Paris

12 MEW 17, 340

13 Ludwig Pfau: Ethik. In: ders.: Politisches und Polemisches, a. a. O., S. 279

Erhard Korn schrieb an dieser Stelle zuletzt am 4. September 2021 über das »Boxerprotokoll« und den deutschen Kolonialismus in China

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