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Aus: Ausgabe vom 25.10.2021, Seite 4 / Inland
Repression gegen Sinti und Roma

Polizeiübergriff gegen Kind hat Folgen

Konstanzer Beamten droht Strafe für Festnahme von elfjährigem Sinto-Jungen in Singen
Von Sebastian Lipp
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Vor Handschellen und Polizeigewahrsam sind in Baden-Württemberg auch spielende Minderjährige nicht sicher

Die Staatsanwaltschaft Konstanz soll vergangene Woche Strafbefehl gegen zwei der vier Beamten erlassen haben, die am 6. Februar 2021 ein elfjähriges Kind in Singen in Handschellen abgeführt hatten. Das berichtete der Landesverband Baden-Württemberg im Verband Deutscher Sinti und Roma (VDSR BW) am Freitag in einer Mitteilung. Gegen zwei weitere Beamte sei das Verfahren gegen Auflagen eingestellt worden. Die Vorwürfe gegen das Kind hätten sich indes »als vollkommen haltlos erwiesen«.

Am besagten Nachmittag hatten nach Schilderung des VDSR BW mehrere Kinder an ihrem Wohnort in Singen gespielt, als Polizisten sie Personenkontrollen unterzogen. Nachdem eines der Kinder seinen Nachnamen genannt hatte, fragte einer der Beamten demnach, ob es von der »›Zigeunerfamilie« sei. Außerdem sei eines der Kinder sinngemäß mit den Worten »Einer von den ›Zigeuner‹, die kennen wir ja«, »Du kommst eine Nacht hinter Gittern« und »Der Tod kommt dich holen« bedroht worden. Die Polizisten hätten den Kindern verboten, Anrufe ihrer Eltern entgegenzunehmen. Sie legten dem Kind, das sie zuvor durchsucht hatten, Handschellen hinter dem Rücken an und führten es ohne ersichtlichen Anlass ab, so der Verband.

Das Kind habe die Beamten angefleht, seine Mutter benachrichtigen zu dürfen, die sich in einer nicht weit entfernten Wohnung aufgehalten hatte, außerdem die Beamten darauf hingewiesen, dass es wegen eines kurz zuvor erlittenen Unfalls drei angebrochene Rippen habe und an Asthma leide. Dennoch sei der Junge mit körperlicher Gewalt auf den Rücksitz des Einsatzwagens verbracht worden. Als das Kind wiederholt hatte, dass es an Asthma leide und die Fesselung ihm Atemprobleme bereite, hätte eine Polizistin erwidert: »Halt die Schnauze!« Laut VDSR BW rief die von den anderen Kindern informierte Mutter des Elfjährigen sofort bei der Polizeiwache an und fragte nach ihrem Kind, dessen Verbleib dort noch unbekannt gewesen sei. Sie wies auf die Vorerkrankung des Kindes hin und bat darum, dessen Aufenthaltsort zu ermitteln. Als sie sich mit einem zweiten Anruf nach dem Status der Suche erkundigte, hätten die Beamten noch immer nicht gewusst, wo das Kind sei, ihren dritten Anruf gar nicht mehr entgegengenommen.

In der Zwischenzeit war das Kind in Handfesseln auf der Polizeiwache angekommen. Erst nachdem die Polizei es eine halbe Stunde in einem Verhörzimmer festgehalten hätte, habe sie das Kind wieder freigelassen. »Es lief vollkommen verängstigt alleine nach Hause und überquerte dabei eine vielbefahrene Schnellstraße, auf der das Kind im Jahr zuvor von einem Auto angefahren worden war«, so der Verband. Weder der Mutter noch dem Kind sei die Maßnahme begründet worden.

Der Landesverband hatte den Fall an die Öffentlichkeit gebracht und zeigt sich erfreut darüber, dass die Staatsanwaltschaft nun festgestellt habe, alle vier Beamten hätten rechtswidrig gehandelt. »Der Vorfall hat großes öffentliches Interesse und Empörung ausgelöst. Wir wünschen uns und erwarten auch, dass es zu einer öffentlichen Verhandlung kommt«, sagte Daniel Strauß, der Vorstandsvorsitzende des VDSR BW. Das ist durchaus denkbar, denn die beiden Beamten hätten Einspruch gegen die Strafbefehle eingelegt. Allerdings gehe die Staatsanwaltschaft bisher nicht von einer antiziganistischen oder rassistischen Motivation aus. Das kritisiert Strauß: »Die mehrfache Verwendung des antiziganistischen ›Z.‹-Begriffs ist belegt. Die Tatmotivation muss beim Namen genannt werden.«

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