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Aus: Ausgabe vom 01.12.2021, Seite 15 / Antifa
Rechter Terror

Beitrag zur Aufklärung des NSU

Antifaschisten veröffentlichen Broschüre zu niedersächsischer »Blood and Honour«-Zelle
Von Markus Bernhardt
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Zugang zu scharfen Waffen: »Combat 18« trainiert für den Terror (Sichergestelltes Material, Kiel 2003)

Antifaschistische Organisationen versuchen seit Jahren, Licht ins Dunkel des NSU-Terrors zu bringen und die personellen Verstrickungen in militante Neonazinetzwerke aufzuklären. Einen Beitrag dazu will die jüngst veröffentlichte Broschüre »Der NSU ist ein Netzwerk von Kameraden« leisten. Mit jenen Worten begann das Video, mit dem sich der NSU 2011 zu seinen Taten bekannte, wie die anonymen Antifaschisten erinnern. Zeitgleich mit dem Bekanntwerden dieses Videos habe eine »beispiellose Vernichtungsaktion von Beweismitteln in den Verfassungsschutzbehörden, bei der mehrere hundert Sachakten zu Neonazistrukturen und ihren Verfassungsschutzspitzeln geschreddert wurden« stattgefunden. Damit sei die Grundlage geschaffen worden für eine »staatliche Aufarbeitung«, die Unterstützerstrukturen »bis auf wenige Ausnahmen verschonte, um die eigenen Institutionen und Arbeitsweisen zu schützen«.

In der Publikation geben sie einen detaillierten Überblick über das internationale Netzwerk »Blood and Honour«, welches »die entscheidende Struktur« im NSU-Komplex gewesen sei. »In der 3.025 Seiten umfassenden Urteilsverkündung« des NSU-Prozesses sei der militante Zusammenschluss jedoch »nicht ein einziges Mal erwähnt« worden. »Vermutlich nicht ohne Grund«, heißt es in der Broschüre, da die Geschichte von »Blood and Honour« sich »nicht ohne Erwähnung der zahlreichen Verfassungsschutzspitzel« innerhalb des Netzwerks erzählen lasse. Aus diesem Grund beschäftige sich die Broschüre der Nazigegner mit »genau diesen Strukturen« in Niedersachsen, zu denen der Verfassungsschutz abblocke.

Gleich zum Einstieg skizzieren die Antifaschisten die Struktur des Netzwerks, dem weltweit mehr als 10.000 Faschisten angehören sollen. Zwar wurde »Blood and Honour« in der Bundesrepublik bereits im Jahr 2000 verboten, es existierte jedoch faktisch weiter, ohne im größeren Ausmaß von den Behörden behelligt zu werden. Ein besonderes Augenmerk wird in der Publikation auf die Strukturen der ehemaligen »Sektion Niedersachsen« des braunen Netzwerks um Johannes Knoch und Hannes Franke geworfen, die bereits Anfang der 2000er Jahre Strukturen aufgebaut hätten, die »Neonazis einen legalen Zugang zu scharfen Waffen und militärischem Know-how ermöglichen sollten«. »Die Spuren führten in Reservistenkameradschaften, zu bewaffneten Wehrsportübungen, in die Kampfsportszene, zu Rockerklubs und Söldnern«, berichten die Antifaschisten. Sie zeichnen den Werdegang der »Blood and Honour«-Strukturen in Niedersachsen nach, beleuchten im zweiten Teil ihrer Publikation die personellen Verstrickungen in das NSU-Terrornetzwerk, die Rockerszene und die dazu zählenden Tattoostudios.

Im dritten Teil der Broschüre werden die Aktivitäten der spätestens 2017 um Knoch gebildeten Gruppierung »Nordbund« beleuchtet, bei der es sich keineswegs bloß um einen ungefährlichen »germanischen Kulturverein« handele. »Die Gruppe, in der mehrere Mitglieder aus Militär- und Söldnerkreisen aktiv« seien, erinnere »in einigen Punkten stark an die Wehrsportschule, die Knoch mit weiteren Neonazis bis Mitte der 2000er Jahre« betrieben habe. Zudem verfüge die aktuelle Gruppe »über Zugang zu scharfen Waffen und rekrutiert derzeit Nachwuchs in der Magdeburger Hooliganszene um Knochs Sohn Lasse-Finn Riske«, warnen die Herausgeber der Broschüre. Für die Behörden stellt dies alles eher kein Problem dar.

Broschüre »Netzwerk von Kameraden. Von ›Blood & Honour‹ zum ›Nordbund‹: Kontinuitäten einer niedersächsischen Neonazizelle«, 64 Seiten, Bezug: netzwerkvonkameraden.noblogs.org

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