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Aus: Ausgabe vom 18.11.2021, Seite 8 / Medien
Politischer Rundfunk

»Bei der FDP hört es auf. Sie ist der Klassenfeind«

Zur 1.000. Ausgabe von »O. K. beat« im öffentlich geförderten Sender Alex Berlin. Ein Gespräch mit Rolf Gänsrich
Interview: Gitta Düperthal
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An den Mikrofonen: Rolf Gänsrich im Studio von Alex Berlin

Beim Sender Alex Berlin, der aus dem 1985 gegründeten Bürgersender Offener Kanal Berlin hervorging, läuft an diesem Donnerstag Ihre Sendung »O. K. beat« zum 1.000. Mal. Alex Berlin bietet Radiobegeisterten die Chance, eigene Sendungen auszustrahlen. Wie kamen Sie auf die Idee, sich als Radiomacher zu betätigen?

Meine Sendung lief zum ersten Mal am 23. April 1995. Ursprünglich wollte ich freche Sprüche bringen und Oldies spielen, so wie Lord Knut mit »Evergreens a Gogo«, den der RIAS 1986 gefeuert hatte. Weil aber Chuck Berry und Elvis Presley eher ausgedudelt waren, ließ ich mir was Neues einfallen. Mir fiel auf, dass viele Künstler, Autoren, Musiker und Theaterleute, die auf offenen Bühnen auftreten, kein Medium finden. Also begann ich, Gäste aus Kunst, Kultur, Wirtschaft, Politik etc. einzuladen.

Darunter waren etwa Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller, als der noch im Amt war, sowie jüngst auch jW-Chefredakteur Stefan Huth und in Ihrer 999. Folge der Berliner Autor Wolfgang Endler. Wie entscheiden Sie, wen Sie einladen?

Als ich den Berliner Bürgermeister einlud, wollte ich mal ausprobieren, wie weit ich in der Hierarchie der Politik nach oben komme. Ich hab’ das öfter getestet und viele Absagen kassiert. Müller kam. Wolfgang Endler kenne ich seit Jahren. Und Stefan Huth hatte ich eingeladen, weil ich wissen wollte, wie die seriöse Zeitungsbranche arbeitet. Ich hatte auch jemanden von der Springer-Presse eingeladen. Dass man sich dort nicht rührte, verwundert nicht, weil ich links bin.

Mitunter spricht mich jemand an: »Die Person fand ich toll, kannst du dich mal kümmern?« Oder mich springt ein Thema an. Etwa hatte ich eine Firma in meiner Sendung, die der Umwelt zuliebe Kaffee von Südamerika nach Deutschland segelte. Ich wünsche mir mehr Leute von Kiez­initiativen, die für bezahlbaren Wohnraum demonstrieren, als Gäste in meiner Sendung. Die können sich bei mir melden. Ansonsten mache ich solange weiter, wie man mich lässt. Zur 1.000. Sendung kommen unter anderem die Theatergruppe »Die sTrotzenden« und die Kleinkunstbühne »Crazy Words«.

Wen würden Sie auf keinen Fall einladen?

Von der CDU war mal jemand da, bei der FDP hört es auf. Sie ist für mich der Klassenfeind. Meine Message versuche ich im Hippie-Stil unterzumogeln: Macht lieber Liebe, als dass ihr Krieg führt. Ich bin kein Freund des Kapitalismus, vor allem, was die Machtstrukturen der Großkonzerne anbelangt. Im Laufe der Jahre musste ich zur Ansicht gelangen, dass wir das Kapital schwer gebändigt bekommen.

Welche Voraussetzungen braucht es, wenn man Radio bei Alex Berlin machen möchte?

Alex Berlin, eine Einrichtung der Medienanstalt Berlin-Brandenburg, wird über den Rundfunkbeitrag finanziert. Der Sender präsentiert Berliner Inhalte, unterstützt Medienmacherinnen und Medienmacher bei der Produktion und Verbreitung. Wir Nutzer, Radio- und Fernsehmacher, setzen uns ein, diese Möglichkeit kritischer Öffentlichkeit zu erhalten. Um in meiner Sendung zu Gast zu sein, ist es gut, »linkslastig« zu sein.

Wenn es nicht darum geht, Geld zu verdienen, was treibt Sie an?

Wir machen ehrenamtlich Radio. Dazu muss man ein gewisses Maß an Besessenheit haben. Sie könnten mich nachts um drei Uhr anrufen und fragen, ob ich moderieren möchte: Ich würde ja sagen. Ansonsten bin ich freier Journalist, Autor und Stadtführer, das Finanzamt führt mich als Künstler.

Und wie groß ist Ihr Publikum?

Weil unser Radio nicht werberelevant ist, wird keine Quote errechnet. Nach Schätzungen der Medienanstalt Berlin-Brandenburg hören uns rund 40.000 Menschen. Mitunter passieren komische Dinge. Als ich mit dem Motorrad unterwegs war, hielt einer neben mir, rief aus dem Autofenster »Ey Gänsi, deine Sendung gestern war klasse«. Woher er mich kannte, weiß ich nicht. Beim Radiomachen sieht man den Moderator ja nicht. Aber Leute kommen zu meinen Stadtführungen, weil sie mich mal gehört haben.

Rolf Gänsrich ist Radiomacher bei Alex Berlin

»O. K. beat«, Do. 13 Uhr, UKW 91 MHz; www.alex-berlin.de

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