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Aus: Ausgabe vom 13.11.2021, Seite 6 / Ausland
Gestern und heute

Von Grenzen und Flüchtlingen

Krieg, Krise, keine Perspektive: Über das Reisen im Nahen und Mittleren Osten
Von Karin Leukefeld
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Am Grenzübergang Nasib: Syrische Flüchtlinge kehren im Juli 2018 aus Jordanien zurück

Die Zeit ist vorbei, als die Bewohner Bagdads oder Basras, um zu studieren oder Handel zu treiben, nach Damaskus, Beirut, Jerusalem oder Kairo reisen konnten. Auch in die andere Richtung ist das nicht mehr so einfach möglich. In Krisen und Kriegen haben zunächst die Europäer und der Völkerbund nach 1918 ein französisches und ein britisches Mandatsgebiet errichtet. 1948, als die neuen Staaten Irak, Syrien und Palästina sich auf ihre Unabhängigkeit vorbereiteten, wurde der Region ein weiterer Schlag versetzt.

Die gewaltsam durchgesetzte Gründung Israels 1948 zerriss Familien, Nachbarschaften und Wirtschaftsräume. Die Vertreibung der Palästinenser war erst der Anfang einer nicht enden wollenden Zerteilung des Gebiets zwischen Euphrat, Tigris und dem Mittelmeer. Seitdem ziehen immer neue Flüchtlinge von einem Land zum anderen, um schließlich in einem der vielen Lager zu stranden, wo es außer Hilfsprojekten und Almosen keine Perspektive gibt.

Zehn Jahre Krieg in Syrien haben die Region erneut verändert. Die Grenzübergänge im Norden zur Türkei sind von verschiedenen Armeen und Kampfgruppen besetzt, die sich am Schmuggel – von Menschen in die eine und von Waffen und Kämpfern in die andere Richtung – ebenso bereichern wie an den vom Westen finanzierten Hilfslieferungen.

Im Osten Syriens liegt die Grenze zum Irak in einem Wüstengebiet, in dem arabische Stämme leben. US-Besatzungstruppen sorgen ebenso wie US- und israelische Luftangriffe dafür, dass die Armeen Syriens und des Iraks ihre gemeinsame Grenze nicht kontrollieren können. Israel, der Iran und andere liefern sich mit Kampfdrohnen einen Schattenkrieg um den einzigen geöffneten Grenzübergang Al-Bukamal.

Am südlichen Grenzübergang Al-Tanf/Al-Walid, über den eine Straße führt, die Bagdad mit Damaskus verbindet, hat die US-Armee – auf syrischem Territorium – eine Militärbasis errichtet und eine 50 Kilometer breite Pufferzone gezogen. Auf dem Gelände bildet sie eine »Revolutionäre Kommandoarmee« aus, die offiziell gegen die Dschihadistenmiliz »Islamischer Staat« kämpfen soll, die sich in der Region allerdings weitgehend aufgelöst hat.

Rund 100 Kilometer südlich von Damaskus liegt der Grenzübergang Nassib nach Jordanien. Während des Krieges war die Grenze geschlossen. Als sie 2018 wieder geöffnet wurde, kehrten Zehntausende syrische Flüchtlinge aus Jordanien in ihre Heimat zurück. Anfang 2020 wurde der Grenzübergang erneut wegen des Ausbruchs der Coronapandemie geschlossen. Ende September 2021 wurde er wieder geöffnet, doch nur zwischen 700 und 1.000 Fahrzeuge passieren ihn pro Tag in beide Richtungen, erklärt gegenüber jW der Grenzoffizier General Masen, der für das Gespräch mit der Autorin eine Genehmigung des Innenministeriums erhalten hat.

Die Reisenden seien Geschäftsleute, die in Jordanien, Saudi-Arabien oder in einem der Golfemirate zu tun hätten. Lastwagen transportierten Gemüse oder Textilien aus Syrien nach Jordanien, in den Irak oder in die Golfstaaten, umgekehrt würden Waren von dort nach Syrien und in den Libanon gebracht. Die Fahrer der Lkw seien meist Pakistaner oder Ägypter, berichtet der Offizier. Zwischen 50 und 70 Lastwagen überquerten die Grenze in beide Richtungen pro Tag. Vor dem Krieg seien es täglich mehr als 1.000 gewesen.

Auch UN-Diplomaten und Hilfsorganisationen würden zwischen Damaskus und Amman reisen. Busse aus Saudi-Arabien brächten Angehörige von syrischen Gastarbeitern nach Syrien, die ihre Familien besuchen wollten. Manche müssten Papiere in Damaskus verlängern oder andere Behördengänge erledigen. Für Jordanien seien die Transitgebühren eine wichtige Einnahmequelle, sagt General Masen. Nur wenige Privatpersonen überquerten den Grenzübergang, die Coronaregeln seien streng und machten das Reisen teuer.

Will man von Damaskus nach Amman reisen, muss zunächst ein PCR-Test gemacht werden. Ein weiterer Test wird auf der jordanischen Seite der Grenze vorgenommen, der wieder bezahlt werden muss. Das Taxi kostet für eine Strecke zwischen Damaskus und Amman 100 Jordanische Dinar. Mangels Kundschaft muss ein Reisender oft den Wagen alleine bezahlen. Normalerweise teilen sich vier Personen den Preis. Für die Taxifahrer lohnt sich das kaum. Ein Fahrer darf nur eine Fahrt machen und muss dann fünf Tage pausieren.

Der Fahrer Ahmad (Name geändert, jW), dessen Transportunternehmen vor dem Krieg mit mehreren Wagen mehrmals täglich die Strecke von Damaskus nach Amman oder Beirut bestritt, hat wegen der schwierigen Bedingungen die Tour nach Amman eingestellt. Auch Kundschaft von Beirut nach Damaskus oder umgekehrt hat er seit Monaten nicht gehabt. Viele Männer seines Alters würden Syrien verlassen, berichtet er. Gerade erst seien frühere Kollegen von ihm über Beirut nach Minsk geflogen. »Dort bleiben sie einige Tage im Hotel, dann bringt man sie an die Grenze zur EU. Sie wandern etwas durch die Wälder, passieren die Grenze und werden auf der anderen Seite von ihren Verwandten abgeholt, die in Deutschland leben«, so der Plan, erzählt er. 10.000 Euro koste das, räumt Ahmad ein. »Was sollen sie machen? Es gibt hier keine Arbeit, keine Perspektive.« Für ihn selbst käme das nie in Frage. Er werde seine Familie im Dorf nicht verlassen, und außerdem, fügt Ahmad hinzu: »Ich kenne niemanden in Deutschland.«

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