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Aus: Ausgabe vom 15.11.2021, Seite 8 / Ansichten

Ungebildete des Tages: FDP-Wähler

Von Jan Greve
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Zieht Leute an, die nur in Schwarz und Weiß denken: FDP-Politik (Wahlplakat in Berlin, September 2021)

Das bundesrepublikanische Bildungssystem hat einen schlechten Ruf. Zu Recht, mich hielt es dumm. In der Schule wurde mir im Politikunterricht beigebracht, wie gerecht diese Gesellschaft ist. Da wurde viel von Freiheit palavert, und das habe ich geglaubt. Die Folge: Bei meinen ersten Wahl-O-Mat-Besuchen belegte die FDP einen Spitzenplatz. Mea culpa! Später las ich Marx und verstand die Beschissenheit der hiesigen Verhältnisse. Heute schimpft man mich deswegen Verfassungsfeind. Wie dumm!

Es geht aber auch klüger: Bei Unternehmersöhnchen und -töchtern, die ihren guten Abschluss dank elterlichem Geldbeutel schon in der Tasche haben, gehen die liberalen Glaubensgrundsätze links rein und rechts raus. Zwar werden die Freiheitsfloskeln für die eigene PR gebraucht. Aber diese Clique konzentriert sich aufs Wesentliche: Ellbogen anwinkeln, Lächeln aufsetzen, Mehrwert auspressen. Damit das möglichst reibungslos funktioniert, bilden die Nachwuchskapitalisten Karrierenetzwerke. Eines davon trägt den Namen Junge Liberale und ist die Vorfeldorganisation der FDP. Am Wochenende trafen sich die »Julis« zum Bundeskongress und wählten mit Franziska Brandmann ihre neue Vorsitzende. Sie weiß, was von ihr erwartet wird. Im Welt-Interview von Sonnabend nennt sie »Bildung, Freiheit mündiger Bürger, Marktwirtschaft« als ihre Themen und begegnet Forderungen nach Vergesellschaftung mit einem rhetorischen Unfall: »Wenn, dann wird hier vergemarktwirtschaftet.«

An diesen Quatsch glaubten bei der Bundestagswahl 23 Prozent der Erstwähler, die der FDP ihre Stimme gaben. Den ganzen neoliberalen Hokuspokus namens Bertelsmann-Studien und PISA-Untersuchungen können wir uns in Zukunft sparen: Um zu verstehen, wie es um dieses Bildungssystem bestellt ist, reicht ein Blick auf die FDP-Wahlergebnisse.

Zeitung gegen Profite mit der Gesundheit

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  • Leserbrief von Reinhard Hopp aus Berlin (17. November 2021 um 21:10 Uhr)
    Für die englische Bourgeoisie »existiert nichts in der Welt, was nicht nur um des Geldes willen da wäre, sie selbst nicht ausgenommen, denn sie lebt für nichts, als um Geld zu verdienen, sie kennt keine Seligkeit als die des schnellen Erwerbs, keinen Schmerz außer dem Geldverlieren. (...) In letzter Instanz ist doch das eigne Interesse und speziell der Gelderwerb das einzig entscheidende Moment. Ich ging einmal mit einem solchen Bourgeois nach Manchester hinein und sprach mit ihm von der schlechten, ungesunden Bauart, von dem scheußlichen Zustande der Arbeiterviertel und erklärte, nie eine so schlecht gebaute Stadt gesehen zu haben. Der Mann hörte das alles ruhig an, und an der Ecke, wo er mich verließ, sagte er: And yet, there is a great deal of money made here.« (Friedrich Engels, MEW Bd. 2, S. 486f.)
  • Leserbrief von E. Rasmus aus Berlin (16. November 2021 um 11:30 Uhr)
    Jan Greve schreibt eingangs: »Das bundesrepublikanische Bildungssystem hat einen schlechten Ruf. Zu Recht, mich hielt es dumm. In der Schule wurde mir im Politikunterricht beigebracht, wie gerecht diese Gesellschaft ist. ... Später las ich Marx und verstand die Beschissenheit der hiesigen Verhältnisse. Heute schimpft man mich deswegen Verfassungsfeind. Wie dumm!« Vollkommen richtig. Dagegen meint Josie Michel-Brüning in ihrem Onlineleserbrief: »Die jungen Wähler brauchen sich heutzutage nicht einmal mehr durch die schwer zu lesenden Bände von ›Das Kapital‹ zu quälen, sie müssen nur Augen und Ohren offenhalten.« Robinson Crusoe hätte nie überleben, kein Feuer entfachen, kein noch so primitives Werkzeug herstellen können, wären ihm nicht die Errungenschaften der Zivilisation verinnerlicht bewusst gewesen. Man muss heute, wenn es um positive, d. h. radikale Veränderungen geht, das nötige Grundwissen des Marxismus-Leninismus – und Ernst Bloch braucht man dazu nicht – als Einmaleins von Gegenwart und Zukunft beherrschen. Man muss die Geschichte als Geschichte von Klassenkämpfen kennen und den »Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen« sowie den »Anti-Dühring« bei Engels sich als Grundwissen mit den dialektischen Grundgesetzen aneignen und nicht zuletzt über Lenins Imperialismustheorie Bescheid wissen. Vor allem geht es in der heutigen Zeit auf dieser Grundlage um die Einheit im Kampfe sowie um die Solidarität gegen das Finanzkapital. Verändern kann man nur mit Marx, der unter anderem auch schrieb: »Meine Untersuchung mündete in dem Ergebnis, dass Rechtsverhältnisse wie Staatsformen weder aus sich selbst zu begreifen sind noch aus der sogenannten allgemeinen Entwicklung des menschlichen
    Geistes, sondern vielmehr in den materiellen Lebensverhältnissen wurzeln, deren Gesamtheit Hegel, nach dem Vorgang der Engländer und Franzosen des 18. Jahrhunderts, unter dem Namen ›bürgerliche Gesellschaft‹ zusammenfasst, dass aber die Anatomie der bürgerlichen Gesellschaft in der politischen Ökonomie zu suchen sei.« (MEW Bd. 13, S. 8) Fazit: Ohne die Klassiker geht es nicht …
    • Anmerkung der jW-Redaktion (18. November 2021 um 11:53 Uhr)
      Zu diesem Leserbrief ergänzte Autor E. Rasmus:

      Weit über zehn Jahre lang befanden sich in der Onlineausgabe der Zeitung junge Welt mitunter auch Leserbriefe von mir, die mit Versen versehen waren. Nun scheint die Redaktion einschränkend demokratisch zu wirken und Pünktchen setzen zu lassen, wo Verse den Abschluss des Leserbriefes bilden wie jüngst. Eine solche von kulturpolitischer Ignoranz vor allem gegen mich gezeigte Haltung sollte öffentlich begründet werden, denke ich. Andererseits kann es mich mit einem gewissen Stolz erfüllen. Und ich halte es mit Voltaire, der da sagt: »In einer irrsinnigen Welt vernünftig sein wollen, ist schon wieder ein Irrsinn für sich.« Die Redaktion ist offenbar bemüht, zumindest teilweise, sich der Zeit anzupassen. Das bewies mir unter anderem ebenfalls der tunlichst ignorierende Umgang mit einem der Redaktion im Sommer zugesandten Exemplar des Taschenbuches mit überwiegend politischen Versen unter dem Titel »Nicht wirklich? Doch!«, das gemeinsam mit dem OKV entstanden ist und wo bereits auf dem Cover Bezug zur jungen Welt genommen wurde – nachzulesen auch in der Buchveröffentlichung in der Monatsschrift Rotfuchs 11/2021, S. 29 sowie auf der Website des DDR-Kabinetts Bochum. Offenbar ist diese Zeitung über Solidarität erhaben – jedenfalls von einem über Siebzigjährigen. Nun, der Wandel durch Trennung stellt vermutlich ein Resultat auf Egon Bahrs »Wandel durch Annäherung« dar. Schade. Ich las die junge Welt bereits seit 1965, und sie war bislang Bestandteil meiner Bildung.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Josie M. aus 38448 Wolfsburg (15. November 2021 um 13:03 Uhr)
    Ja, natürlich beklagt der Autor unser einseitiges Bildungssystem zu Recht. Und natürlich stimmt es, dass beispielsweise Bertelsmann-Studien, wie im Untertitel angedeutet, wirksam verhindern, dass etwa Konsequenzen aus den PISA-Studien gezogen werden. Es erscheint mir aber zu kurz gedacht, die einseitige Bildung auf die Provokation runterzubrechen, dass die jungen FDP-Wähler nur »dumm« und »ungebildet« sind. Bekanntlich ist das ganze Leben ein Lernprozess. Und immerhin räumt der Autor hier seine eigenen »Jugendsünden« ein, bevor er die Idee und die Gelegenheit hatte, »seinen Marx zu lesen«, also seinen eigenen Erfahrungshintergrund und seinen Horizont zu erweitern. Wie Ernst Bloch schon im »Prinzip Hoffnung« sagte: »Not lehrt denken.« Wer der Hoffnung, der Aufklärung und damit auch der Emanzipation eine Chance geben will, der sollte meiner »unmaßgeblichen Meinung« nach nicht in der noch so verständlichen verärgerten Reaktion verharren, um damit nur die voraussehbaren Trotzreaktionen hervorzurufen. Die Umstände beweisen doch gerade, wie vorausschauend Marx mit seinen Theorien war, in denen auch die von vielen »Marxisten« leider vernachlässigten möglichen ökologischen Konsequenzen bedacht worden waren. Die jungen Wähler brauchen sich heutzutage nicht einmal mehr durch die schwer zu lesenden Bände von »Das Kapital« zu quälen, sie müssen nur Augen und Ohren offenhalten. »Die Linke« muss sich demnach nicht wie »mit dem Rücken an der Wand stehend« verhalten, sondern kann dementsprechend die doch offensichtlichen Tatsachen und die sich daraus zu befürchtenden Konsequenzen benennen.
    Josie Michel-Brüning, Wolfsburg

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