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Aus: Ausgabe vom 28.09.2021, Seite 11 / Feuilleton
Oper

Den Verlust von Illusionen träumen

Musikalisch gelungen, inszenatorisch ambitioniert: Benjamin Brittens »Ein Sommernachtstraum« an der Oper Halle
Von Kai Köhler
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Nichts von Niedlichkeit: Der Zauber dieser Sommernacht muss sich aus dem Verhältnis der Figuren entfalten

Unter Shakespeares Komödien ist »Ein Sommernachtstraum« eine der beliebtesten, und dies nicht ohne Grund. Mehr noch als manche der Schwesterwerke ermöglicht sie, bei allem gedanklichen Reichtum, Bühnenzauber. Und sie erlaubt eine große Spannbreite an Interpretationen, die nicht offenkundig gegen den Text verstoßen. Man kann einen putzigen Wald hinstellen, in dem nächtens allerhand Elfen, Kobolde und eben auch Menschen ihr Wesen oder Unwesen treiben. Auch lassen sich soziale Hierarchien herausstellen: Es treten zwei Königspaare auf, Theseus und Hippolyta in der Realwelt und Oberon und Titania im Bereich der Elfen; darunter vier Menschen, die im nächtlichen Wald allerlei Irrungen erleben müssen; außerdem noch biedere Handwerker, die – ungelenk genug – eine komische Tragödie proben, die als Spiel im Spiel wiederum die Verhältnisse spiegelt. Schließlich kann man das Ernste akzentuieren: die erotischen Katastrophen, die für manche der Beteiligten die Nacht zu einer Alptraumnacht werden lassen und nur mit Mühe als ungeschehen erklärt werden können.

Das Werk verlangt nach Musik und hat immer wieder Komponisten angeregt. Es gilt, das Traumhafte in Klang zu versetzen, dies aber nicht als Lizenz für Willkür und Ungenauigkeiten zu missbrauchen. Auch ein Traum muss, jedenfalls in der Kunst, seine Logik haben. Benjamin Britten hat in seiner Oper von 1960 auf ein Kammerorchester gesetzt, mit reichhaltigem – aber zurückhaltend eingesetztem – Schlagzeug, meist solistischen Bläsern und einer kleinen Streichergruppe, die nur dort chorisch auftrumpft, wo Herrschaftsmusik parodiert wird. Nun wird in dieser Komposition allerhand parodiert. Brittens musikalische Traumwelt ist nirgends Gewaber, versucht nicht durch Lautstärke zu überwältigen, bleibt stets klug und kontrolliert. Das Poetische dieser Musik entsteht durch sensible Klangkombinationen, die dabei nie zum kulinarischen Selbstzweck herabsinken, sondern die Szenen sehr genau beschreiben. Eine der großen Stärken dieser Aufführung ist, wie die von Michael Wendeberg geleitete Staatskapelle Halle dies umsetzt. Keines der berühmteren Orchester könnte es besser machen.

Die Inszenierung hat Walter Sut­cliffe, der von dieser Spielzeit an die Oper Halle leitet, selbst übernommen. Er versteht sie als ein Angebot ans Publikum und thematisiert durchgehend das Verhältnis von Zuschauern und den Vorgängen auf der Bühne. Entsprechend verlängert die Kulisse dekorative Elemente des Saales ins Geschehen hinein. Wenn Theseus, »Herzog von Athen«, anfangs als privilegierter Zuschauer auf der Bühne sitzt, könnte dies als Erinnerung ans Hoftheater mit dem Fürsten, auf dessen Loge alles ausgerichtet war, hingehen. Aber je mehr Sutcliffe die Zuschauerfigur ins Geschehen einbezieht, desto mehr häufen sich die logischen Brüche. Bereits Shakespeare arbeitete mit mehreren Ebenen. Britten fügte dem seine Musik hinzu. Wenn im Schlussakt die Handwerker ihr Theater im Theater aufführen, vom Herzog aber nicht nur eine Rente erhoffen, sondern den potentiellen Geldgeber auf ihre Bühne zerren und ihn dort übel behandeln, ergibt das nicht nur dramaturgisch keinen Sinn. Es bewirkt auch eine Vervielfältigung der Handlungsebenen, die ins Diffuse kippt.

Wo aber liegt das Gelungene der Aufführung? Es fehlt das Niedliche, etwa ein possierlicher Wald. Die Spielfläche ist ein abstrakter, von Licht gebildeter Kreis. Der Zauber dieser Sommernacht muss sich aus dem Verhältnis der Figuren entfalten, was streckenweise gelingt. Hier geht es vor allem um die beiden Menschenpaare, die in den Wald geraten. Hermia und Lysander lieben sich und fliehen, weil Hermias Vater die Tochter mit dem ungeliebten Demetrius verheiraten will. Demetrius verfolgt das Paar, seinerseits verfolgt von Helena, die – ohne Gegenliebe zu finden – in Demetrius vernarrt ist. Der Elfenkönig Oberon befiehlt seinem Kobold Puck, einen Zauberstoff einzusetzen, der bewirkt, dass man sich in die erste Person verliebt, die man erwachend erblickt. Das geht zunächst gegen seine Gattin Titania, mit der er sich streitet und der er auf diese Weise tatsächlich den in einen Esel verzauberten Handwerker Zettel andreht. Aber auch Lysander und Demetrius verlieben sich so in die zuvor vernachlässigte Helena, während sich die zuvor von zwei Männern begehrte Hermia plötzlich allein wiederfindet. Nun streiten die Männer so untereinander wie die Frauen, und alle erleben eine Unbeständigkeit der Gefühle, wie sie sie zuvor nicht erahnt haben.

Die schreckliche Erfahrung besteht darin, dass auf nichts Verlass ist. In der Komödie steckt eine Tragödie. Im Spiel der Handwerker ist beides unfreiwillig gemischt, Britten macht mit seiner Musik das Ineinander hörbar. In Halle gibt es ein Ensemble, das dies zu vermitteln vermag. Yulia Sokoliks Hermia und Chulhyun Kims Lysander hervorzuheben, deutet diese Stärke nur an. Sie zeigt sich bis in die Besetzung der kleineren unter den Handwerkerrollen. Hier sind Sängerinnen und Sänger versammelt, von denen noch viel zu erwarten ist.

Manchmal steht auch hier die Inszenierung der Wirkung im Wege. Wenn sich bei ihrem ersten Auftritt Hermia und Lysander ihrer großen Liebe versichern, winkt der ältere Theseus, noch als Zuschauer, unwillig ab: alles schon erlebt und alles als Illusion durchschaut. Was danach geschieht, bestätigt ihn ja, die unbedingte, unwandelbare Liebe gibt es nicht. Man rede sich nicht damit heraus, dass dies nur Ergebnis von Zauberei sei: Magisches – jedenfalls in ernstzunehmenden Werken – ist nie nur äußerlich, sondern bringt das Innere der verzauberten Figuren zutage. Doch gibt es Desillusionierung nur dann, wenn zuvor eine Illusion da war. Man kann zu früh zu klug sein – dann funktioniert das nicht. Die erste Inszenierung des neuen Intendanten weckt deshalb Skepsis. Die musikalische Leistung von Ensemble, Orchester und Dirigent ermutigt dagegen.

Nächste Vorstellungen: 1., 9., 22. Oktober

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