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Aus: Ausgabe vom 22.09.2021, Seite 5 / Inland
Aktionstag zur Stärkung der Rente

Schleichende Rentenkürzung

DGB-Aktionstag: Längere Erwerbsdauer führt zu finanziellen Abschlägen. »Konflikt zwischen Kapital und Arbeit«
Von Bernd Müller
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Je länger Lohnabhängige ihre Arbeitskraft verkaufen müssen, desto größer wird die Lücke in der staatlichen Rentenkasse

Wenige Tage vor der Bundestagswahl haben sich die Gewerkschaften für eine andere Rentenpolitik ausgesprochen. An mehr als 200 Orten, an Bahnhöfen und zentralen Plätzen, warb der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) am Dienstag für ein Umdenken. Der bundesweite Aktionstag lief unter dem Motto »Echt gerecht: Die gesetzliche Rente stärken«.

»Wer sein Leben lang gearbeitet hat, der muss im Alter auch gut von der Rente leben können«, erklärte am Dienstag der DGB-Vorsitzende Reiner Hoffmann. Dies sei das zentrale Sicherheitsversprechen eines starken Sozialstaats. In einer älter werdenden Gesellschaft dürfe das Versprechen nicht einfach aufgekündigt werden mit einem höheren Rentenalter und einem sinkenden Rentenniveau.

DGB-Vorstandsmitglied Anja Piel ergänzte: »Die Frage ist nicht, ob wir uns eine gute Altersvorsorge leisten können, sondern wer sie bezahlt.« Hier gebe es keinen Konflikt zwischen den Generationen, wie immer behauptet werde; es sei »ein Konflikt zwischen Kapital und Arbeit«. Die gesetzliche Rente müsse weiterentwickelt werden zu einer Erwerbstätigenversicherung, in die neben Lohnabhängigen auch Selbständige und Beamte einzahlen. Und für mehr Menschen brauche es »bessere, tariflich bezahlte Arbeit – denn dem Niedriglohn folgt unmittelbar die Armutsrente«.

Das IG-Metall-Vorstandsmitglied Hans-Jürgen Urban appellierte an die nächste Bundesregierung: »Wenn die Politik nicht mit Mut das Steuer herumreißt, kommt es in spätestens fünf Jahren zu weiteren Lücken in der gesetzlichen Rente.« Er machte deutlich, dass es für ihn überhaupt nicht in Frage komme, den Renteneintritt immer weiter nach hinten zu verschieben. »Eine weitere Erhöhung des Rentenalters führt nicht zu längerem Arbeiten, sondern allzu oft zu höheren Rentenabschlägen und damit zu einer massiven Rentenkürzung durch die Hintertür«, sagte er weiter. Für viele Beschäftigte sei es auch gar nicht möglich, noch länger zu arbeiten. Viele Menschen schafften es nicht einmal zu arbeiten, bis sie 60 Jahre alt seien. »Eine weitere Erhöhung des Renteneintrittsalters zu fordern, ist deshalb geradezu zynisch.«

Um ihre Position zu untermauern, hatte die IG Metall über 250.000 Beschäftigte aus der Metall- und Elektro­branche befragt. 96 Prozent waren überzeugt davon, dass nicht alle Beschäftigten in ihren Betrieben bis zur aktuellen Regelaltersgrenze arbeiten können. Deshalb spricht sich die Gewerkschaft auch für einen erleichterten Zugang zur Erwerbsminderungsrente aus sowie für realistische Ausstiegsmöglichkeiten aus dem Erwerbsleben – vor dem gesetzlichen Rentenalter.

Auch am Bau schafft es kaum jemand, bis zum 65. Lebensjahr durchzuhalten. »Kaum ein Dachdecker schafft es bis zur Rente«, sagte IG-BAU-Chef Robert Feiger. Nur jeder Zehnte arbeite noch, wenn das 60. Lebensjahr überschritten sei. »Im Schnitt müssen Bauarbeiter vor 59 in Rente gehen, obwohl sie eigentlich bis 67 durchhalten müssten«, so Feiger. Sie seien körperlich einfach Jahre früher am Ende und müssten dann zum Teil starke Abstriche bei der Rente in Kauf nehmen – und das, obwohl Bauarbeiter im Schnitt deutlich mehr Arbeitsstunden pro Jahr leisteten als Beschäftigte in anderen Berufen. Sie arbeiteten demnach 138 Stunden oder 10,4 Prozent mehr pro Jahr.

Zur geringeren Rente komme dann auch noch eine geringere Lebenserwartung, heißt es bei der IG BAU. Vor allem bei Männern falle der Unterschied zwischen den Berufen besonders drastisch aus. Ein Beamter lebe statistisch zum Beispiel 5,6 Jahre länger als ein Arbeiter. Entsprechend länger bekomme er auch seine Pension. »Hart arbeiten und dann am Ende für eine kürzere Zeit weniger Rente bekommen – damit muss Schluss sein«, fordert Feiger.

»Die neue Bundesregierung muss deshalb die Rente ab Herbst anpacken und auf neue Füße stellen: Wir müssen endlich Altersarmut effektiver verhindern«, erklärte er weiter. Wer mehr und härter arbeite, solle künftig auch mehr Rente als heute bekommen. Notwendig sei »eine Rentenkasse, in die alle einzahlen – Arbeiter, Angestellte, Selbständige, Beamte, Parlamentarier und Minister: der Polier genauso wie die Professorin und der Politiker«.

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