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Aus: Ausgabe vom 27.10.2021, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Onlineriese

Beschäftigte organisieren sich

Amazon-Angestellte in USA reichen Petition für Gewerkschaftsgründung ein
Von Marco Schröder
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Amazon-Beschäftigte demonstrieren am Montag in New York gegen die schlechten Arbeitsbedingungen beim Onlineriesen

Der erste Schritt ist getan: Beschäftigte des Amazon-Warenhauses mit dem kryptischen Spitznamen JFK 8 in Staten Island, New York, haben am Montag (Ortszeit) eine Petition beim zuständigen National Labor Relations Board (NLRB) eingereicht, um eine Gewerkschaft zu gründen. Chris Smalls, ehemaliger Lagerarbeiter beim Konzern und Präsident der Amazon Labor Union, unterstützt das Vorhaben der »Amazonians«. Smalls ist in der Pandemie zum Aktivisten geworden, weil er seine Kollegen aufforderte, die Arbeitsstelle zu verlassen, um die eigene sowie die Gesundheit der Kollegen und ihrer Familien nicht zu gefährden. Nachdem er gefeuert worden war, wurde er zum Sprachrohr einer internationalen Bewegung gegen den Onlineriesen. Am Montag sagte er gegenüber dem Commercial Observer, die Organisierung von Amazon-Beschäftigten sei besonders schwierig, da die Belegschaft stark fluktuiere und ständig Leute entlassen würden. Auch versuche Amazon, die Belegschaft durch Zäune sowie andere Einschüchterungstaktiken von den Aktivisten zu trennen.

Nachdem es während der Pandemie zu zahlreichen wilden Streiks bei dem Unternehmen gekommen war, fiel eine Mitarbeiterabstimmung im April in einem Amazon-Lager in Bessemer, Alabama, zugunsten von Amazon aus. Abgestimmt wurde darüber, ob die Belegschaft der Gewerkschaft Retail, Wholesale and Department Store Union (RWDSU) beitritt. Wie viele Aktivisten in den USA beteuerte der RWDSU-Präsident Stuart Appelbaum nach der Niederlage, Amazon habe mit Lügen, Täuschungsversuchen und kriminellen Methoden die Abstimmung beeinflusst. Tatsächlich war die Propaganda und Medienkampagne von Amazon mit dem Ziel, die Belegschaft einzuschüchtern, geradezu grotesk.

Amazon ist mit 950.000 Angestellten neben Walmart der zweitgrößte »Arbeitgeber« des Landes und nicht nur in den USA für dystopische Praktiken der Arbeiterüberwachung in seinen gigantischen Warenlagern bekannt. Die Gewerkschaftskampagne in Bessemer wurde von Arbeitsaktivisten weltweit beobachtet und unterstützt.

Derweil kommt es seit Anfang Oktober zu der größten Streikwelle, die die USA seit langem gesehen haben. Laut Erhebungen der Cornell University gab es bis Mitte des Monats 38 Ausstände. Derzeit streiken Hollywood-Filmcrews, Mitglieder der United Autoworkers (UAW) bei John Deere (einem Fertiger von Landwirtschaftsmaschinen) in mehreren Bundesstaaten sowie Mitarbeiter von Kellogg’s, Minenarbeiter in Alabama, Pfleger in Kalifornien und Buffalo. Wie Chris Laursen, Arbeiter bei John Deere und Vorsitzender der streikenden UAW in Idaho, in der Youtube-Sendung »Breaking Points« am 21. Oktober erklärte, richten sich die Streiks in den USA neben niedrigen Löhnen gegen das sogenannte Two-Tier-Benefit-System, das von vielen US-Unternehmen benutzt wird, um die Löhne neuangestellter Arbeiter zu drücken und die Belegschaft zu spalten. Auch gebe es eine breite Unzufriedenheit darüber, dass große Unternehmen auch während der Pandemie ihren Umsatz gesteigert haben.

Obwohl das Angebot an freien Stellen über das vergangene Jahr um 62 Prozent gestiegen ist, ist die Zahl der Neubeschäftigten in den USA in den vergangenen Monaten rapide gesunken. Wie NBC News am 15. Oktober berichtete, haben allein im August 4,3 Millionen Arbeiter ihren Job gekündigt, wobei rund 800.000 von ihnen keine neue Anstellung haben. Es scheint, dass ein Großteil der Menschen schlicht keine Lust mehr hat, einem stupiden und schlecht bezahlten Job nachzugehen. Viele Beschäftigte in den USA klagen seit langem über schlechte Arbeitsbedingungen, unsichere Arbeitsverhältnisse und zuwenig Freizeit. Dazu kommt die schlechte Krankenversorgung sowie fehlende Lohnfortzahlungen im Krankheitsfall.

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