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Aus: Ausgabe vom 25.09.2021, Seite 5 / Inland
Prekär angestellt

Tariftreue nur auf dem Papier

Jeder fünfte Lohnabhängige atypisch beschäftigt. In Berlin und Brandenburg arbeitet gut ein Viertel im Niedriglohnsektor
Von Gudrun Giese
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Auch im Bundestag werden Reinigungskräfte mit Niedriglöhnen abgespeist

Der Anteil sogenannter atypischer Arbeitsverhältnisse bei allen abhängig Beschäftigten liegt bei 20,9 Prozent. Das zeigt eine Sonderauswertung des Statistischen Bundesamtes (Destatis) auf der Basis des Mikrozensus von 2020, die die Bundestagsfraktion Die Linke in Auftrag gegeben hat.

Insgesamt arbeiten rund sieben Millionen Menschen in Teilzeit mit weniger als zwanzig Wochenstunden, in Minijobs, mit einem befristeten Vertrag oder in Leiharbeit. Diese Kategorien erfasst Destatis als atypische Beschäftigungsverhältnisse. Darüber hinaus gibt es laut der Sonderauswertung, über die zuerst die Neue Osnabrücker Zeitung (NOZ) berichtete, weitere 4,5 Millionen Menschen, die in Teilzeit mit mehr als zwanzig Wochenstunden arbeiten.

Faktisch seien damit rund 11,5 Millionen der 33,4 Millionen abhängig Beschäftigten in der Bundesrepublik von Teilzeit oder prekärer Arbeit betroffen, erklärte der Vorsitzende der Bundestagsfraktion Die Linke, Dietmar Bartsch, gegenüber der NOZ. Da viele Beschäftigte unfreiwillig in Minijobs, Teilzeit, mit befristeten Verträgen oder in Leiharbeit tätig sind, müsse es einen Rechtsanspruch auf Vollzeitarbeit geben. Außerdem sollten sachgrundlose Befristungen von Arbeitsverträgen abgeschafft werden. In Leiharbeit Beschäftigte müssten zehn Prozent mehr Geld als ihre festangestellten Kollegen in Gestalt einer Flexibilitätszulage erhalten.

Eine aktuelle Veröffentlichung des DGB-Bezirks Berlin-Brandenburg, die auf einer Sonderauswertung des sozio-oekonomischen Panels (SOEP) basiert, belegt zudem, wie groß in der Hauptstadtregion nach wie vor der Niedriglohnsektor ist: In den Jahren 2017 bis 2019 arbeiteten in Berlin pro Jahr durchschnittlich 375.000 Menschen im Niedriglohnsektor, in Brandenburg waren es etwa 280.000 abhängig Beschäftigte jährlich. Sie alle erhielten einen Stundenlohn von unter 11,13 Euro, was weniger als zwei Dritteln des mittleren Bruttostundenlohns in diesem Zeitraum entsprach. In Berlin lag damit der Anteil der im Niedriglohnsektor Arbeitenden bei 24,3 Prozent der abhängig Beschäftigten, in Brandenburg bei 27,7 Prozent.

Die Auswertung zeigt, dass das Niedriglohnrisiko ungleich verteilt ist: Überdurchschnittlich betroffen sind Beschäftigte nichtdeutscher Herkunft, in Berlin sind das 30,5, in Brandenburg 65,4 Prozent, außerdem An- und Ungelernte (Berlin: 50,4 Prozent, Brandenburg: 73,2 Prozent) sowie Minijobber (Berlin: 85,2 Prozent, Brandenburg: 90,9 Prozent). Auch regionale Unterschiede förderte die Auswertung zutage. 40 Prozent der Vollzeitbeschäftigten im Elbe-Elster-Kreis und im Havelland arbeiten für Niedriglöhne, das sind doppelt so viele wie in Berlin. Abhilfe schaffen müsse hier eine aktivere Strukturpolitik, heißt es von seiten des DGB.

Die starke Verbreitung von Niedriglöhnen in der Region will der DGB Berlin-Brandenburg beenden und fordert dazu in der 23seitigen Publikation, die Tarifbindung zu stärken, den Arbeitsmarkt neu zu ordnen und beruflichen Aufstieg zu fördern, um wirksam gegen niedrige Löhne vorzugehen. Eine künftige Bundesregierung solle durch gesetzliche Regelungen die Tarifbindung stärken, den Mindestlohn auf zwölf Euro anheben und ein Recht auf Weiterbildung einführen. Auch die beiden Bundesländer müssten tätig werden. Brandenburg stehe in der Verantwortung, die Tariftreueklausel für öffentliche Auftragsvergaben einzuführen. In Berlin solle die bestehende Tariftreueregelung umgesetzt und mit Leben gefüllt werden. Nach den Wahlen zum Bundestag und zum Berliner Abgeordnetenhaus würden die Weichen neu gestellt, schreibt der Vorsitzende des DGB Berlin-Brandenburg, Christian Hoßbach in seinem Vorwort. Er glaubt noch an die Politik und fordert: »Insbesondere für die rund 650.000 Niedriglohnbeschäftigten in Berlin und Brandenburg kommt es jetzt darauf an, dass systematische Strategiebildung für gute Arbeit und damit die Bekämpfung von Niedriglöhnen ganz nach oben auf die politische Agenda kommen.«

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