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Aus: Ausgabe vom 30.11.2021, Seite 15 / Betrieb & Gewerkschaft
Koalitionsvertrag

Kein Berufsfeld für alle

Ampelkoalition verordnet Universitäten weiteren Wettbewerb. Dies könnte die soziale Schließung in der Wissenschaft verstärken
Von Philipp Böttcher
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Die vielbeschworene Chancengleichheit – nicht nur im Wissenschaftssystem – ist vergleichbar mit dem Wettlauf zwischen Hase und Schildkröte

Mehr Bundesgelder für Wissenschaft und Forschung, eine Reform des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes, »Dauerstellen für Daueraufgaben«, längere Vertragslaufzeiten bei Promotionsstellen, höhere »Planbarkeit und Verbindlichkeit in der Postdoc-Phase« – was der Koalitionsvertrag von SPD, Grünen und FDP zum Thema Wissenschaft auflistet, erweckt auf den ersten Blick den Eindruck eines Fortschrittskatalogs, der den Interessen der wissenschaftlich Beschäftigten weitgehend entspricht. Doch genauer besehen scheint dem Ampeldokument gegenüber Skepsis mehr als angebracht. Nicht nur, weil die Vereinbarungen der künftigen Regierungskoalition als maximal vage und verhaltene »Wir-würden-vielleicht-gern-Bekundungen« daherkommen. Sie sind – liest man den gesamten Abschnitt des Koalitionsvertrags zu »Innovation, Wissenschaft, Hochschule und Forschung« – zudem eingebettet in ein Verständnis von Wissenschaft, das diese vor allem aus Verwaltungssicht, metrifizierbar und zweckorientiert denkt. Die Logik von Wettbewerb, Kennzahlen und Verwertbarkeit prägt die Einlassungen, wie überhaupt Geist und Rhetorik des Verwaltungsmanagements und der Kommodifizierung den 177 Blatt starken Vertrag prägen.

So ist an keiner Stelle von einer stärkeren dauerhaften Grundfinanzierung der Hochschulen die Rede, wohl aber von »ausgewählten Standorten als Leuchttürmen«. Demgemäß soll die Exzellenzstrategie noch ausgebaut werden – als sei hiervon eine Lösung zu erwarten und nicht die Intensivierung der in diesem Zusammenhang seit Jahren identifizierten Probleme. Strukturelle Veränderungen des Systems werden allenfalls einzelnen Projekten, Programmen und Förderlinien überantwortet. Dass solche Programmlinien ausdrücklich »zentrale Zukunftsfelder« wie »gesellschaftliche Resilienz« fördern sollen, gibt nicht bloß eine Ahnung davon, unter welchem zusätzlichen Rechtfertigungsdruck besonders die Geistes- und Sozialwissenschaften fortan stehen könnten. Es verrät auch, wofür sie vorgesehen sind: eine Gesellschaft im dauerhaften Krisenmodus zu affirmieren, statt kritische Gesellschaftsreflexion auszuüben.

Ein neues Bund-Länder-Programm soll »Best-Practice-Projekte« für »alternative Karrieren außerhalb der Professur«, »Diversity-Management« sowie »moderne Governance-, Personal- und Organisationsstrukturen« fördern. Daneben soll das Professorinnenprogramm »gestärkt« werden. Die zukünftigen Folgen sind voraussichtlich die Miseren von heute: eine punktuelle Förderung auf Zeit (insbesondere weniger Großstandorte), ein zunehmend aufgeblähtes, sich selbst verwaltendes Wissenschaftsmanagement und eine interuniversitäre Konkurrenz, die die Reform des Wissenschaftssystems den unter Verknappungs- und Wettbewerbsdruck stehenden Hochschulen selbst überlässt. Dass diese in der Regel zu Lasten ihrer Beschäftigten agieren, dafür bietet der Umgang mit dem Wissenschaftszeitvertragsgesetz oder jüngst mit dem Berliner Hochschulgesetz aufschlussreiche Beispiele.

Im Kontext der Diskussion um die Berliner Novelle konnte man kürzlich einen bemerkenswerten Eindruck davon erhalten, auf welches – in Ampeldiktion geschrieben – »Mindset« ein dem Wettbewerbsgedanken verschriebener Koalitionsvertrag in den Leitungsebenen der Universitäten treffen könnte: Unter der Überschrift »Nur die Besten sollen bleiben« nahm der Vizepräsident der Berliner Humboldt-Universität, Ludwig Kronthaler, in der FAZ vom 17. November zur Forderung nach mehr Dauerstellen für Postdocs im Allgemeinen und zu den im Berliner Gesetz garantierten Anschlusszusagen für Promovierte im Besonderen Stellung. »Wissenschaft ist kein Berufsfeld für alle«, lautete die zentrale Aussage des Textes. Das Berufsfeld müsse für die »wenigen kreativen Genies eines jeden Jahrgangs« reserviert bleiben; im »harten Wettbewerb der Wissenschaft« sollten »soziale und persönliche Kriterien« hintanstehen, heißt es weiter – als ob die hier gelobte Selektion unter Höchstqualifizierten nicht wesentlich entlang von Kriterien geschähe, die mit der Fähigkeit zu guter Forschung und Lehre wenig zu tun haben. Der Artikel, der sich auch im Folgenden so liest, als habe es nie eine Bildungssoziologie und Hochschulforschung gegeben, bemüht für die vermeintliche Bestenauswahl schließlich sogar den Vergleich mit einem Hundertmeterlauf. Dabei hat die Kritik solcher Ideologien der Meritokratie und Chancengleichheit vielleicht kein anderes Bild häufiger herangezogen, um zu verdeutlichen, in welchem Maße der Wettbewerb gerade neben der Strecke stattfindet. »Tatsächlich hieß Chancengleichheit nichts anderes, als dass Hase und Schildkröte an derselben Startlinie standen«, schreibt etwa Marion Messina in ihrem Roman »Fehlstart«.

Wie extrem sozial geschlossen sich die Wissenschaft vom Studium über die Promotion hin zur Professur darstellt, ist gut erforscht. Wenn im Koalitionsvertrag nun diffus der Ausbau des Tenure-Track-Programms angekündigt wird – für das sich bei selbstredend schärferer Auswahl auch der HU-Vizepräsident offen zeigt –, sollte man hellhörig werden: Nach der 2015 veröffentlichten Studie der Soziologin Christina Möller »Herkunft zählt fast immer« hat sich allen voran dieser Karriereweg in Gestalt der Juniorprofessur als am sozial exklusivsten erwiesen. Womöglich spiegelt sich somit im kleinen jenes Prinzip, dem die wettbewerbsfreundlichen Koalitionäre insgesamt zugetan scheinen: Survival of the Richest.

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