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Aus: Ausgabe vom 02.10.2021, Seite 15 / Geschichte
Nahost

Aus dem Weg geräumt

Vor 40 Jahren wurde Ägyptens Präsident Anwar Al-Sadat von Islamisten ermordet
Von Knut Mellenthin
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Die Attentäter vor der Ehrentribüne (Kairo, 6.10.1981)

Vor 40 Jahren, am 6. Oktober 1981, wurde Ägyptens Präsident Anwar Al-Sadat während einer Militärparade in Kairo ermordet. Die Veranstaltung erinnerte, wie in jedem Jahr, an die »siegreiche« Offensive über den Suezkanal, mit der 1973 der Oktoberkrieg begonnen hatte, der in Israel meist Jom-Kippur-Krieg genannt wird.

Mirage-Düsenjäger waren, bunte Schwaden hinter sich lassend, im Tiefflug vorbeigerast, Fallschirmjäger waren exakt in markierten Kreisen gelandet. Vor diesem Hintergrund dachte das seit 1970 amtierende Staatsoberhaupt wohl, es sei ein weiterer Teil der Show, als plötzlich mehrere Soldaten aus einem in der Parade mitfahrenden Lkw sprangen und mit Schnellfeuerwaffen auf die Ehrentribüne zuliefen. So berichtete es später ein Neffe Sadats. Ob sich der Präsident daraufhin wirklich von seinem Sitz erhob, um zu salutieren, ist allerdings umstritten.

Insgesamt wurden bei dem Überfall elf Menschen getötet und 28 verletzt. Unter diesen war der direkt neben Sadat sitzende Vizepräsident Hosni Mubarak, der dann sein Nachfolger wurde. Um die Tatsache, dass die Angreifer nicht auch Mubarak töteten und Sadats Leibwächter erst mit fast einer Minute Verzögerung reagierten, ranken sich mehr oder weniger plausible Vermutungen. Sicher ist auf jeden Fall, dass das Attentat den Lauf der Geschichte nicht im geringsten veränderte und die inneren Verhältnisse Ägyptens unter Mubarak, der bis zu seinem vom Volk erzwungenen Rücktritt im Februar 2011 Präsident blieb, sich eher noch verschlechterten.

Abkehr vom Kurs

Der 1918 geborene Sadat, ein enger Mitarbeiter des legendären Gamal ­Abdel Nasser und zuletzt dessen Vize, war automatisch zu dessen Nachfolger geworden, nachdem der damals erst 52jährige Nasser am 28. September 1970 überraschend infolge eines Herzinfarkts verstorben war. Innerhalb kurzer Zeit zerstörte Sadat das Werk seines Vorgängers gründlich. Erstens: Er »säuberte« den Staatsapparat und die militärische Führung von allen Anhängern Nassers. Zweitens: Mit der demagogischen Begründung, Moskau sei für die ägyptische Niederlage im Junikrieg 1967 verantwortlich, schickte Sadat im Juli 1972 tausende sowjetischer Militärberater und Wirtschaftsexperten nach Hause. Drittens: Die weitgehend verstaatlichte und regulierte Wirtschaft wurde einer »Reform« unterzogen. Insbesondere die Aufhebung der Staatsaufsicht über die Preise der Grundnahrungsmittel sorgte für Massenelend und Proteste, die gewaltsam niedergeschlagen wurden.

Am 6. Oktober 1973, der als Jom Kippur absoluter Ruhetag in Israel war, griffen die Streitkräfte Ägyptens und Syriens aufgrund einer koordinierten Planung die israelischen Stellungen am Suezkanal und auf den Golanhöhen an. Allein die Überquerung des Kanals wuchs sich in den Augen der ägyptischen Staatsführung zu einem riesigen Sieg aus. Tatsächlich konnten ägyptische Truppen nur wenige Kilometer weit auf das seit 1967 von Israel besetzte Gebiet vordringen, bevor sie unter großen Verlusten zurückgeworfen wurden. Am 15. Oktober gelang den israelischen Streitkräften die Bildung eines stabilen Brückenkopfs auf der Westseite des Kanals, so dass Ägyptens Lage im Grunde sogar schlechter war als vor dem Krieg.

Dennoch reichte der Mythos vom beispiellosen militärischen Sieg über den »Erzfeind« aus, um Sadat ausreichend Legitimation und Deckung für die folgenden Verhandlungen und Vereinbarungen mit Israel zu geben. Zunächst sorgten mehrere 1974 und 1975 unter Vermittlung der US-Regierung geschlossene Abkommen dafür, dass beide Seiten ihre Soldaten vom Kanal zurückzogen. Zwei Jahre später war Sadat am 19. November 1977 der erste führende arabische Politiker, der Israel besuchte und eine Rede in der Knesset hielt. Am 17. September 1978 folgten die vom US-Präsidenten James Carter und seinem Nationalen Sicherheitsberater Zbigniew Brzezinski vermittelten Camp-David-Abkommen. Dafür wurden Sadat und sein israelischer Gesprächspartner, Premierminister Menachem Begin von der rechten Likud-Partei, mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Die Unterzeichnung eines Friedensabkommens am 26. März 1979 in Washington war danach nur noch ein logischer Schritt. Ägypten war der erste arabische Staat, der mit Israel Frieden schloss. Jordanien war dazu erst 15 Jahre später, am 26. Oktober 1994, bereit.

Ausschluss und Protest

In der arabischen Welt war Sadat durch seine Verständigung mit dem zionistischen Staat zunächst vollständig isoliert. Am 31. März 1979, fünf Tage nach dem Friedensvertrag mit Israel, wurde Ägypten aus der Arabischen Liga ausgeschlossen. Das Hauptquartier der Staatengemeinschaft wurde von Kairo nach Tunis verlegt. Erst am 23. Mai 1989 wurde Ägypten wieder offiziell zur Mitgliedschaft zugelassen.

Neben der staatlichen Anerkennung Israels wurde Sadat der Abschluss eines Separatfriedens mit dem gemeinsamen Feind Israel vorgeworfen. Ägyptens Präsident hatte nicht nur Syrien, seinen Verbündeten im Oktoberkrieg 1973, verraten, dessen am 14. Dezember 1981 widerrechtlich annektierte Golanhöhen bis heute von Israel besetzt sind. Sadat hatte außerdem ohne Einbeziehung der Palästinenser und gegen deren erklärten Willen über ihr von Israel besetztes Territorium verfügt und einer substanzlosen »Autonomie« zugestimmt. Eines der schwierigsten Probleme – Israels Anspruch auf die Herrschaft über ganz Jerusalem – war in den Vereinbarungen völlig ignoriert worden. Erreicht hatte Sadat im Gegenzug ausschließlich Vorteile für Ägypten, nämlich den stufenweisen israelischen Rückzug von der Sinaihalbinsel, der im wesentlichen am 25. April 1982, ein halbes Jahr nach seinem Tod, abgeschlossen wurde. Einzige Ausnahme war die Stadt Taba am Nordende des Golfs von Akaba, die Israel erst 1989 zurückgab.

Es mag naheliegen, Sadats Ermordung nur als »Rache« für seine Verständigung mit Israel zu interpretieren. Den Planern und Organisatoren des Attentats, die aus dem Spektrum islamistischer Organisationen kamen, ging es aber um eine generelle Veränderung der Gesellschaft gemäß ihren Vorstellungen. Dass das mehr erfordert hätte als die Tötung des Staatsoberhaupts, war ihnen grundsätzlich bewusst. Es scheint, dass Sadat selbst die Ereignisse beschleunigte, indem er am 3. und 4. September 1981 rund 1.600 Personen aus allen Bereichen der politischen, religiösen und sozialen Opposition verhaften ließ. Das zwang die Attentäter aus ihrer Sicht zum zeitnahen Losschlagen.

Im Land des Feindes

Ich mache denen, die meine Entscheidung – als ich sie vor dem ägyptischen Parlament der ganzen Welt offenbarte – mit Überraschung und Verwunderung entgegennahmen, keine Vorwürfe. Manche (…) glaubten, dass meine Entscheidung nicht mehr sei als ein Jonglieren mit Worten, um in der öffentlichen Meinung der Welt gut dazustehen. Andere interpretierten es als politische Taktik, um meinen Wunsch nach einem neuen Krieg zu verbergen. (…) Einer meiner Mitarbeiter im Präsidentenbüro rief mich zu später Stunde an, nachdem ich aus dem Parlament heimgekehrt war, und klang besorgt, als er mich fragte: »Herr Präsident, wie würden wir denn reagieren, wenn Israel Ihnen wirklich eine Einladung schickt?« – Ich antwortete ruhig, dass ich sie sofort annehmen würde. (…)

Ich verstehe den Standpunkt derjenigen, die von meiner Entscheidung verblüfft waren oder die irgendwie an der Ehrlichkeit meiner Absichten zweifelten. Niemand hätte sich vorstellen können, dass der Präsident des größten arabischen Staates, der die schwerste Last und die größte Verantwortung für Krieg und Frieden getragen hatte, seine Bereitschaft erklären könnte, ins Land des Gegners zu gehen, während wir uns noch im Kriegszustand befanden. (…)

Ich habe mich über diese Entscheidung nicht mit irgendeinem meiner Kollegen und Brüder (…) beraten. Diejenigen, die mich nach der Erklärung meiner Entscheidung kontaktierten, äußerten ihre Ablehnung.

Aus der Rede Anwar Al-Sadats in der Knesset am 20. November 1977

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