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Aus: Ausgabe vom 19.11.2021, Seite 10 / Feuilleton
Literatur

An den Hauptnerv

Victoria Wolff beschrieb 1935 in ihrem Roman »Gast in der Heimat« die Frühzeit des Faschismus
Von Christiana Puschak
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»Wenn ich das im Suff sage, meine ich nicht Sie!« Die jüdischen Martells erleben die alltägliche Virulenz des Antisemitismus

Jahrzehntelang war Victoria Wolffs 1935 im niederländischen Exilverlag Querido erschienener und in Deutschland umgehend verbotener Roman »Gast in der Heimat« der Vergessenheit anheimgefallen. Der Literaturwissenschaftlerin Anke Heimberg ist es zu verdanken, dass er nun im Aviva-Verlag eine Neuauflage erfährt. Die 1903 in Heilbronn als Tochter einer jüdischen Fabrikantenfamilie geborene und 1992 in Los Angeles verstorbene Wolff beschreibt darin die politische und gesellschaftliche Entwicklung in Deutschland zwischen 1910 und 1934 am Beispiel zweier Familien in einer schwäbischen Kleinstadt, den protestantischen Dortenbachs und den jüdischen Martells. Natürlich ist das Buch autobiographisch.

Der Riss

Über die Protagonistin Claudia Dortenbach erfahren wir, dass sie »wohlbehütete Kinderjahre« verbracht habe: »Es war die Jugend, und sie war schön. Sie war erfüllt von Heimatliebe, Zutrauen und Leichtigkeit.« Der Riss kommt mit dem Weltkrieg. Claudia muss erkennen, dass es Kriege »nicht nur in Geschichtsbüchern« gibt.

Zwar missbilligt die sensible Hauptfigur die Einstellung ihres Vaters zu seiner Fabrik: »Es war doch auch möglich gewesen, den Müttern die Söhne zu nehmen, warum sollte es nicht möglich sein, an den Hauptnerv der Väter zu gehen, an ihre Fabriken?« Aber die Lebenseinstellungen und Ratschläge ihres Vaters prägen sie zeitlebens. Nicht hinnehmen will Claudia jedoch, dass eine Frau ihre Bedürfnisse zurückstellt, wie sie es von ihrer Mutter kennt. Sie entwirft für sich ein anderes Lebensmodell: Sie möchte eine Partnerschaft, die »ein Leben des Füreinander und der Ergänzung« ist. In dem jüdischen Jugendfreund und Rechtsanwalt Helmuth Martell meint Claudia einen Ehemann gefunden zu haben, mit dem sie »eine Einheit durch Zweiheit« werden kann.

Beide sind in der Kleinstadt gesellschaftlich eingebunden, beide haben sich Reputation und Freunde erworben. Jedoch mehren sich Anzeichen eines Einstellungswandels. Während einer Regimentsfeier erfährt Helmuth die Virulenz des Antisemitismus: »Martell, wenn ich mal im Suff ›Saujud‹ sage, dann meine ich nicht Sie!« Auch in der Familie Dortenbach, vor allem bei dem jüngeren Bruder Claudias, zeigt sich »plötzlich offen judenfeindliche Gesinnung«.

Die Zäsur

Für Wolffs fiktionales Alter ego Claudia wird wie für viele andere das Jahr 1933 zur Zäsur. Gleichsam von einem Tag auf den anderen werden aus Freunden Feinde, aus Mitbürgern Aussätzige: »Das Sichere war unsicher geworden und das Unsichere allein sicher.« Brieflich wird Helmuth Martell aufgefordert, auf seine Mitgliedschaft in dem Verein Liederkranz – »dem Geist der Zeit folgend« – zu verzichten, da er nicht »arischer Abstammung« sei. Die Kinder der Martells verstehen nicht, dass sie in der Schule »Mischling« genannt werden. Und Claudia spürt, »wie ein sonst normal reagierendes Gehirn sich langsam verändern konnte, wie sich Regungen entwickelten, aus Furcht, Zwang, Hass und Ohnmacht geboren, die ich bisher nie für möglich gehalten hatte«.

Der Ausweg

Nach anfänglicher Lähmung findet Claudia für sich und ihre bedrohte Familie einen Weg aus dem ihr fremd gewordenen Land: Sie emigrieren nach Ascona in die Schweiz. Gegen das Heimweh, das sie manchmal überkommt, hilft das Schreiben, »ihre große Zuflucht«.

Vieles aus ihrem Leben ließ die jüdische Schriftstellerin Victoria Wolff, die selbst über die Schweiz in die USA floh, in das ihrer Hauptfigur einfließen. Der Ort der Romanhandlung ist leicht als Wolffs Heimatstadt Heilbronn zu identifizieren. In fiktional abgewandelter Form wird auch die Verhaftungswelle Ende März 1933 festgehalten, der u. a. der KPD-Gemeinderat Erich Leucht zum Opfer fiel. Eindringlich beschreibt Wolff in »Gast in der Heimat« die Boykottaktionen der Nazis gegen jüdische Mitbürger am 1. April in Heilbronn und die Verfolgungen im Alltag. Die Schilderungen kleinstädtischer Verhältnisse sind gleichermaßen authentisch wie stilistisch brillant. Sie zeigen, wie sich mit der Faschisierung eine Gesellschaft der Ausgrenzung, Diskreditierung und Drangsalierung entwickelt. So entsteht ein Zeitgemälde der Stadt Heilbronn. Die Autorin erfasst die handelnden Personen psychologisch genau, beobachtet scharfsichtig die Prototypen der Heilbronner Gesellschaft und vermittelt am Beispiel der Protagonistin, wie aus Verwundbarkeit Widerstandsfähigkeit erwachsen kann.

Victoria Wolff: Gast in der Heimat. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Anke Heimberg. Aviva-Verlag, Berlin 2021, 336 Seiten, 22 Euro

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