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Aus: Ausgabe vom 20.11.2021, Seite 2 / Inland
Militarismus

»Im Endeffekt üben sie Zerstörung«

Häufigere Militärmanöver wirken als Brandbeschleuniger globaler Konfrontation. Ein Gespräch mit Jürgen Wagner
Interview: Markus Bernhardt
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Feldlager der Bundeswehr bei NATO-Manöver in Norwegen (Gardermoen, 18.10.2018)

Im Sudhaus in Tübingen findet am Sonnabend die Konferenz der »Informationsstelle Militarisierung« (IMI) statt. Das Thema: »Manöver als Brandbeschleuniger: Kriegsspiele, Manöver und Konfrontation«. Welche Bedeutung hat die Durchführung solcher Übungen für die beteiligten Staaten und die jeweiligen militärischen Bündnisstrukturen?

Zunächst einmal hat die Zahl der Manöver seit der nochmaligen Eskalation der westlich-russischen Beziehungen ab 2014 – und dem immer schlechter werdenden Verhältnis zu China – dramatisch zugenommen. Bei vielen geht es auch um Fähigkeiten für Militärinterventionen im globalen Süden, aber es sind inzwischen vor allem Großmachtkriege – im Militärjargon »Auseinandersetzungen mit annähernd gleichrangigen Gegnern« –, die geprobt werden.

Es geht hier einmal um eine Machtdemonstration und vor allem auch darum, der Gegenseite zu signalisieren, man sei nicht nur willens, sondern auch in der Lage, seinen Interessen gegebenenfalls auch militärisch zur Durchsetzung zu verhelfen. Daneben geht es aber auch ganz praktisch um die angestrebte Fähigkeit, aus einem möglichen Großmachtkrieg »siegreich« hervorgehen zu können – und das will geprobt werden: vom Planspiel am Reißbrett über die Logistik bis hin zum konkreten Gefechtsfeld mit den jeweiligen Teilstreitkräften.

Offiziell soll dies einen gegnerischen Angriff abschrecken, geprobt werden aber meist auch Fähigkeiten, die einen selber in die Lage versetzen, »besser« angreifen zu können. Dadurch werden unter anderem Rüstungsspiralen befeuert, wie wir sie derzeit beobachten können.

Welche Risiken gehen außerdem von diesen Manövern aus?

Deren Zunahme wird von einem Rückgang vertrauensbildender Maßnahmen wie etwa der Rüstungskontrolle begleitet – sie liefern damit auch eine Art Indikator, welche Sprosse bereits auf der Eskalationsleiter erklommen wurde. Das ist allein deshalb schon problematisch, weil die häufigeren Manöver auch zu immer häufigeren Beinahezusammenstößen zwischen westlichem und russischem – im Falle des Indopazifik auch chinesischem – Militär führen. Je angespannter die Lage insgesamt ist, desto größer ist auch die Wahrscheinlichkeit, dass solch ein Zusammenstoß während eines Manövers weiter in Richtung eines ausgewachsenen Krieges eskalieren könnte. Dass gleichzeitig eben immer mehr vertrauensbildende Maßnahmen und Gesprächskanäle eingemottet werden, macht es auch nicht besser.

Und was bedeuten derartige Militäraufmärsche für die Umwelt?

Der Beitrag des Militärs zum CO2-Ausstoß wird von der Friedensbewegung schon länger thematisiert. Allein, wenn man sich den immensen Spritverbrauch von militärischem Großgerät vor Augen führt, wird klar, dass der ökologische Fußabdruck von Manövern enorm ist. Schließlich werden dabei teils Zehntausende von Soldatinnen und Soldaten sowie schweres Militärgerät über lange Strecken transportiert. Abgesehen davon ereignen sich nicht selten Unfälle während eines Manövers. Zum Beispiel kommt es bei Luft-Boden-Übungen immer wieder zu Waldbränden. Im Endeffekt üben die Streitkräfte Zerstörung – die Zerstörung von Mensch und Umwelt.

Im kommenden Jahr soll auch die ukrainische Armee am NATO-Manöver »Defender Europe 2022« teilnehmen. Rechnen Sie damit, dass diese geplante Waffenschau – im Gegensatz zu »Defender 2020« – trotz der Coronapandemie wie geplant stattfinden wird?

Wir gehen fest davon aus, schließlich stellt Defender Europe das wichtigste Manöver dar, mit dem die Logistik für den Aufmarsch an den russischen Grenzen geprobt wird. In welcher Form genau es im kommenden Jahr stattfinden wird, darüber wird gegenwärtig allerdings noch gestritten. Abgehalten werden dürfte die Großübung aber in jedem Fall.

Wie lässt sich Widerstand gegen die NATO-Manöver organisieren?

Man muss das Rad nicht neu erfinden, es gab in der Geschichte der Antikriegsbewegung immer wieder auch erfolgreiche Aktionen gegen Militärmanöver. Oft reichen wenige Mitstreiterinnen und Mitstreiter, um ein wenig Sand ins Getriebe zu streuen. Auch dazu soll der Kongress motivieren.

Jürgen Wagner ist geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Tübinger Informationsstelle Militarisierung (IMI)

Informationen zum Kongress: www.imi-online.de

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