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Aus: Ausgabe vom 24.09.2021, Seite 11 / Feuilleton
Theater

Ein Türchen im Nirgendwo

René Pollesch beginnt seine Intendanz an der Berliner Volksbühne mit einer Geschichte des Vorhangs
Von Andreas Hahn
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Unterm Vorhang: Martin Wuttke mit Gevatter Tod auf dem Rücken sucht nach einer Kippe

Die Artisten verneigen sich meist, wenn ein Vorhang aufgeht (nicht selten ist er rot). Dann haben sie abzuliefern, gehen schließlich ab und dürfen sich wieder hinter dem Vorhang verstecken.

Draußen vor der Volksbühne am Berliner Rosa-Luxemburg-Platz steht seit ein paar Wochen ein kleines Zirkuszelt. Drinnen im Gebäude befindet sich bei der Spielzeiteröffnung der Zirkusvorhang (tieforange) auf der Bühne, im Bühnenbild. Genauer gesagt: Der Vorhang ist sein eigenes Bühnenbild (konzipiert von Leonard Neumann, dem Sohn vom Volksbühnen-Mastermind Bert Neumann) und Hauptdarsteller zugleich. Er tanzt, er lebt, er legt sich in Falten. Flankiert wird die Vorhangbühne von zwei überlebensgroßen historischen Fotografien einer Zirkusartistin und eines Zirkusartisten vor oder nach dem Abliefern, Abgehen.

Davor/dahinter, draußen oder drinnen. Wer oder was aber sich davor oder dahinter und danach, draußen oder drinnen befindet, das dürfte nicht allein René Pollesch interessieren. Vor der ersten Premiere (am 16.9.) seiner Intendanz hatte es direkt vor dem Zirkuszeltchen eine kleine Demonstration sogenannter Impfgegner gegeben – die Volksbühne scheint weiterhin Kundgebungen aller Art wie von Geisterhand anzuziehen. Eines ihrer Flugblätter, im typischen Volksbühnen-Stil layoutet, sagt: »Die Impfmuffel müssen halt draußen bleiben!« Eine übrigens bisher noch inkorrekte Behauptung: Nur wer keine Eintrittskarte hat, muss »draußen bleiben«, wie das halt, wie fragwürdig im einzelnen auch immer, schon immer so war.

Der Vorhang sagt, was davor- und was dahintersteckt. Dementsprechend hat der Vorhang eine Geschichte. Wie eine Stadt (zum Beispiel Mahagonny geheißen). »Aufstieg und Fall eines Vorhangs und sein Leben dazwischen« ist der Titel der ersten Uraufführung der neuen Spielzeit der Volksbühne, die doch fast wieder sein könnte wie die alte – damals vor dem Fall des Vorhangs und anderem.

Auf ihrem Flugblatt schlugen die Demonstranten vor, statt der Vorhanggeschichte lieber Molieres »Der eingebildete Kranke« zu spielen. Sie machten es sich einfach (an dieser Stelle). Aber selbst sie glauben anscheinend noch dran, dass ihnen der Vorhang etwas zu sagen hat. Über einen Anfang und ein Ende, ein Drinnen und Draußen. Eines Textes, eines Ablieferns und Abgehens, einer Eintrittsberechtigung.

Der Vorhang, von dem der Pollesch-Text zunächst spricht, ist ein ganz bestimmter, vergangener, ein Vorhang der Jahre 1907/08:

»Unsere Handlung spielt in Paris vor dem Ersten Weltkrieg. Der Vorhang hebt sich gleich, und wir sehen eine sich wie besessen gebärdende Menge von Spießern, wir hören ihr Schimpfen und ihr Gespött und fragen uns: Was kann sie so in Wut versetzt haben?« fragt Martin Wuttke auf der Bühne unter dem Vorhang. Diese Frage ist natürlich nicht die von René Pollesch. Sie ist aus dem ersten Kapitel – »Mythos und Realität. Die Kubismuslegende« – der kunstkritischen Abhandlung »Krise des Hässlichen. Vom Kubismus zur Popart« des sowjetischen Kunsttheoretikers Michail Lifschitz. Die hardcoremarxistische Absage an die moderne Kunst »des Westens« erschien 1968.

Dahinter steht die Frage, ob die Ankunft einer neuen Kunst revolutionär ist oder nur eine neue Masche der Kunsthändler und Bankiers (für Lifschitz das letztere) und ob die Erregung, mitunter die »Massenhysterie« der sogenannten Spießer immer eine Einladung darstellt, einer Sache im Gegenzug lieber wohlwollend gegenüberzustehen. Nein, würde Lenin sagen, natürlich nicht. »Trotzdem«, fährt Martin Wuttke fort, »wären wir auf seiten der Kunst, jedenfalls auf dieser Seite des Vorhangs. Allerdings vermuten wir schon seit langem, dass der Alptraum der Traditionen, der jahrtausendelang auf den Hirnen gelastet hat, keine wirkliche nachhaltige Alternative ist.«

Soll heißen, weder das Alte noch das Neue ist wirklich gut. Vor allem, wenn das Junge dem Alten verdammt ähnlich sieht und vice versa: »Wo sind wir, fragen die Jungen. Wo sind wir, fragen die Alten …« Der Vorhang aber ist auch ein Schutzschirm, vor oder hinter dem sich etwas entfalten kann, sich ein Ausweg auftut. So ungefähr im Stil des Films »Being John Malkovich« (1999): »Da ist so ein Türchen im Nirgendwo. Es ist eine Pforte. Und sie führt in das Innere von Tolstoi oder in das Innere des Kastens, in dem der Vorhang normalerweise verweilt. Nur hier hat er beschlossen, ein Tänzchen aufzuführen.«

Polleschs Tolstoi-Portal heißt Stefan Zweig. Und auch darin geht es um die Jungen, die Alten und die Ausflüchte: »Sie haben uns zu Revolutionären gemacht, und jetzt, da Ihre Stunde reif ist, wenden Sie sich ab und billigen die Gewalt.«

Die provisorische Lösung kann nur im Dazwischen, in den Falten des Vorhangs liegen. Die eleganteste Ausflucht, die mit der »diskursiven Natur der Zirkusperformance« einhergeht, wie der Semiotikprofessor und Zirkusexperte Paul Bouissac sagt.

Kathrin Angerers Gesicht in Nahaufnahme als Videoprojektion auf und zugleich hinter dem Vorhang, dem Schirm – sozusagen letztlich zwischen dem Vorhang –, wie sie das Foto des Artisten und die darauf abgebildete Pose des lässigen Wartens, anhimmelt: »Was sind sie denn für uns? Warum sind sie schön?« Die Posen, die Zitate? »Jede Antwort von mir wäre irgendeine Fremdsprache.« Dieser Text, dieser Abend war so schön, wie eine Ausflucht nur sein kann.

»Aufstieg und Fall eines Vorhangs und sein Leben dazwischen« von ­René Pollesch, nächste Vorstellungen: 25.9., 3.10., 11.10.

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