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Aus: Ausgabe vom 13.10.2021, Seite 10 / Feuilleton
Theater

Brücken bauen in Budapest

Was bringt schon Boykott? Protest und Verständigung beim ungarischen MITEM-Theaterfestival
Von Sabine Fuchs
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Besetzen, diskutieren: Protestierende Studierende auf der Elisabethbrücke in Budapest (23.10.2020)

Das vom Budapester Nationaltheater organisierte »Madach International Theatre Meeting« (MITEM), benannt nach dem Dramatiker und 1848er Revolutionär Imre Madach, ist eines der größten europäischen Theaterfestivals. Theater aus dem gesamten europäischen und mediterranen Raum – also nicht nur aus der EU – werden in die ungarische Hauptstadt eingeladen, um hier wichtige, aber nicht zwingend die neuesten ihrer Produktionen zu präsentieren.

In diesem Jahr ist es von der kulturpolitischen Auseinandersetzung überschattet, in deren Zentrum die Debatte um die staatliche Übernahme der Budapester Universität für Theater und Filmkunst (SZFE) steht. Ihr war im September 2020 die Autonomie entzogen und eine der ungarischen Regierung nahestehende Stiftung als Universitätsleitung eingesetzt worden, die jetzt die Kontrolle über Budget und Personalentscheidungen hat. Als Reaktion darauf wurde die Universität von Studentinnen und Studenten besetzt, die den wachsenden Einfluss der rechten Orban-Regierung fürchten. Unter dem Hashtag »#freeSZFE« entstand eine Bewegung, die viel Unterstützung aus der westlichen Kunstwelt, vor allem aus der EU erhalten hat.

Genau hinsehen

Das Berliner Ensemble und sein Intendant Oliver Reese haben sich ebenfalls mit der »#freeSZFE«-Bewegung solidarisiert – und aus diesem Grund ihre Teilnahme am Festival zurückgezogen. Grund genug, noch einmal genauer hinzuschauen: Wofür genau steht die Bewegung, was genau hoffen jene zu erreichen, die sich mit ihr solidarisieren? Und was genau hat das Festival mit der Universitätsbesetzung zu tun? Stein des Anstoßes ist der Direktor des Nationaltheaters und damit auch des Festivals, Attila Vidnyansky, der einer der einflussreichsten Kulturfunktionäre des Landes ist. Er hat auch den Vorsitz der Stiftung übernommen, die die Universität für Theater und Filmkunst zukünftig leiten soll.

Nun steht außer Frage, dass die Kulturpolitik der Regierung Viktor Orban, deren zentrales Element ein nationales, christliches Weltbild ist, als lächerlich und inakzeptabel abzulehnen ist. Die Befürchtung, dass mit der Einsetzung der Stiftung die Lehrfreiheit eingeschränkt und kritische Stimmen zum Verstummen gebracht werden sollen, ist nicht von der Hand zu weisen. Allerdings scheint der Boykott des Festivals ein fragwürdiger, rein symbolpolitischer Weg, die Solidarität mit den ungarischen Protesten kundzutun. Er ist eher dazu geeignet, einen schnellen Applaus in der heimatlich-bürgerlichen Presse zu erlangen als einen positiven Effekt für die Betroffenen zu erzielen.

Gage gespendet

Tatsächlich haben sich an dem Festival viele Künstlerinnen und Künstler beteiligt, die in keinerlei Verdacht stehen, mit der Regierung Orban oder deren Kulturpolitik zu sympathisieren. Sie haben andere Wege gefunden, ihrer Solidarität mit der »#freeSZFE«-Bewegung Ausdruck zu verleihen. So hat der US-Regisseur Robert Wilson etwa die Hälfte seiner Gage an die Bewegung gespendet und das auch öffentlich kundgetan – was auch zu Diskussionen übers Festival geführt hat. Andere Teilnehmerinnen und Teilnehmer versuchen, hinter den Kulissen Brücken zwischen der Protestbewegung und mit Vidnyansky sympathisierenden Künstlern zu bauen. Denn die Argumente, mit denen dieser kritisiert wurde, sind zum Teil absurd. So wurde behauptet, aufgrund seiner Herkunft aus der ungarischen Minderheit Rumäniens und seiner Theaterausbildung in Kiew sei der Stil seiner Inszenierungen unvereinbar mit der ungarischen Theaterkultur; auch, dass noch keine seiner Inszenierungen mit einem ungarischen Theaterpreis ausgezeichnet wurde, wird ihm zum Vorwurf gemacht – Argumente, die man eher aus einer nationalistischen als aus einer linken oder auch nur liberalen kulturpolitischen Position erwarten würde.

In Originalsprache

Was das MITEM-Festival betrifft, sind ihm nationalistische Tendenzen nicht vorzuwerfen. Im Gegenteil, das Bauen von Brücken zwischen auch national unterschiedlichen Theatertraditionen ist hier Programm, manche Inszenierung selbst multikulturell angelegt. Beispielshalber präsentierte Robert Wilson seine mehrsprachige Ödipus-Adaption, die er mit der in Italien ansässigen Theatergruppe »Change Performing Arts« erarbeitet hat, zu der auch die deutsche Schauspielerin Angela Winkler gehört. Samuel Becketts »Warten auf Godot« in der Inszenierung des Teatro Nacional São João aus Portugal war ebenso zu sehen wie »Ajax« nach Sophokles unter der Regie von Theodoros Terzopoulos vom Attis-Theater in Athen, Omar Fetmouches »Bravo to the Artist« in der Regie des Autors, dargebracht vom Théâtre Sindjab de Bordj-Ménaiel aus Algerien, eine Inszenierung der jungen italienischen Starregisseurin Emma Dante, Produktionen aus Serbien, Russland, Frankreich, Rumänien und natürlich aus Ungarn selbst. Alle Inszenierungen wurden in Originalsprache mit ungarischen, manche zusätzlich mit englischen Untertiteln gezeigt, vom Publikum wurden die Inszenierungen zum Teil frenetisch bejubelt. Auch in dieser Hinsicht ist das Brückenbauen in Budapest gelungen.

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