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Aus: Ausgabe vom 20.11.2021, Seite 8 / Inland
Verlängerung des Arbeitstags

»Das wirkt sich negativ auf die Erholungsfähigkeit aus«

Mit Ampelkoalition im Bund droht Aufweichung der Arbeitszeitregeln. Studie warnt vor Folgen. Ein Gespräch mit Elke Ahlers
Interview: Kristian Stemmler
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Hinter dem Versprechen größerer Selbstbestimmung lauert die Entgrenzung der Arbeitszeit: Bürogebäude in Frankfurt am Main (12.2.2021)

Im Sondierungspapier von SPD, FDP und Bündnis 90/Die Grünen für eine Koalition im Bund heißt es, man wolle Wünsche nach einer »flexibleren Arbeitszeitgestaltung« aufgreifen. Sie haben mit Ihrer Kollegin Yvonne Lott eine Studie vorgelegt, die davor warnt. Wie könnte denn diese »Flexibilisierung« aussehen?

Zunächst erlauben flexible Arbeitszeiten den Beschäftigten, bis zu einem gewissen Grad über Lage und Dauer ihrer täglichen Arbeit zu entscheiden. Um aber vor Überlastung zu schützen, setzt das Arbeitszeitgesetz hier die nötigen Grenzen. Es regelt, dass täglich nicht mehr als acht Stunden gearbeitet werden darf, im begründeten Ausnahmefall zehn Stunden. Außerdem muss es zwischen zwei Arbeitstagen eine tägliche Erholungszeit von elf Stunden geben.

Was hätte der Abbau von Schutzvorschriften für Folgen?

Vor allem die FDP fordert eine Änderung des Arbeitszeitgesetzes. Anstelle der täglichen soll es eine wöchentliche Höchstarbeitszeit geben. Auch soll die Ruhezeit von elf Stunden aufgeweicht werden. Diese Regelungen seien veraltet, so die Argumentation, und nicht an die Herausforderungen einer digitalen und globalisierten Arbeitswelt angepasst. Dagegen betonen viele Arbeitswissenschaftler, dass gerade bei den dort typischen dynamischen und hohen Arbeitsanforderungen die Arbeitszeiten begrenzt werden müssen. Auch verweisen sie auf die Notwendigkeit der täglichen Erholungszeit.

Sie weisen darauf hin, dass »flexible Arbeitszeiten« vor allem bei bestimmten Situationen – wie Personalknappheit – problematisch sind.

Gerade dann, wenn Beschäftigte zeit- und ortsflexibel arbeiten und zudem angeben, dass der Betrieb oder die Abteilung durch Personalknappheit gekennzeichnet ist, erhöht sich die Belastungssituation der Beschäftigten. Die Beschäftigten müssen dieses Personaldefizit dann durch Mehrarbeit oder auch Multitasking ausgleichen. Es zeigt sich ein deutlicher Effekt von Personalknappheit auf die Erholungsfähigkeit der Arbeitnehmer. Ein sehr ähnlicher Effekt wird dann deutlich, wenn in Projekten oder Teams sowie mit engen Deadlines gearbeitet wird. Auch dies wirkt sich negativ auf die Erholungsfähigkeit aus.

Dabei ist von »interessierter Selbstgefährdung« die Rede. Was ist gemeint?

Die Befürworter einer Lockerung des Arbeitszeitgesetzes argumentieren, dass Überstunden sowie Abend- und Wochenendarbeit oft freiwillig und im Interesse von Beschäftigten seien. Diese würden sich mit ihrer Arbeit stark identifizierten und aus Leidenschaft für ihre Arbeit länger und am Abend oder Wochenende arbeiteten. Oft jedoch sind die Ursachen für Überstunden, Abend- und Wochenendarbeit berufliche Zwänge. In solchen Fällen entscheiden sich Beschäftigte zwar dafür, Überstunden zu leisten, aber nicht etwa aus Begeisterung für ihre Arbeit, sondern um ihr Arbeitspensum zu schaffen. Dabei entsteht für die Beschäftigten ein innerer Konflikt zwischen hoher Verantwortung für die Arbeit einerseits und dem Wissen andererseits, dass sie sich selbst und ihren Familien belasten.

Wie kann eine freiere Gestaltung der Arbeitszeiten ermöglicht werden, ohne dass Schutzrechte abgebaut werden?

Es sollte auf mehreren Ebenen gleichzeitig angesetzt werden. Die Beschäftigten selbst sollten zum Beispiel über Betriebsvereinbarungen zu zeit- und ortsflexiblem Arbeiten sowie zu Zeiten der Nichterreichbarkeit sensibilisiert und unterstützt werden, so dass es nicht zu Überforderung oder Burnout kommt. Zudem braucht es klare, verbindliche Arbeitszeit- und Arbeitsschutzgesetze, die in der Praxis auch eingehalten und kontrolliert werden.

Nun geht es Unternehmen auch hierbei vor allem darum, ihre Renditen weiter zu steigern …

… letztendlich schon. Und genau deshalb bedarf es staatlicher Regulierung von täglichen Höchstarbeitszeiten!

Elke Ahlers ist Leiterin des Referats »Qualität der Arbeit« am Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung

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