75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Gegründet 1947 Freitag, 3. Dezember 2021, Nr. 282
Die junge Welt wird von 2593 GenossInnen herausgegeben
75 Ausgaben junge Welt für 75 € 75 Ausgaben junge Welt für 75 €
75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Aus: Ausgabe vom 02.10.2021, Seite 5 / Inland
Luftverkehr

Günstige Überstunden

Lufthansa-Tochter Eurowings ist auf Wachstumskurs, weil Beschäftigte länger arbeiten. Die streiken nun für finanzielle Zulagen
Von Bernd Müller
Warnstreik_bei_Eurow_71147997.jpg
Nach dem Streik warten die Beschäftigten auf ein ernstzunehmendes Angebot der Fluggesellschaft (hier am Freitag in Düsseldorf)

Am Freitag morgen ist das Kabinenpersonal der Fluggesellschaft Eurowings in den Warnstreik getreten. Betroffen waren die Flughäfen in Düsseldorf, Köln/Bonn und Dortmund. Zum Streik hatte die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi aufgerufen. Sie reagierte nach eigenen Angaben damit auf die Verweigerungshaltung des Unternehmens in den laufenden Tarifverhandlungen.

Dem Vernehmen nach bildeten sich am Flughafen Düsseldorf lange Schlangen vor dem Eurowings-Schalter. An der Abflugtafel wurden zahlreiche Flüge als gestrichen angezeigt. Der Streik sei lokal auf Nordrhein-Westfalen begrenzt, hieß es in einer Mitteilung. Nach Angaben der Gewerkschaft beteiligten sich in Düsseldorf 80 Beschäftigte an der Aktion, in Köln 25 bis 30. In Dortmund habe sich eine Crew mit vier Kollegen beteiligt.

»Eurowings ist gestärkt aus der Krise gekommen und erwirtschaftet Gewinne«, erklärte Verdi-Verhandlungsführer Marvin Reschinsky. Diese Profite würden vom Kabinenpersonal erwirtschaftet, das unter erschwerten Bedingungen arbeite und im Monat bis zu 40 Überstunden leiste. Dafür erwarte es »zu Recht eine finanzielle Anerkennung bei aktuellen Preissteigerungen für Benzin, Mieten und Lebensunterhalt«.

In den Verhandlungen kämpft die Gewerkschaft dafür, dass die Eurowings-Beschäftigten Zulagen für die stark zugenommenen Belastungen und Überstunden erhalten. Doch die Tochtergesellschaft der Lufthansa sei nach wie vor nicht bereit, ein entsprechendes Angebot zu unterbreiten. Statt dessen fordere deren Geschäftsführung eine unentgeltliche Arbeitsverdichtung. Die Beschäftigten sollen mit einer Einmalzahlung im Jahr 2023 abgespeist werden, monieren die Gewerkschafter. Unter Verweis auf die stark steigende Inflation lehnen sie das Angebot ab. Außerdem betonen sie: Obwohl das Unternehmen Gewinne erwirtschafte, »werden die Beschäftigten des Unternehmens weiterhin mit einem Krisenbeitrag von ungefähr sechs Prozent ihres individuellen Einkommens belastet«.

Bislang seien keine weiteren Streiktermine geplant, erklärte Reschinsky. »Wir warten ab, wie die Verhandlungen verlaufen.« Am Montag treffen die Tarifparteien das nächste Mal aufeinander. Sollte sich an der Verweigerungshaltung nichts ändern, dann könnte sich der »Konflikt zu den Herbstferien zuspitzen«, so Reschinsky.

Eurowings befindet sich auf Wachstumskurs und vergrößert seine Flotte. In der Pandemie hatten sich Konkurrenten von vielen Flughäfen zurückgezogen – und zahlreiche ihrer Strecken hat die Lufthansa-Tochter übernommen. Zentrale Drehkreuze der Airline sind die Flughäfen Düsseldorf und Köln/Bonn. Gemessen am Passagieraufkommen, ist der Flughafen Düsseldorf der viertgrößte in Deutschland. Der Airport Köln/Bonn rangiert auf Platz sechs.

Die gesamte Branche ordne sich neu, und eine »Marktbereinigung« sei in vollem Gange, hatte ein Branchenkenner Anfang Juli gegenüber tagesschau.de gesagt. Im Pandemiejahr 2020 hätten sich mehr als 40 Fluggesellschaften in ein »Schutzschirmverfahren« gerettet oder gleich Insolvenz beantragt. Durch staatliche Gelder seien zwar viele von ihnen vor dem Konkurs bewahrt worden; aber sie schrieben weiterhin rote Zahlen.

Einen Ausweg suchen viele Airlines inzwischen im touristischen Reisen. Zum Beispiel Eurowings. Im Sommer sollten die Maschinen des Unternehmens über 300mal pro Woche nach Mallorca fliegen. Eurowings-Chef Jens Bischof hatte damals erklärt, sein Unternehmen gehöre zu den wenigen, die schon wieder in den Vorwärtsgang schalten könnten. Andere sagten, dass der Verdrängungswettbewerb im vollen Gange sei.

Im kommenden Jahr will Eurowings wieder aus dem »Coronatief« herausgekommen sein. Wie Bischof Anfang September erklärte, soll die Europaflotte dann wieder einen ähnlichen Umfang wie vor der Krise haben: etwa 115 Flugzeuge. Vor einem Monat hatte Eurowings 81 Maschinen in der Luft. Auch nach Nordeuropa will das Unternehmen expandieren und den kriselnden Konkurrenten Norwegian verdrängen.

Zeitung für das Recht auf Wohnen

Die junge Welt ist die einzige parteiunabhängige Tageszeitung, die Zeit Ihres Bestehens gegen Krieg und Faschismus angeschrieben hat. Wenn wir nun unseren 75. Geburtstag feiern, dann möchten wir das zusammen mit unseren Leserinnen und Lesern begehen.

Um dieses Jubiläum gebührend zu feiern, hat die junge Welt die 75er-Aktion. Schenken Sie sich, Ihren Lieben und der jW 75 Ausgaben für 75 Euro. Danach endet das Abo automatisch und muss nicht abbestellt werden.

Ähnliche:

  • Bald umlackiert? Tim und Struppi zieren eine Air-Brussels-Maschi...
    06.02.2018

    Kampf um Lufthoheit

    Brussels Airlines könnte von Lufthansa-Tochter Eurowings geschluckt werden. Afrikageschäft belgischer Flughäfen stünde dann vor dem Aus
  • Reinigungskraft im Landtag von Nordrhein-Westfalen (2014)
    27.12.2017

    Jobverlust zum neuen Jahr

    Fünftägiger Streik kann nicht verhindern, dass fast 100 Reinigungskräfte am Düsseldorfer Flughafen entlassen werden. Er hat sich dennoch gelohnt

Mehr aus: Inland