Kauf im Kiez! Zum jW-Kioskfinder >
Gegründet 1947 Montag, 18. Oktober 2021, Nr. 242
Die junge Welt wird von 2589 GenossInnen herausgegeben
Kauf im Kiez! Zum jW-Kioskfinder > Kauf im Kiez! Zum jW-Kioskfinder >
Kauf im Kiez! Zum jW-Kioskfinder >
Aus: Ausgabe vom 11.10.2021, Seite 12 / Thema
Erster Weltkrieg

Grundfalsche Einschätzung

Wider die Aberkennung eines Ehrengrabes – Otto Liman von Sanders: Retter von Armeniern, Griechen und Juden
Von Helmut Donat
imago0125611166h.jpg
Von Sanders bemühte sich aktiv darum, die Verfolgungsmaßnahmen der Jungtürken gegen Armenier, Griechen und Juden zu verhindern – armenische Opfer (1915)

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat Brigadegeneral Jens Arlt, Kommandeur der militärischen Evakuierungsoperation aus Afghanistan, am 17. September 2021 das »Verdienstkreuz 1. Klasse des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland« verliehen. Arlt und den ihm unterstellten nahezu 500 Soldatinnen und Soldaten sei es gelungen, mehr als 5.300 Menschen aus verschiedenen Ländern in Sicherheit zu bringen. Dass der General das unter schwierigen Bedingungen geschafft hat, mag eine besondere Leistung sein. Doch liegt die Vermutung nahe, dass es sich hier auch um eine Ehrung aus politischen Gründen handelt. Der Afghanistan-Einsatz und die Kapitulation der US-Streitkräfte wie der Bundeswehr vor den Taliban war ein außenpolitisches Desaster, das geradezu nach einer Sinngebung schrie. Wenn man schon den Krieg nicht gewonnen hat, so ist wenigstens die Evakuierung einigermaßen gutgegangen.

Dabei ist nicht zu verkennen, dass die Schwierigkeiten, die General Arlt zu meistern hatte, hausgemacht und die Folge von horrenden Fehleinschätzungen gewesen sind. Bedroht waren er und seine Truppe nicht. Opfer waren und sind andere. Gleichwohl: Wer in Not geratene Menschen rettet, verdient unseren Respekt – auch und erst recht, wenn es sich um Generäle handelt, die in der jüngeren deutschen Geschichte zumeist eher Angriffs- statt Rückzugsbefehle erteilt haben.

Uninformierte Entscheidung

Was aber, wenn einem deutschen General eine Ehrung aus wenig überzeugenden, ja fadenscheinigen Gründen aberkannt wird, obwohl er Tausende von Menschen vor dem sicheren Tod bewahrt hat? So vor einigen Jahren geschehen mit Otto Liman von Sanders (1855–1929), seit 1913 Leiter der von Sultan Mehmed V. zwecks Reform der türkischen Streitkräfte angeforderten deutschen Militärmission und bekannt geworden als Befehlshaber der 5. Osmanischen Armee, die er 1915 zum Sieg in der überaus verlustreichen Schlacht um Gallipoli führte. Damit bereitete er den Truppen der Entente unter britischer Führung eine empfindliche Niederlage, die zum Rücktritt Winston Churchills als Lord der Admiralität führte.

1937 erhielt das Grab Liman von Sanders’ auf dem Alten Friedhof in Darmstadt Ehrenstatus, wohl in erster Linie wegen seiner militärischen Verdienste und Erfolge als General. Doch genau wissen wir das nicht. Und die Mitglieder des Darmstädter »Fachbeirats Ehrengräber«, auf deren Empfehlung ihm 2015, ausgerechnet hundert Jahre nach Beginn des Völkermordes an den Armeniern, der Ehrengrabstatus aberkannt wurde, dürften die Motive im einzelnen auch nicht gekannt haben. Für sie wie für den Bürgermeister selbst – so ließ es das Grünen-Stadtoberhaupt Jochen Partsch am 20. Dezember 2016 in einem Brief an Muriel Mirak-Weißbach wissen – war entscheidend, dass Liman von Sanders »verantwortlich für den Tod Zehntausender englischer, australischer, neuseeländischer und anderer Soldaten« gewesen sei. Dies könne aus heutiger Sicht nicht »als Begründung für die Zuerkennung eines städtischen Ehrengrabes dienen«. Da man in ihm aber eine »Person von historischer Bedeutung« sehe, werde die Grabstätte von der Stadt Darmstadt als »personalisierter Erinnerungsort« weiterhin unterhalten.

Man reibt sich verwundert die Augen. Zunächst fällt auf, dass der Bürgermeister nur von »anderen Soldaten« und nicht von osmanischen bzw. türkischen Opfern spricht. Zudem waren die militärischen Heerführer der Ententetruppen mindestens ebenso mitverantwortlich für die hohen Opferzahlen, denn sie gaben den Befehl zur Eroberung der Dardanellen mit dem Ziel, Konstantinopel zu besetzen. Auch war es nicht Liman von Sanders, der den Ersten Weltkrieg herbeigeführt hat. Im Rahmen der militärischen Auseinandersetzungen hat er das getan, was ihm als Pflicht auferlegt war. Man mag das heute für moralisch verwerflich halten, ihm deshalb erneut seine Ehre zu nehmen und über ihn den Stab zu brechen, schießt weit über das Ziel hinaus.

Eine völkerrechtswidrige Kriegführung wie die von Hindenburg und Ludendorff ist Liman von Sanders nicht nachzuweisen. Im Gegenteil. Als Anfang 1920 fälschlicherweise die Meldung kursierte, er stünde auf einer 800 Namen umfassenden Auslieferungsliste deutscher Kriegsverbrecher, wandte sich Sir Ian Hamilton, Befehlshaber der britischen Truppen während der Kämpfe an den Dardanellen, an die Londoner Times, die seinen Brief am 2. Februar 1920 abdruckte. Darin charakterisierte er den deutschen General als »sauberen Kämpfer, (der) sich während unseres einzigen kurzen Waffenstillstands fair verhielt und nie unsere Feldlazarette und Lazarettschiffe beschoss, obwohl es ihm ein leichtes gewesen wäre.« Deshalb solle man ihn »gefälligst in Ruhe lassen«. Doch stellte sich schnell heraus, dass Liman gar nicht in der Liste aufgeführt war.

»Kein humanitärer Widerstand«

Die Haltung, die Jochen Partsch und der »Fachbeirat« vertreten, wirkt auf den ersten Blick einleuchtend, erweist sich aber nicht zuletzt vor dem Hintergrund des neueren Forschungsstandes als revisionsbedürftig. Der Krieg, welchen Standpunkt man auch immer zu ihm einnimmt, verdeutlicht die Alternative Tod oder Leben in besonders drastischer Weise. Von jeher ist er verbunden gewesen mit Höchstleistungen und Charakterstärken, die geradezu übermenschlich anmuten. Dass dies kein Grund ist, den Krieg herbeizuwünschen, die mit ihm zusammenhängenden »guten« Verhaltenseigenschaften wie Tapferkeit, Mut, Opferbereitschaft etc. zu ersehnen oder ihn zu verewigen, dürfte klar sein. Schließlich wünscht man sich auch nicht die Pest, Cholera oder eine Pandemie zurück, weil Ärzte, Pfleger oder Krankenschwestern dabei über sich hinauswachsen. Aber solche Tatsachen einfach zu ignorieren, spricht für einen wenig differenzierten Umgang mit historischen Vorgängen, lässt sich vom grünen Tisch des Bürgermeisters aus leicht dahinsagen – und geht in diesem Fall zu Lasten von Liman von Sanders.

Legt man die Argumentation des »Fachbeirates« und von Partsch zugrunde, so müssten die Bismarck- und Moltkestraße in Darmstadt längst umbenannt worden sein, denn beide – Bismarck wie Moltke – waren verantwortlich für die Verursachung und Führung von Kriegen, die, willentlich vom Zaun gebrochen, weit mehr als 200.000 Menschen das Leben kosteten. Straßennamen bedeuten Ehrungen, doch traut man sich an die beiden Preußen wohl nicht heran. Deren Opfer zählen offenbar nicht oder sind wohl Tote für einen »guten Zweck« gewesen. Bei Liman von Sanders kann man es sich leisten; sein Name ist ohnehin kaum noch jemandem geläufig. Doch darf man die Geschichte wie einen Steinbruch behandeln und sich das herausbrechen, was einem passt, und unberührt lassen, was man nicht anfassen will?

In dem Bericht des »Fachbeirats« sei gemäß dem Verständnis des Bürgermeisters lediglich die Rede davon, »dass Liman von Sanders von den Deportationen und den Ermordungen der Armenier 1916 Kenntnis gehabt und dies seine Tätigkeit als Armeekommandeur beeinflusst hat«. Wohl habe er sich gegen Deportationen in Smyrna gewandt und sie gestoppt, doch gebe es über sein Motiv keine Klarheit. Daher sei nicht »eindeutig« belegt, »dass Liman von Sanders die Deportation der Armenier in Smyrna wirklich verhindert und 7.000 Menschen das Leben gerettet hat«. Zudem habe er sich »nach 1916 niemals selbst zum Thema der Deportationen geäußert, schon gar nicht zu Gunsten der Armenier«. Ergo: Für ein Rückgängigmachen der Aberkennung des Ehrengrabes bestehe kein Anlass, denn »nach bisherigem Kenntnisstand hat er keinen humanitären Widerstand gegen die Politik der Vertreibung der Armenier geleistet«.

Berücksichtigt man, dass der »Fachbeirat« sich »ausführlich« mit Liman von Sanders’ Haltung zu der Vertreibung und Ermordung der Armenier 1915/16 befasst habe, wird es noch wunderlicher. Es stellt sich die Frage: Wenn der General die Deportation nicht tatsächlich verhindert und die Menschen nicht gerettet hat, wer war es dann? Kann es sein, dass der »Fachbeirat« und der Bürgermeister einen militärischen Befehl, der Menschen rettet, geringer schätzen als einen humanitären Einspruch? Und wie verhält sich das im Zusammenhang mit dem militärischen Widerstand des 20. Juli 1944? Der Darmstädter Logik nach dürften diese Offiziere nicht geehrt werden, wandten sie sich doch in erster Linie nicht ausdrücklich gegen die Deportationen und Ermordung der Juden.

Weil nicht sein kann, was nicht sein darf, sind »Fachbeirat« und Bürgermeister nicht auf folgenden, an sich naheliegenden Gedanken gekommen: Otto Liman von Sanders und die wenigen anderen deutschen Militärangehörigen, die sich für bedrohte Bevölkerungsgruppen (Armenier, Griechen, syrische Christen, Jesiden und Juden) einsetzten – vermochten sich nur auf militärische Argumente zu stützen, weil sie sonst keine Handhabe gehabt hätten. Denn ungeachtet vager Formulierungen in den deutsch-türkischen Vereinbarungen waren die Kompetenzen in der Praxis klar verteilt. Wollte ein deutscher General Deportationen verhindern, so musste er das als militärischer Befehlshaber tun und plausible Gründe anführen, die sich an militärischen Erwägungen orientierten. So einfach ist es, und man hätte gern gewusst, warum solche Überlegungen nicht einmal in Ansätzen erfolgt sind.

Spätestens nach den Protesten und Einsprüchen gegen die Aberkennung des Ehrengrabstatus hätten »Fachbeirat« und Bürgermeister ihre Entscheidung überdenken und zurücknehmen müssen. So schreibt Liman in seinen 1920 publizierten Erinnerungen auch über sein Eintreten für die griechisch-orthodoxen Christen: »Ich hatte den Griechen in Smyrna und im ganzen kleinasiatischen Küstengebiet in unzähligen Fällen gegen türkische Übergriffe geholfen. Sie hatten in Smyrna zum Dank mein Portrait in der großen griechischen Schule aufgehängt, und der Vorstand der griechischen Gemeinde zu Smyrna hatte mir ein Bankett der Griechen angeboten. Mein Vorzimmer war niemals von griechischen Bittstellern und Bittstellerinnen leer geworden, und doch wurde ich nach dem Waffenstillstand gerade von dieser Seite mit gemeinen, von Anfang bis Ende erfundenen Verleumdungen über Bedrückung von Griechen überhäuft.« Der »Fachbeirat« und der Bürgermeister haben diese Aussage Limans ignoriert. Statt die Verdienste Otto Liman von Sanders’, der sich wie wenige deutsche Offiziere in einer weltgeschichtlich schwierigen und angespannten Lage überaus bewährt hat, zu würdigen, hielten sie, zu Ausflüchten greifend, weiter an ihrer Fehlentscheidung fest. Hängen sie etwa der Auffassung an, dass deutsche Offiziere im Ersten Weltkrieg nichts Ehrenhaftes getan haben können?

Muriel Mirak-Weißbach hat all das nicht ruhen lassen. Als Journalistin und Schriftstellerin lange Jahre an der Universität Mailand tätig, leitet sie heute mit ihrem Ehemann eine Stiftung zur Unterstützung sozialer und kultureller Projekte in Armenien. Ihre Großeltern wurden Opfer des Völkermords, ihre Eltern aber von Türken gerettet; sie ist als Tochter armenischer Einwanderer in den USA geboren. Nun liegt ihre Biographie über Otto Liman von Sanders vor. Die Ergebnisse ihrer Recherchen bestätigen die Rolle Limans als Retter von Tausenden Armeniern und Griechen sowie zahlreichen Juden. Damit wird klar, dass die Aberkennung des Ehrenstatus unhaltbar ist.

An der Seite der Verfolgten

Auf die Frage, wie sich Liman von Sanders einordnen lässt, schreibt die Autorin Mirak-Weißbach: »Als deutscher Offizier ist er unter persönlichem und beruflichem Risiko eingeschritten, um Deportationen von Armeniern und Griechen zu stoppen oder zu verhindern – ohne jedwede Gegenleistung. Alle Fälle sind dokumentiert, entweder in offiziellen diplomatischen Noten oder durch Augenzeugenberichte prominenter glaubwürdiger Zeitgenossen. Im Februar 1915 befahl er den türkischen Beamten in Ayvalik, die Griechen nicht anzutasten. Genau ein Jahr später blockierte er Pläne für die Austreibung von Juden und Armeniern aus Adrianopel (heute Erdine). Im März 1916 stoppte er die Deportation von Griechen aus Urla und im August aus den Küstenregionen. Unter Androhung von Gewalt gegen osmanische Truppen verhinderte er im November desselben Jahres die erzwungene Umsiedlung von Armeniern aus Smyrna. Gleichzeitig wies er den Wali (Provinzgouverneur) von Urla an, alle Griechen freizulassen, die unschuldig im Gefängnis saßen. Im Juni 1917 bestimmte er, Griechen, die in seinem Zuständigkeitsbereich lebten, dürften nicht vertrieben werden. Im Dezember schließlich veranlasste er (Kriegsminister) Enver, einen Befehl zur Deportation von Griechen aus der Küstenregion zurückzunehmen.

40812309(1).jpg
Der preußische General der Kavallerie und osmanische Marschall Otto Liman von Sanders (1855–1929) mit türkischem Fes während des Ersten Weltkriegs (Aufnahme von 1916)

Welches Motiv führte zu den Entscheidungen? Zumeist betonte er, aus militärischer Sicht bestünde keine Veranlassung, Zivilisten zu evakuieren, es würde nur unnötige Unruhe auslösen. In einigen Fällen verwies er auf die wirtschaftlichen Härten, die solche Umsiedlungen hervorriefen, da die Ernte und die Nahrungsmittelversorgung für die Zivilbevölkerung gefährdet seien. In Smyrna reagierte er auf das Leid alter Frauen und kranker Kinder, die man aus den Betten geholt und in Züge verfrachtet hatte. Während seiner Stationierung in Panderma ließ er griechische und armenische Waisenkinder von der Straße holen, auf seine Kosten unterbringen und mit Essen versorgen.«

Über die »armenische Frage« in Smyrna heißt es im Buch von Mirak-Weißbach ausführlicher: »Liman von Sanders hielt sich vom 4. bis 11. November 1916 in Smyrna auf. (…) Die Deportationen hatten gerade begonnen. Bei einem Treffen mit dem deutschen Konsul Graf von Spee informierte ihn dieser ausführlich über die Austreibung der Armenier aus der Stadt ins Landesinnere. (…) Liman lehnte die Maßnahme entschieden ab und führte dem Diplomaten (Josef Maria von Radowitz, Geschäftsträger der Deutschen Botschaft in Konstantinopel) die Gründe vor Augen: ›Da derartige Massendeportationen in das militärische Gebiet hinübergreifen – Wehrpflichtige, Gebrauch der Eisenbahnen, Gesundheitsmaßnahmen, Unruhe der Bevölkerung in einer Stadt nahe vor dem Feinde, pp. –, so hatte ich den Wali benachrichtigt, dass ohne meine Genehmigung derartige Massenverhaftungen und -deportationen nicht mehr stattfinden dürften. Ich verständigte den Wali, dass ich sie im Wiederholungsfalle mit Waffengewalt verhindern lassen würde. Daraufhin hat der Wali nachgegeben und mir gesagt, dass sie unterbleiben würden.‹ Da der Deportationsbefehl jedoch ›von Konstantinopel aus‹ (…) käme, versuchten sie vielleicht, seinen Befehl zu umgehen. ›Soweit ich in Erfahrung bringen konnte, beläuft sich die Zahl der in Smyrna lebenden Armenier auf 6-7.000.‹ (…) Noch am selben Tag sandte Radowitz ein Telegramm an das Auswärtige Amt: ›Die Massenverschickung der Armenier aus Smyrna hat in diesen Tagen begonnen. Marschall Liman von Sanders hat in militärischem Interesse Einspruch erhoben. Bericht folgt.‹ Er forderte, Deutschland solle ›nach Möglichkeit auf Einstellung oder mindestens Aufschub der Armenier-Verschickung aus Smyrna‹ hinwirken und schlug vor, die Armenier in Deutschland in Sicherheit zu bringen, eine Maßnahme, die darüber hinaus auch den Arbeitskräftemangel lindern könnte. ›Amerika hat hier erneut gegen die Armenier-Verschickungen protestiert und uns in dringlicher Form um Abhilfe gebeten.‹

Am 17. November 1916 schrieb Richard von Kühlmann, Botschafter in außerordentlicher Mission in Konstantinopel, in einem Telegramm an das Auswärtige Amt, nach ausführlicher Besprechung und ›im Einverständnis‹ mit Liman von Sanders halte er die Option, Armenier nach Deutschland zu bringen, für politisch inopportun. ›Armenier-Verschickungen aus Smyrna haben auf Eingreifen des Marschalls aufgehört.‹

Kühlmann richtete ein weiteres Schreiben an (Reichskanzler) Bethmann Hollweg, dem er einen Bericht Liman von Sanders’ über die Maßnahme in Smyrna beilegte. Der Befehl zu den Deportationen sei aus Konstantinopel gekommen, weil angeblich auf einem armenischen Friedhof Bomben und Waffen gefunden worden seien. Dies gehöre, so Kühlmann, ›zu dem schon bekannten Inventar der türkischen Behörden an solchen Vorwänden. Das Eingreifen des Marschalls ist auch deshalb zu begrüßen, weil sich in Smyrna (…) das Gerücht verbreitet hatte, die deutschen Stellen hätten die Austreibung der Armenier verlangt.‹ Die Tatsache, dass sich Liman zum Zeitpunkt der Deportationen in der Stadt aufhielt, war genutzt worden, um solchen Anschuldigungen Glaubwürdigkeit zu verleihen.

Erfolgreicher Protest

Der beigefügte Bericht Liman von Sanders’ enthielt Einzelheiten über die Deportationen. Wie er schreibt, habe ihm der deutsche Konsul Graf von Spee mitgeteilt, dass ›am 8. und in der vergangenen Nacht zahlreiche Armenier-Verhaftungen in Smyrna stattgefunden hatten und dass diese Armenier mit der Eisenbahn in das Innere des Landes abtransportiert seien. Ich zog an verschiedenen Stellen nähere Erkundigungen ein. Es wurde mir bestätigt, dass durch die Polizei zum Teil in rohester Weise, indem alte Frauen und Kinder in der Nacht aus den Betten geholt wurden, mehrere hundert Armenier verhaftet und direkt auf die Bahn gebracht wurden. Zwei Eisenbahnzüge voll Armeniern waren abtransportiert worden. In der Stadt herrschte große Aufregung über die Vorgänge.‹

›Am Morgen des 10. November‹, fährt er fort, ›(schickte ich) den Chef des Stabes der V. Armee, Oberst Kiasim Bey, zum Wali und ließ ihm sagen, dass ich derartige Massenverhaftungen und -transporte, welche in einer vom Feinde bedrohten Stadt nach verschiedenen Richtungen in das militärische Gebiet eingriffen, nicht weiter dulden würde. Sollte die Polizei trotzdem mit diesen Maßnahmen fortfahren, so würde ich sie mit Waffengewalt durch die mir unterstehenden Truppen verhindern. Ich gab dem Wali bis zum Mittag dieses Tages Zeit, sich zu entscheiden.‹ Die Drohung wirkte. ›Gegen 1.30 Nachm. kam Major Kiasim Bey vom Wali (…) zurück und meldete mir, dass die Verhaftungen und Transporte eingestellt worden und unterbleiben würden.‹

Doch das war noch nicht alles, denn auch griechische Einwohner waren betroffen. Liman von Sanders: ›An demselben Abend kamen drei Griechen aus Urla bei Smyrna (ca. 25.000 griechische Einwohner) zu mir und zeigten mir mit Bitte um Hilfe an, dass die zehn angesehensten und reichsten Notablen in Urla durch 30 dorthin entsandte Gendarmen ohne Verhör verhaftet und in das Smyrnaer Gefängnis verbracht worden seien.‹

Am 11. November sprach Liman direkt mit dem Wali: ›In einer langen Rücksprache setzte mir der Wali die Gründe für die Massenverhaftungen der Armenier auseinander. Ich konnte diese Gründe, die auf ganz unzureichenden Grundlagen beruhten, nicht billigen und betonte, dass die militärische Lage die größte Ruhe in der zum größten Teil von Griechen bewohnten Stadt Smyrna unbedingt erforderte.‹«

Von März bis Oktober 1918 nahm Liman von Sanders am Palästina-Feldzug teil und geriet wiederholt in Konflikt mit dem türkischen Kriegsminister Enver. Wenige Wochen nach Limans Ankunft ordnete Enver an, alle Juden aus der 7. und 8. Armee an die Kaukasusfront zu schicken. Als Liman davon eher zufällig erfuhr, untersagte er sofort die Ausführung des Befehls und bewahrte so zahlreiche Juden vor dem Abtransport in eine mehr als ungewisse Zukunft. Das mag genügen, um die humanitäre Motivation Liman von Sanders’ zu begründen.

Zwei Lager

Liman von Sanders gehört zu den drei deutschen Offizieren im Generals- oder Admiralitätsrang, die jüdischer Herkunft waren. Er ist deshalb im preußischen Offizierskorps antisemitischen Feindseligkeiten ausgesetzt gewesen, die auch während seiner Zeit in der Türkei eine Rolle spielten. Hinzu kamen Neid und Missgunst. Im Militär und diplomatischen Korps standen sich zwei Lager gegenüber. Die einen hießen die Ausrottungspolitik der Jungtürken gut, unterstützten oder förderten sie sogar, die anderen versuchten sie zu mäßigen, zu verhindern und zu stoppen. Es waren fast dieselben Kreise, die entweder gegen Liman von Sanders opponierten oder mit ihm zusammenarbeiten wollten. Zu den nachweislich Schuldigen und/oder Mittätern gehörten, wie dem Buch von Mirak-Weißbach zu entnehmen ist, Generalleutnant Fritz Bronsart von Schellendorf, Marineattaché Hans Humann, Generalmajor Hans von Seeckt, Major Eberhard Graf Wolffskeel von Reichenberg, Generalfeldmarschall Wilhelm Colmar von der Goltz; im Bereich der Politik Botschafter Hans Freiherr von Wangenheim, Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg und andere. Bronsart von Schellendorf und Humann standen der antiarmenischen Politik uneingeschränkt zur Seite und machten keinen Hehl aus ihrer Verachtung der Armenier und Juden. Bronsart hat als Envers Stabschef den von ihm und Enver befehligten katastrophalen Kaukasusfeldzug und ebenso die Deportationen mitgeplant. Berichten zufolge unterzeichnete er am 26. Mai 1915 den Deportationsbefehl für Armenier aus den östlichen Provinzen, der Stadt Zeitun und anderen Regionen und beteiligte sich an der Politik der Ausrottung. Noch 1921 schrieb der glühende Antisemit Bronsart »über die Armenier«, sie seien »neunmal schlimmer in Wucher wie die Juden!« – so seine Rechtfertigungslüge für Envers mörderische »Umsiedlungen«.

Humann trat als Vertrauter des von ihm bewunderten Kriegsministers Enver vehement für den Völkermord ein: »Das ist hart, aber nützlich.« Nach dem Krieg verteidigte er ihn weiterhin. Er und Bronsart taten sich als Limans eingeschworene Gegner hervor.

Bronsarts Nachfolger, Hans von Seeckt, ermöglichte den Hauptverantwortlichen für den Genozid, d. h. dem Jungtürken-Triumvirat Enver, Cemal und Talat sowie Mehmed Nazim und Bahaettin Sakir die Flucht nach Deutschland. Er begrüßte nicht nur die antiarmenische Hysterie, sondern teilte Envers Phantasien von der Errichtung eines turanisch-panislamischen Reiches.

Letzten Endes war es der persönlichen Entscheidung eines deutschen Konsuls oder eines militärischen Kommandeurs vor Ort überlassen, ob er sich zum Mittäter bei dem Massenmord machte, ihn billigte oder bekämpfte. Liman von Sanders steht eindeutig auf der Seite der Gegner des Völkermords.

Muriel Mirak-Weißbach: Retter oder Täter? Ein General zwischen Staatsräson und Moral: Otto Liman von Sanders und der Völkermord an den Armeniern, Donat-Verlag, Bremen 2021, 208 S. (Schriftenreihe Geschichte & Frieden, Bd. 49)

Sofortige Rücknahme

Aufgrund der geschilderten Fakten erwarten wir von dem Darmstädter Bürgermeister und dem dortigen »Fachbeirat«, dass sie den Ehrengrabstatus wiederherstellen. Wir, das sind die Autorin der neuen Biographie und ihr Verleger, der deutsch-kanadische Historiker Fred Kautz, die Genozidforscherin Tessa Hofmann, der Historiker und Publizist Hannes Heer, der Autor und Journalist Wolfgang Gust, der Historiker und Friedensforscher Wolfram Wette sowie die Nachfahren von Otto Liman von Sanders. Bei dem Herrn Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier regen wir an, Otto Liman von Sanders für seine Rettung von Armeniern, Griechen und Juden posthum das Bundesverdienstkreuz zu verleihen.

Teste die beste linke, überregionale Tageszeitung. Jetzt an deinem Kiosk!

Die Tageszeitung junge Welt beschreibt in ihrer Berichterstattung die Ausbeutungs- und Machtverhältnisse klar und deutlich. Für alle, die sie verstehen wollen, lohnt sich der Gang zum Kiosk und ein Blick in die  junge Welt!

Ähnliche:

  • Fordert mehr russische Truppen im Kaukasus: Armeniens Ministerpr...
    30.07.2021

    Verstärkung angefordert

    Armenien: Paschinjan will größere russische Präsenz an Grenze zu Aserbaidschan nach neuen Kämpfen. Keine Reaktion aus Moskau
  • Militärparade der aserbaidschanischen Streitkräfte in Baku am 10...
    29.05.2021

    Baku zündelt

    Grenzen austesten: Aserbaidschanische Truppen verschleppen armenische Soldaten
  • Von ihnen soll es künftig noch mehr geben: Griechische Soldaten ...
    13.01.2021

    Ruf zu den Waffen

    Warnung an Ankara: Griechische Regierung verlängert Wehrdienst. Milliarden für Aufrüstung

Die Buchlesewoche der Tageszeitung junge Welt vom 20. bis 23. Oktober. Alle Infos hier!