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Aus: Ausgabe vom 23.10.2021, Seite 10 / Feuilleton
jW-Lesewoche

Kaiserlich-koloniale Kontinuitäten

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Zu Recht stolzer Autor: Mit seinem Buch über den deutschen Kolonialismus gibt Gerd Schumann dem Leser viel historisches Material an die Hand (Berlin, 21.10.2021)

Wenn eine Karl-Liebknecht-Straße umbenannt wird in Kaiserstraße, weiß man: Der politische Wind hat sich wieder gedreht. Nicht nur in Quedlinburg, wo dies nach 1990 der Fall war, in ganz Deutschland gibt es Straßen, die der deutschen Kaiser gedenken – insgesamt über 250. Und wo man Wilhelm II. ehrt, ist auch die Verherrlichung des deutschen Kolonialmus nicht weit.
Die Geschichte der Eroberung, Annexion und Ausbeutung der Welt durch europäische Staaten ist dank Bewegungen wie »Black Lives Matter« heute in der öffentlichen Debatte präsent. Kompetente Auskunft konnte dazu Gerd Schumann in der junge Welt-Ladengalerie geben. Im Rahmen der jW-Lesewoche stellte er am Donnerstag abend sein im Papyrossa-Verlag erschienenes Buch »Kaiserstraße – Der deutsche Kolonialismus und seine Geschichte« vor.

Im Gespräch mit Matthias István Köhler, Leiter des Ressorts jW-Außenpolitik, schlug der Autor einen großen Bogen von den Anfängen des Kolonialismus bis zu seinem in die Gegenwart reichenden Fortwirken. Bereits seit dem 16. Jahrhundert, als die »Verwandlung von Afrika in ein Geheg zur Handelsjagd auf Schwarzhäute« die »Morgenröte der kapitalistischen Produktionsära« (Marx) einleitete, waren deutsche Händler an der Ausplünderung der Welt beteiligt. Schumann differenzierte zwischen einem Kolonialismus im weiten Sinne, der alle Formen der Ausbeutung und Benachteiligung des globalen Südens umfasst, und einer Phase im engeren Sinne, die auf die Gründung eigentlicher Kolonialstaaten eingegrenzt werden kann. Der deutschen Entwicklung eigentümlich ist die Kürze der letzten Phase.

Als das Kaiserreich, wirtschaftlich und politisch ein Spätentwickler, in das Rennen um die Aufteilung der Welt einstieg, war ein Großteil der Territorien bereits an England, Spanien oder Frankreich gefallen. Erst 1884 wurden Gebiete in Südwestafrika unter deutschen »Schutz« gestellt. Doch in Sachen Brutalität standen die Deutschen ihren europäischen Nachbarn in nichts nach. So konnte Schumann zu Recht eine Linie ziehen, etwa von den grausamen Bestrafungsphantasien in Wilhelms II. »Hunnenrede« zum Vernichtungsfeldzug der Nazis in Osteuropa. Als eine bis heute unheilvolle Gestalt, sowohl von Faschisten als auch bürgerlichen Kräften in der BRD als Held verehrt, benannte Schumann den deutschen Truppenkommandeur in Afrika, Paul von Lettow-Vorbeck. So wurde der deutsche Kolonialismus in seinen ganzen Dimensionen deutlich. Es blieb, auch wenn manche Fragen von Zuschauern im Livestream nicht mehr befriedigend beantwortet werden konnten, der Eindruck einer äußerst gelungenen Veranstaltung. (mp)

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