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Aus: Ausgabe vom 13.10.2021, Seite 15 / Antifa
Nazis in Österreich

Späte Einsicht

Österreich: Vorarlberger Gemeinde erkennt Schriftstellerin und Naziunterstützerin Ehrenring ab
Von Sebastian Lipp
Natalie Beer bei Landeshauptmann / Helmut Klapper 1973
Natalie Beer schüttelt die Hand vom Vorarlberger Landeshauptmann Herbert Keßler (1973)

In Österreich hat die Rankweiler Gemeindevertretung den einstimmigen Beschluss gefasst, der Schriftstellerin Natalie Beer symbolisch den Ehrenring der Vorarlberger Marktgemeinde abzuerkennen. Dieser war der österreichischen Naziliteratin erst 1978 anlässlich ihres 75. Geburtstags zuerkannt worden. Das geht aus einer Mitteilung der Gemeinde hervor.

Die Gemeindevertretung stützte sich demnach in ihrer Entscheidung unter anderem auf ein Gutachten des Innsbrucker Historikers Nikolaus Hagen, das den aktuellen Forschungsstand zur Person Beer zusammenfasst. Hagen zeige erneut auf, »dass sich Natalie Beer bis ins hohe Alter öffentlich zum Nationalsozialismus bekannte, den Holocaust relativierte und keinerlei Reue auch im Hinblick auf ihre Funktion im NS-Regime zeigte«. Weiter heißt es, die Schriftstellerin habe »noch 1983 von einem ›starken Erbe‹ des Nationalsozialismus« gesprochen und »all jene, die sich nach dem Ende des Dritten Reiches vom NS-Gedankengut abwandten, als ›Verräter‹ und ›Leute, die einfach keinen Charakter hatten‹«, bezeichnet.

Nachdem Natalie Beer von Hans Nägele, dem Chefredakteur der Nazizeitung Vorarlberger Tagblatt und damit federführenden Propagandisten in Vorarlberg, als »heimische Literatin« entdeckt wurde, wechselte sie gemeinsam mit der Journalistin Ida Bammert-Ulmer in das neu entstehende faschistische Lager. Nach der Niederschlagung der Naziherrschaft stellte Hermann Rhomberg sie wie andere Gleichgesinnte bei der Dornbirner Messe ein. Bis zu ihrem Tod am 31. Oktober 1987 befürwortete Natalie Beer den Faschismus.

Dennoch ehrte sie nicht nur die Marktgemeinde Rankweil mit dem Ring und einem Natalie-Beer-Museum, das ihren literarischen Nachlass und einige persönliche Gegenstände enthielt. In den 70er Jahren erhielt sie den Boga-Tinti-Preis des Presseclubs Concordia, das Silberne Ehrenzeichen Vorarlbergs, einen Professortitel durch den Bundespräsidenten Rudolf Kirchschläger und den Ehrenring der Gemeinde Au. Erst als ihr 1985 die Franz-Michael-Felder-Medaille verliehen wurde, gab Schriftstellerin Monika Helfer 1987 ihre Medaille aus Protest gegen die Äußerungen Beers zurück.

Doch formal wird Natalie Beer auch die Rankweiler Auszeichnung zumindest vorerst behalten, da eine posthume Aberkennung von Ehrungen nach dem Vorarlberger Auszeichnungs- und Gratulationengesetz (AGG) nicht möglich ist. Dennoch ist der Marktgemeinde ihre Entscheidung wichtig: »Mit der Aberkennung setzen wir ein klares Zeichen gegen den Nationalsozialismus und möchten gleichzeitig die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit in Rankweil in die Gänge bringen«, so die Bürgermeisterin Katharina Wöß-Krall in einer Mitteilung. Damit die Aberkennung künftig auch formal durchgeführt werden könne, habe die Gemeinde Rankweil beim Land Vorarlberg einen Antrag auf Gesetzesänderung eingebracht. Noch gäbe es dazu allerdings keine Rückmeldung. Das erklärte Rankweils Pressesprecherin Karin Böhler gegenüber junge Welt.

Natalie Beer soll mit diesem Schritt »keineswegs aus der Erinnerung entfernt werden«, erklärt die Gemeinde, die »Erinnern statt Vergessen« möchte. Daher arbeite man ab sofort daran, »das im Turmzimmer des Waldfriedhofs ausgestellte literarische Schaffen der Heimatdichterin unter dem Gesichtspunkt ihrer Nähe zur nationalsozialistischen Ideologie neu zu bewerten und durch eine detaillierte Biographie zu ergänzen«. Das vorrangige Ziel sei hierbei, eine Gedenktafel für die Rankweiler »Opfer des Nationalsozialismus« zu errichten.

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