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Früchte, die Schatten werfen

Von Helmut Höge
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Hier lässt’s sich aushalten: Szene aus »Fruit of Paradise« (Vera Chytilova, 1969)

Das menschenentleerte Gebiet von Tschernobyl erweist sich für die Pflanzen- und Tierwelt als »wahres Paradies«, wie Biologen diese »Todeszone« bezeichnen. Ein Vogelbeobachter, mit dem ich den Vogelpark Walsrode besuchte, meinte: »Das ist ja wie im Paradies hier.« Wir besuchten auch einmal einen Kibbuz am See Genezareth. Als wir im Essraum saßen, meinte eine neben mir sitzende Kibbuzgenossin: »Ihr seid doch an unserer Bananenplantage links abgebogen und zum Haupteingang reingekommen. Wenn ihr geradeaus gefahren wärt, wärt ihr da hingekommen, wo einst das Paradies war, aus dem Adam und Eva vertrieben wurden.« Ich wusste auf diese überraschende Lesart der Bibel als Kataster nichts zu antworten.

Wikipedia beantwortete die Frage, wo das Paradies auf Erden, das in der Genesis als Garten Eden beschrieben wird, liegt, so: »Obwohl es auf der Erde lokalisiert ist, verspricht es neben sinnlichen Genüssen und Kostbarkeiten das ewige Leben, wobei hier die Einschränkung gilt, dass das ewige Leben auf den Aufenthalt im Garten beschränkt ist«, der quasi kultiviert – nichts Wildes ist. Weswegen dort in allen bildlichen Darstellung Löwen und Schafe und Menschen friedlich nebeneinander leben. Das biologische Gesetz »Leben heißt töten« gilt dort nicht. Konkret soll sich laut Wikipedia der »Garten Eden im Südosten Anatoliens nahe der heutigen Stadt Sanliurfa« befunden haben. Das meinte 2009 auch die B. Z.: »Forscher entdeckten Garten Eden.« Im selben Jahr habe ich, nebenbei bemerkt, den Garten von Rolf Eden, dem einzigen Rolls-Royce-Fahrer Westberlins, in Zehlendorf entdeckt.

Die Zeugen Jehovas geben auf ihrer Internetseite zu bedenken, dass schon so manche behauptet hätten, sie hätten das verlorene Paradies wiedergefunden. Die Suche nach dem »Paradies auf Erden« ziehe sich wie ein roter Faden durch die Geschichte. Sie meinen: »Da man heute wohl kaum von einem Paradies auf Erden sprechen kann, stellt sich die Frage: Wird sich diese Verheißung irgendwann erfüllen?« Sie sind da optimistisch: Wie in Matthäus 6:10 versprochen, wird das »Königreich mit Jesus Christus als König über die ganze Erde herrschen und alle Regierungen auf ihr ersetzen (Daniel 2:44). Es wird dafür sorgen, dass Gottes Wille geschieht und die Erde wieder zu einem Paradies wird.« Auch Psalm 115:16 und Titus 1:2 versichern: Die Hoffnung auf ein Paradies auf Erden kommt von »Gott, der nicht lügen kann«.

Im Buch »Als Oma, Gott und Britney sich im Wohnzimmer trafen oder Der Islam und ich« (2018) meint Autorin Luna Al-Mousli, die schon früh am Glauben zweifelte, dass Adam und Eva zwar immer als »gepflegt und schön« dargestellt werden, sie sich aber die beiden ersten Menschen immer als »haarig und riesengroß« vorgestellt habe. In einer Geschichte aus ihrem Religionsunterricht hieß es, dass die Kaaba in Mekka ein Stein aus dem Paradies sei. Al-Mousli mutmaßte sogleich, dass dann ja wohl das Paradies »irgendwo im Weltall« liegen müsse – denn die Wissenschaftler gehen davon aus, dass es sich bei dem Stein, den zu berühren für die gläubigen Moslems das Höchste ist, um einen Meteoriten handelt.

Als Al-Mouslis Großeltern von ihrer Pilgerreise nach Mekka zurückkamen, brachten sie in Flaschen abgefülltes heiliges Wasser aus einer »besonderen Quelle« mit: »Man erzählte, es komme direkt aus dem Paradies«. Und also konnte dieses eigentlich nicht »irgendwo im Weltall« liegen – aber wo? Ungeachtet dessen sagte man ihr: »Wenn man in einer großen Masse betet, bekäme man mehr Hasanat (das sind die guten Karmapunkte, die einen ins Paradies bringen).« Sicher war sich die Autorin nur, dass es Opas selbstgemachte »Marillenmarmelade« auch im Paradies geben würde. Am Schluss ihres Buches kommt Al-Mouslis Vorstellung vom Paradies der Einschätzung der Biologen, die menschenentleerte Todeszone von Tschernobyl sei ein »wahres Paradies«, nahe: »Wahrscheinlich waren alle Lebewesen im Paradies froh, als Adam und Eva auf die Erde mussten und das Paradies wieder ein Ort der Ruhe und des Friedens war.«

Die evangelische Theologin Nadja Papageorgiu führte 2014 in ihrer Predigt »Wo ist das Paradies« aus: »Der Schweizer Theologe und Orientalist Othmar Kehl meint, man könne genausogut versuchen, den Stein der Weisen mineralogisch zu bestimmen, wie den Ort des biblischen Paradieses geographisch zu verorten. So ist es mit dem Paradies. Es gibt es hier auf Erden. Und es ist nichts als eine Idee, eine Phantasie, ein Traum, der zu verschiedenen Zeiten für verschiedene Menschen verschiedene Namen hatte.« Im Koran sei das Paradies ein Ort, »wo die Früchte so groß sind, dass sie Schatten werfen, und in den Bächen neben klarem Wasser Milch und Honig fließen«. Das Paradies sei also das Schlaraffenland, wo einem die gebratenen Tauben in den Mund fliegen. Das christliche Paradies befinde sich dagegen »am Ende der Zeit« und sei »die Belohnung für ein anständig gelebtes Leben. Gemeinsam ist den Paradiesen, dass das Wetter mild und das Essen reichlich ist.« Für nicht wenige Gläubige ist es darüber hinaus voller Jungfrauen, die zu jeder Schandtat bereit sind.

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