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Aus: Ausgabe vom 22.10.2021, Seite 15 / Feminismus
Antfeministische Märsche

»Gegen das Patriarchat und seine Fans«

Starker Widerstand: Antifeministische Märsche in Wien und München teilweise blockiert
Von Gitta Düperthal
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Am Wochenende haben in München und Wien christlich-fundamentalistische Abtreibungsgegner sogenannte Märsche für das Leben durchgeführt. Anliegen dieser angeblichen Lebensschützer ist es, ungewollt schwangeren Frauen die Möglichkeit zum Schwangerschaftsabbruch zu erschweren, ihnen ihre reproduktive Selbstbestimmung zu versagen. Insgesamt geht es den Antifeministen um eine Retraditionalisierung der Geschlechter- und Familienverhältnisse.

In Wien waren bei der Demonstration am Sonnabend verschiedene Gruppen aus dem rechten Spektrum vertreten: konservative und rechtskatholische Kreise, Ultrarechte und »Identitäre«. Die reaktionäre Protestgemeinde trug Schilder mit Aufschriften wie »Abortion is baby murder« (zu deutsch: Abtreibung ist Babymord) und ließ Kinder und Teenager in der ersten Reihe laufen. Die Rosa Antifa Wien (RAW) hatte zur Blockade aufgerufen. Auf Transparenten hieß es dort: »Küche, Ehe, Vaterland – unsere Antwort: Widerstand« und »Queers fight back«. Mehrfach sei es den Hunderten Gegendemonstrantinnen gelungen, den Marsch der rund 1.200 Abtreibungsgegner erfolgreich zu stoppen, so dass dieser von der vorgesehenen Route habe abweichen müssen, berichtete der österreichische Journalist Michael Bonvalot unter dem Hashtag »#marschfürnarsch«. Linke Aktivistinnen seien daraufhin von Polizisten mit Hunden verfolgt und festgesetzt worden, damit die Rechten hätten weitermarschieren können.

In München brachte der »Marsch der 1.000 Kreuze« am Sonntag gerade einmal knapp 100 Teilnehmer auf die Straße. 75 Kreuze wurden gezählt, berichtete eine Organisatorin von der Antisexistischen Aktion München (Asam) am Dienstag gegenüber junge Welt. Die Feministinnen und linken Gegendemonstrantinnen brachten unter dem Slogan »Welcome to hell – die Hölle denen, die dran glauben« immerhin viermal so viele Menschen auf die Straße. Mit dem Slogan habe man die absurde Ideologie der »Lebensschützer« verdeutlichen wollen, hieß es von Asam.

Aufgerufen hatte Asam »gegen das Patriarchat und seine Fans«, die Frauen die Freiheit nehmen wollten, die Selbstbestimmung ihres Körpers wahrzunehmen. Der Gegenprotest fand seinen Auftakt auf der Luitpoldbrücke. »Hier werfen die Fundis in der sogenannten Rosenzeremonie Rosen in die Isar, es werden wahllos und ohne Zusammenhang Namen gerufen und eine Glocke geläutet. Was soll dieser Unfug?« hieß es auf Twitter von Asam.

Bei der Demonstration in München für das Recht auf Abbruch soll es laut Polizeiberichten zu Auseinandersetzungen gekommen sein. Es habe Festnahmen gegeben, ein Pressevertreter sei angegriffen worden, bestätigte eine Sprecherin der Antisexistischen Aktion München am Mittwoch gegenüber junge Welt. »Einige Versammlungsteilnehmer, darunter auch ein offenbar thematisch mit dieser Versammlung verbundener Medienvertreter«, hätten sich mit den festgenommenen Personen »solidarisiert« und »Einsatzkräfte bedrängt«, behauptete die Polizei in ihrem Bericht.

Von den Vorwürfen könne man nichts bestätigen, die Beamten hätten vielmehr Schlagstöcke gegen Demonstrantinnen eingesetzt, so die Asam-Sprecherin. Ziel der Gegendemonstrantinnen sei es gewesen, den christlich-fundamentalistischen Aufmarsch zu verhindern und zugleich kreativen Gegenprotest zu mobilisieren, um die eigenen Inhalte publik zu machen. Mit Blick auf die aktuelle Lage betonte sie: »Die Aktionen der Abtreibungsgegner zeigen leider ihre Wirkung. Zu wenige Ärzte führen in Bayern Schwangerschaftsabbrüche durch.« Die Versorgung für ungewollt Schwangere bleibe unsicher. Asam fordere deshalb unter anderem »die Sicherstellung eines breiten medizinischen Angebots«.

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  • Leserbrief von Torsten Wein aus Sangerhausen (25. Oktober 2021 um 17:41 Uhr)
    Das Lesen des Artikels hat mich erst ratlos und nach einigem Überlegen doch ziemlich wütend gemacht. Nein, nicht der Inhalt (Paragraph 218 abschaffen – stimme ich zu), sondern die Sprache ist dafür die Ursache. Es geht los mit »Lebensschützer«, »Antifeministen«, »Abtreibungsgegner«. Bemerkenswerterweise also mal ein Artikel zu diesem Thema im generischen Maskulinum. Doch dann geht es weiter mit »Gegendemonstrantinnen«, »Aktivistinnen«, »Feministinnen«, also generischem Femininum. Oh, dachte ich nun, da ist aber jemand ziemlich inskonsequent, denn für mich war klar, dass in allen diesen Gruppen Personen aller Geschlechter vertreten sind, bekannterweise gerade bei den Lebensschützern auch sehr viele Frauen. Aber es liest sich zumindest besser als »*I«. Doch als ich den Artikel meiner Frau vorlas, kamen wir darauf, dass die Wahl des jeweiligen Generikums einen ganz anderen Grund hat. Das generische Maskulinum ist im ganzen Artikel negativ konotiert, das generische Femininum dagegen immer positiv. Oder kurz zusammengefasst: Männer sind Scheiße, Frauen die Guten. Nun sagt mir meine Lebenserfahrung jedoch, dass in allen Menschengruppen, egal nach welchen Kriterien (Geschlecht, Hautfarbe, Nationalität, Religion, Bildungsstand ...) man sie sortiert, Ekel und Symphatieträger sind, und zwar immer ziemlich in gleichen Anteilen. Für mich stärkt die Sprache dieses Artikels meinen Verdacht, den ich schon lange habe: Das Binnen-I usw. dient nicht dazu zu vereinen, was dringend nötig wäre, sondern zu trennen, indem man sich an solchen Konstruktionen endlos aufreibt. Man könnte es auch kurz und prägnant sagen: Je mehr Diskussion um Gendersternchen, desto länger Paragraph 218 und andere Schweinereien. Übrigens, die Frauen in meinem Umfeld haben das Problem für sich ganz einfach gelöst: Sie fühlen sich selbstverständlich beim generischen Maskulinum mit angesprochen und warten nicht darauf, inkludiert zu werden, sie tun es einfach selbst. Und das finde ich richtig gut, gerade als alter weißer Mann.

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