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Aus: Ausgabe vom 24.09.2021, Seite 10 / Feuilleton
Metal

Die Quadratur des Kreises. Im Steckrübenwinter 83/84

Von Frank Schäfer
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Halbnackt im Backstage: Die drei schweren Jungs von Venom

Wir hatten ja nichts! Im Steckrübenwinter 83/84. Jüngeren Metalheads kann man nur mit viel Mühe erklären, was damals alles fehlte. Es gab nicht einmal Metalheads. Headbanger hießen die und bei manch einem Dorftroll mit einer Fünf in Englisch sogar »Hiet­bääändscha«. Kein einschlägiges Poster an die Wand hängen konnte man, an so etwas verschwendete die sich gerade konsolidierende Szene noch keine Gedanken. Folglich war der Proberaum unserer frisch formierten Nahkampfeinheit mit dem sprechenden Namen Adrenalin orange-braun tapeziert, in einem Muster, dass sich die Quadratur des Kreises vorgenommen hatte. Eine niedersächsische Bauernkalenderversion von Acid Art.

Onkel Adolf hatte beim Bau seiner Ponderosa einen Partyraum vorgesehen und nicht bedacht, dass Partys nicht seine Stärke waren, also durften wir dort unsere Instrumente reinstellen und mit ihnen bestialische Dinge anstellen. Unter einer Bedingung: »Wenn ihr Chaoten mir nicht mein Dormunder Export wegsauft!« »Geht in Ordnung, sowieso, genau!« Ich kreuzte Zeige- und Mittelfinger hinterm Rücken.

Irgendwann nach einem zergniedelten Übungsabend mit ordentlich Gejaller beschwerte sich Knüppel über das unmetallische Interieur und pinnte einen angeketteten David Lee Roth an die Wand, die Beilage zu »Women And Children First«. Der Anfang war gemacht. Bald darauf brachte er ein Heft mit, bei dem unsere erzenen Herzen sofort einen kollektiven Sprung taten – Aardschok. Zunächst lernten wir es auswendig, danach nahm ich vorsichtig das Venom-Poster heraus und hängte es hin. Viel Feuer war hier zu sehen, Cronos drohte ernsthaft, einem Totenschädel in die leeren Augenhöhlen zu pieken, und Mantas schwang ein Samuraischwert. Ausgerechnet dieser motorisch stark benachteiligte Mensch. Unverantwortlich!

Rock Hard folgte mit einem aus schlimm kopierten Fotos zusammengestümperten Iron-Maiden-Plakat zur »Piece«-Tour. Egal, ran an die Wand damit. Das nächste Heft allerdings beschenkte uns schon mit einem beinahe professionellen Bandfoto von Tokyo Blade. Potz Spandex, Niete und Grimasse. Um die Satan-Story auf der Rückseite war es schade, aber Knüppel kaufte einfach »Court In The Act«, und kein Gericht der Welt würde uns schuldig sprechen.

Es passierte also endlich etwas, der Steckrübenwinter ging zu Ende, wenn auch nicht schnell genug. Auch wir wollten härter werden, eingängiger, vor allem komplexer, dabei aber auch den Markt nicht ganz außer acht lassen. Die Quadratur des Kreises im Hintergrund schien trefflich damit zu harmonieren, nur wurde uns langsam blümerant davon. Um die schmählichen Lücken zu füllen und zur Motivation, sah ich auch ein- oder allerhöchstens zweimal die Zeitschriften meines Onkels durch. Onkel Adolf, muss man wissen, war Junggeselle und infolgedessen ein Freund des komischen Wortes. Er hielt sich so unterschiedliche Mags wie Praline und Wochenend. »Wegen der astreinen Witzseiten!« murmelte er. Ich fand ein paar humoristische Poster in der Mitte und erkenne heute das innovative Potential unseres Wandschmucks. Wir waren schon sleaze, da gab es den Begriff noch gar nicht!

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