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Aus: Ausgabe vom 06.12.2021, Seite 16 / Sport
Fußball

Wie der Hase läuft

Der Degerfors IF hat es geschafft: Der linke Fußballklub bleibt in der ersten schwedischen Liga
Von Gabriel Kuhn, Stockholm
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Zynismus ist so Neunziger: Die Degerfors-Fans bleiben sportlich

»In Degerfors ist es keine Schande, Kommunist zu sein.« So urteilte Joakim, Mitglied der linksgerichteten Ultras Rossobianco, als junge Welt vor einem Jahr mit ihm sprach. Anlass war ein modernes Fußballmärchen: Degerfors IF, der Fußballverein der Stahlstadt mit 7.000 Einwohnern, war nach 23 Jahren in die Allsvenskan, die höchste Division des schwedischen Fußballs, zurückgekehrt. Dabei hatte niemand Geringerer als Sven-Göran »Svennis« Eriksson dem Klub Anfang der 2000er Jahre den Abstieg in die Amateurligen prophezeit. Die familiären Strukturen seien dem modernen Fußball nicht gewachsen. Eriksson, lange Jahre Teamchef Englands, hatte einst seine Trainerkarriere in Degerfors begonnen. Die Fans zeigten sich wenig beeindruckt. »Svennis, du irrst dich: Die Zukunft gehört uns!« schrieben sie auf ein Transparent.

In Schweden folgt die Fußballsaison aufgrund des langen Winters immer noch dem Kalenderjahr. Kaum jemand gab Degerfors IF in der ersten Liga eine Chance. Tatsächlich gingen Mitte April die ersten beiden Spiele verloren. Doch dann gab es Siege gegen IFK Göteborg, den Titelanwärter Djurgården IF und den Lokalrivalen IFK Örebro. Nach neun Runden lag Degerfors auf Rang fünf. Es war der Höhepunkt einer Saison, die einer Achterbahnfahrt glich. Es folgten zehn Spiele, in denen das Team genau einen Punkt holte. Plötzlich fand man sich auf dem Relegationsplatz wieder.

Die Gründe sind schwer auszumachen. Pech, zweifelhafte Schiedsrichterentscheidungen und der Verlust eines Leistungsträgers. Torhüter Ismael Diawara ersetzte in Malmö den zum HSV abgewanderten Reservekeeper Marko Johansson. Kurze Zeit später gab Diawara sein Debüt in der Champions League.

Währenddessen gelang seinen ehemaligen Kollegen in Degerfors der Befreiungsschlag. Ein 2:1-Sieg gegen AIK Stockholm leitete Ende September eine Serie von vier Spielen mit zehn Punkten ein. Eine Runde vor Schluss hatte man zu Halmstads BK punktemäßig aufgeschlossen. Vor dem letzten Spieltag am Samstag lag der rettende Platz 13 in unmittelbarer Reichweite. Halmstad hatte jedoch die mit Abstand bessere Tordifferenz.

Trotzdem war die Ausgangslage für Degerfors nicht schlecht. Während man selbst beim Tabellenschlusslicht und Fixabsteiger Östersunds FK antrat, musste Halmstad zum Spitzenreiter Malmö FF. Malmö brauchte noch einen Punkt, um sich wieder einmal den Titel zu sichern.

Die Spiele begannen zeitgleich – und es geschah nichts. Nervosität bestimmte das Geschehen. Mit 0:0 ging es in die Pause, in Malmö wie in Östersund. Danach das gleiche Bild. Degerfors hatte Spielvorteile, wurde aber kaum gefährlich. Malmö verwaltete das Unentschieden. Sollte Degerfors tatsächlich nur die Relegation bleiben?

In der 87. Minute wurde den Stahlstädtern noch einmal ein Eckball zugesprochen. Schwach geschossen landete der Ball im Strafraum, es kam zu einem Gestocher, und Johan Bertilsson, einer der Aufstiegshelden, knallte die Kugel aus wenigen Metern unter die Latte. Jubel im Schneegestöber. In Malmö passiert trotz achtminütiger Nachspielzeit nichts mehr.

Für den Vereinsvorsitzenden von Degerfors IF Fredrik Rakar war dieser Ausgang keine Überraschung. Als ihn die junge Welt am Freitag erreichte, plante er schon für die kommende Erstligasaison. Und nicht nur die. Nun wolle man sich in der Allsvenskan etablieren. »Diese Saison war ein Lehrjahr. Jetzt wissen wir, wie der Hase läuft.« Rakar sprach von einem »Fußballpuritanismus«, der Degerfors von der Konkurrenz trennt: »Spielst du woanders, beschwert sich das Publikum über jeden Pfiff. Bei uns können Zuschauer Fehlentscheidungen beanstanden, auch wenn wir selbst von ihnen profitieren.« Seinen Schlusssatz nahm Rakar nicht ganz ernst. »Vielleicht bedarf es etwas mehr Zynismus«, sagte er lachend.

Zunächst sollen jedoch ein paar neue Mitarbeiter angestellt werden. »Dann müssen nicht mehr alle 150 Prozent leisten«, erklärte Rakar. Ansonsten wird sich nicht viel ändern. In Degerfors trägt der Ort den Verein. Auch in einer weiteren Saison in der Allsvenskan.

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