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Aus: Ausgabe vom 20.10.2021, Seite 8 / Ansichten

Welt der Schlächter

Mord an Ghaddafi vor zehn Jahren
Von Arnold Schölzel
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Grausam gelyncht: Libyens Revolutionsführer Muammar Al-Ghaddafi (1942–2011)

Heute vor zehn Jahren wurde der libysche Revolutionsführer Muammar Al-Ghaddafi auf bestialische Weise unter Aufsicht der NATO ermordet. Das Brüsseler Hauptquartier ließ von der Tat ein Video anfertigen und verbreiten. Das Verbrechen wurde am Ende eines Krieges begangen, der neben dem schnellen Zugriff auf Erdöl vor allem diesen Mord zum Ziel hatte. Die zur Schau gestellte Gier nach Reichtümern und die Blutrünstigkeit, zeigte sich an diesem Tag, gehören nicht einer vergangenen Epoche kolonialer Schlächtereien an. Sie demonstrierten: In Paris, London oder Washington und den anderen Metropolen der westlichen Welt herrschen offen Herrenvolk- und Sklavenhaltermentalität. Wer in unbotmäßigen Ländern außerhalb der »zivilisierten« Welt regiert, kann jederzeit Opfer der Hightechbarbaren werden.

Der damalige französische Präsident Nicolas Sarkozy zettelte den Krieg zusammen mit dem britischen Premier David Cameron an. Ghaddafi hatte dem Franzosen offenbar 50 Millionen Euro als Wahlkampfspende zukommen lassen. Das genügt in regelbasierten Räuberstaaten, um den Geber nicht lebendig davonkommen zu lassen. Die deutsche Grüne Claudia Roth feierte daher in den Straßen von Tripolis solche »Freiheit«, die damalige US-Außenministerin Hillary Clinton reagierte auf die Nachricht vom Tod Ghaddafis nach ihrer Landung in der libyschen Hauptstadt mit glucksendem Lachen und dem Satz: »Wir kamen, wir sahen, er starb.«

Offiziell hatte sich Sarkozy durch einen Anruf des sogenannten Intellektuellen und wirklichen berufsmäßigen Kriegshetzers Bernard-Henri Lévy zum Krieg animieren lassen: Ghaddafi plane einen »Völkermord«. Diese Vokabel oder der »Terrorist« erschallt im Westen heute so wie »Kannibale« vor 500 Jahren. Mit »Erfolg«: Das französisch-britische Abenteuer, das von den USA mit Bombern zu Ende geführt werden musste, brachte nicht nur massenhaft Tote statt Menschenfresserei, sondern auch die Staaten der gesamten Region ins Wanken. Zehn Jahre nach Al-Ghaddafis Tod befinden sich die Länder des Sahel im Griff des westlichen Militärs, das wie stets organisierte Kriminalität und selbstgezüchtete Dschihadisten im Schlepptau führt. Die Bundeswehr weiß angeblich nicht, was sie in Mali soll – sie versteckt sich vor der Bevölkerung und hilft Frankreich, noch ein paar koloniale Kastanien aus dem Feuer zu kratzen, z. B. »sein« Uran.

Besonders aufmerksam hat Wladimir Putin, damals russischer Ministerpräsident, den 20. Oktober 2011 verfolgt. Er nannte die Verbreitung des NATO-Mordvideos »ekelhaft« und sah in dem Krieg laut Gesprächspartnern eine »Fallstudie über westliche Interventionen«: Proteste entfachen, verbale und diplomatische Hilfe organisieren und – falls das nicht funktioniert – »Kampfflugzeuge hinschicken«. Überliefert ist der Satz: »Mit mir machen sie das nicht.«

Gnade der Welt, wenn sie nur an wenigen Fäden hängt.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Ulf G. aus Hannover (22. Oktober 2021 um 01:12 Uhr)
    Die Gründe des Westens für den Krieg gegen Libyen 2011 waren vielfältig und keineswegs auf Gier nach Öl beschränkt. Öl und Gas gab’s mit dem Fracking-Boom in den USA genug. Wichtigster Grund für den Krieg dürften die libyschen Pläne gewesen sein, Afrika von der Dollar-Diktatur und der CFA-Franc-Fessel zu befreien. Gaddafi plante etwa die Gründung eines afrikanischen Währungsfonds, das nötige Geld und Gold dafür hatte er der Öleinnahmen wegen durchaus parat. Er präsentierte sich zunehmend als panafrikanischer Führer, als »König der Könige«. Für eine Abkehr vom Dollar sind bekanntlich schon andere Länder zuvor – auch kriegerisch – diszipliniert worden. Des weiteren hatte Gaddafi sich unbeliebt gemacht, weil er für die »Dienstleistung« der Flüchtlingsabwehr eine anständige Bezahlung verlangte. Als Sklave zu springen, wenn der europäische Herr befiehlt, das war nicht so sein Ding. Obendrein unterstützte er diverse Unabhängigkeits- und Befreiungsbewegungen auf der Welt. In Fall Palästina plädierte er für eine Einstaatenlösung, obwohl Gleichberechtigung für die Palästinenser der besetzten Gebiete in Israel als unpraktikabel gilt. Kurz: Er war ein von westlichen Interessen unabhängig agierender Sonderling, der auf Augenhöhe antwortete und zudem noch äußerst erfolgreich in der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung seines Landes war. So eine Gefahr für die Hegemonie des Westens musste einfach ausgemerzt werden. Ein paar in Bengasi aufbegehrende Demonstranten – von Gaddafi der Al-Qaida zugerechnet und auch darum bekämpft –, die kamen dem Westen da gerade recht, um einen Angriff auf Libyen vordergründig zu rechtfertigen. Der vom Westen organisierte Transfer libyscher Waffen an die syrischen Dschihadisten wird übrigens dazu beigetragen haben, Putin zu überzeugen, dass ein Sieg gegen Al-Qaida nicht mit, sondern nur gegen den Westen zu erringen ist. Dass das leichter mit als ohne den Schwarzmeerhafen auf der Krim sein würde, dürfte allen Strategen klar gewesen sein.

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