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Aus: Ausgabe vom 24.11.2021, Seite 11 / Feuilleton
Film

Für einen Eimer voll Milch

Mit fast zweijähriger Verspätung findet Kelly Reichardts Antiwestern »First Cow« doch noch den Weg in die deutschen Kinos
Von Hannes Klug
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Einsame Kuh und sanfter Typ: Otis »Cookie« Figowitz (John Magaro)

Seite an Seite liegen die beiden Skelette im Waldboden vergraben, so einträchtig und nahe beieinander, dass die Eröffnung des Films »First Cow« im Grunde nur einen Schluss zulässt: Hier ist ein Liebespaar gestorben. Der nächste Schnitt führt die Zuschauer 200 Jahre in die Vergangenheit, als die Wälder im Westen der USA noch koloniales Grenzgebiet waren und die Jagd nach Biberpelzen und Silberminen verwegene Suchtrupps beschäftigte. Cookie (John Magaro), der Koch, wird von der rauhbeinigen Schar, die ihn angeheuert hat, für sein sanftes Wesen gehänselt, bis er eines Nachts bei dem Versuch, Pilze zu sammeln, einem nackten, hungernden Mann auf der Flucht Kleidung bringt und ihn in seinem Zelt versteckt.

Es ist der Beginn einer Freundschaft zwischen zwei Männern, die versuchen wollen, lieber gemeinsam zu überleben als allein. Aber die Zeichen, die Regisseurin Kelly Reichardt während des Films aussendet, übermitteln noch eine andere, unausgesprochene Botschaft: dass sich hier eine Liebesgeschichte entspinnt, die nie angesprochen oder explizit gemacht wird, die aber die große Zärtlichkeit stiftet, mit der dieser stille Antiwestern erzählt ist. Die erste Kuh im Grenzland, die dem Film ihren Titel gibt, schwebt auf einer hölzernen Fähre über den Fluss. Der Bulle und das Kalb – eine versinnbildlichte Wiederkäuerkernfamilie – sind auf der langen Reise aus dem Süden Kaliforniens ums Leben gekommen. Die Kuh ist einsam, und der nächtliche Milchdiebstahl, der die Handlung voranbringt, ist mindestens genauso sehr, wie er ein kriminelles Unterfangen darstellt, eine liebevolle Annäherung an das verlorene Tier. Cookie streichelt die Kuh, und während er sie melkt, flüstert er ihr mit warmer Stimme Nettigkeiten ins Ohr.

Das Konzept gegen die Einsamkeit, das Cookie und sein Partner King-Lu (Orion Lee) sorgfältig praktizieren, ist eines, das man als gegenseitige Fürsorge beschreiben könnte. Das gilt auch für das häusliche Umfeld, in dem beide wie ein Ehepaar leben: Cookie fegt die gemeinsame Hütte, schüttelt die verstaubten Felle aus und dekoriert das gemeinsame Heim mit Blumen, die er gepflückt hat, während King-Lu von großen Geschäften träumt. Verhärteten Rollenmustern und der kolonialen Unterwerfung des Kontinents stellt Reichardt eine entgrenzte Form der Liebe gegenüber, als hätte hier die Philosophin Donna Haraway als Patin gedient, um Tier- und Pflanzenwelt, Landschaft, Technologie, Handel und dazu die ganzen Mythen und Realitäten rücksichtsloser Bereicherung zueinander in ein vielstimmiges Spannungsverhältnis zu setzen. Dass es den beiden Partnern nicht gelingt, sich aus dem gewaltvollen Narrativ zu befreien, in das sie verstrickt sind, macht die von ihnen gelebte Utopie tragisch.

Nachdem »First Cow« schon 2020 auf der Berlinale im Wettbewerb lief und danach auf der Streaming-Plattform Mubi gezeigt wurde, findet der Film nun mit fast zweijähriger Verspätung doch noch den Weg in die deutschen Kinos. Das ist einerseits der Pandemie geschuldet, die den Kinostart verhinderte, darf aber auch als Hinweis darauf gelten, dass zentrale Fragen, die dieser wunderbare Film aufwirft, nach wie vor einer Lösung harren und diese Erzählung mitnichten in sich abgeschlossen ist. Die Liebesgeschichte von Cookie und King-Lu vollzieht keinen Tabubruch wie in »Brokeback Mountain«, sie lässt das Tabu intakt. Doch sie durchkreuzt das Territorium, das eine festgebundene Kuh markiert, in alle denkbaren Richtungen.

»First Cow«, Regie: Kelly Reichardt, USA 2020, 122 Min., bereits angelaufen

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