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Aus: Ausgabe vom 27.09.2021, Seite 7 / Ausland
Brutales Ritual

Männerbündler vor Gericht

Belgien: Prozess gegen Mitglieder von Studentenvereinigung nach Tod bei Aufnahmeritual begonnen
Von Gerrit Hoekman
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Veranstaltung im Gedenken an den beim sogenannten Aufnahmeritual gestorbenen Sanda Dia in Leuven am 4. September 2020

Am Freitag hat vor dem Landgericht im belgischen Hasselt der Prozess gegen 18 Mitglieder der exklusiven Studentenvereinigung »Reuzegom« begonnen. Ihnen drohen bis zu 15 Jahren Haft. Hintergrund ist der Todesfall des 20jährigen Sanda Dia, Student an der renommierten Katholischen Universität Leuven, der im Dezember 2018 bei einem Aufnahmeritual in den obskuren Klub ums Leben gekommen war.

Die »Taufe«, an der Dia und zwei weitere Studenten teilnahmen, fand in einem abgelegenen Chalet in Vorselaar bei Antwerpen statt, rund 50 Kilometer von Leuven entfernt. Die Aufgaben, die sie zu erfüllen hatten, waren extrem widerlich, recherchierte damals die Tageszeitung Het Nieuwsblad. Sie mussten literweise Alkohol und salziges Fischöl trinken und laut dpa einem lebenden Aal den Kopf abbeißen. Doch damit nicht genug. Die Anwärter mussten sich bei einer Außentemperatur von sechs Grad Celsius stundenlang halbnackt in eiskaltes Wasser stellen, während die anwesenden Mitglieder des Männerbundes auf sie urinierten.

Am Ende der Folter kollabierte Dia. Es dauerte fast eine Stunde bis die Kommilitonen ihn ins Krankenhaus brachten. Da lag Dias Körpertemperatur nur noch bei 27,2 Grad, sein Blut hatte einen extrem hohen Salzgehalt. Wenige Tage später versagten seine Organe. Unterdessen beseitigten die »Reuzegommer« alle Spuren am Tatort und löschten Videos und Kommentare in sozialen Medien, die jedoch von der Polizei zum Teil wiederhergestellt werden konnten.

Den Angeklagten wird nun fahrlässige Tötung, unterlassene Hilfeleistung, Erniedrigung und die vorsätzliche Verabreichung schädlicher und tödlicher Substanzen vorgeworfen. Rassismus ist kein Anklagepunkt, aber nach Ansicht der Tageszeitung De Standaard vom Freitag könnte der Vorwurf während des Prozesses noch ein Thema werden.

In den sozialen Medien kursiert dieser Verdacht schon lange. Sanda Dia wurde zwar in Belgien geboren, sein Vater stammt jedoch aus Mauretanien. Dieser Umstand beißt sich mit dem Weltbild der inzwischen aufgelösten Studentenverbindung. »Reuzegom« wurde 1946 von flämischen Nationalisten gegründet, deren Familien teilweise mit den Nazis kollaboriert hatten. Sie stammten allesamt aus Antwerpen und studierten in Leuven entweder Jura oder Ingenieurswesen wie Dia.

»Wie ist es möglich, dass eine Gruppe mit solchen Ideen, die den Werten der Universität zuwiderlaufen, dort noch einen Platz findet? Eine Gruppe, die eine sehr elitäre Haltung einnimmt, die sich über das Gesetz lustig macht und in der man sich gerne als Ku-Klux-Klan verkleidet«, fragte der Anwalt, der die Mutter von Dia vertritt, am 4. Januar bei VRT Nieuws. Laut Het Nieuwsblad von 2018 sei »Reuzegom« ein »Reiche-Leute-Klub« gewesen, dessen Mitglieder sich als Flanderns weiße Elite verstanden. »Ihre Väter und Mütter sind Anwälte, Geschäftsleute, angesehene Industrielle, Notare. Menschen, die sich zu wappnen wissen, wenn sie in schlechtes Wetter geraten und die nun auch ihre Söhne mit einer Armee von Topanwälten ausrüsten«, so Het Nieuwsblad damals.

Die Universität Leuven hatte nach Dias Tod zunächst nur 30 Stunden Sozialarbeit für die mutmaßlich Verantwortlichen festgelegt. Als das Rektorat später Akteneinsicht erhielt, wurde die Strafe deutlich erhöht: Sieben »Reuzegommer« sind nun mehrere Semester vom Studium ausgeschlossen. Die älteren Chargierten konnten von der Uni nicht mehr belangt werden, da sie inzwischen ihr Diplom gemacht hatten, berichtete der flämische Sender VRT Nieuws im Januar. Am ersten Sitzungstag, bei dem es zunächst nur darum ging, den weiteren Prozessverlauf festzulegen, nahmen nur zwei der 18 Angeklagten teil. Am 12. Oktober werden Ärzte und Sachverständige aussagen. Für den 22. April sind die Plädoyers vorgesehen.

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