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Aus: Ausgabe vom 20.09.2021, Seite 10 / Feuilleton
Pop

Treibstoff für das Feuer

Graffiti und Landfriedensbruch: DeathHop mit The Bug
Von Christian Meyer
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Beinahe manisch produktiv: Kevin Richard Martin

Hinter The Bug steckt Kevin Richard Martin (kurz KRM), ein Musiker, Produzent und DJ aus London. Unter diversen Pseudonymen und in unterschiedlichsten Projekten hat er seit den frühen 90ern Platten veröffentlicht. Vieles davon ist auf namhaften Labels wie Hyperdub, Rephlex, Ipecac oder, wie sein neue Album »Fire«, bei Ninja Tune erschienen. Die Liste der Künstler, mit denen KRM zusammengearbeitet hat, ist so divers wie beeindruckend: Alec Empire, Blixa Bargeld, DJ Vadim, Fennesz, John Zorn, Justin Broadrick von Napalm Death, Kiki Hitomi, El-P etc.

Das alles zeigt schon, dass das Feld hier sehr weit ist, außerdem macht es deutlich, was man von Martin nicht erwarten darf: seichte Unterhaltung. Mal kriecht der Sound eher reduziert dahin (King Midas Sound, Zonal), mal überrollt er alles (Curse of the Golden Vampire). KRM ist vielseitig: Bei God spielt er selbst auch Saxophon. Unter seinem bürgerlichen Namen veröffentlichte er im vergangenen Jahr fünf Alben mit langen, bedrohlichen Ambient-Stücken, die klaustrophobische Lockdown-Vibes verbreiten (»Frequencies for Leaving Earth Vol. 1–5«). Erst im Mai brachte er das Album »Bedroom Loops« heraus – auch definitiv Musik zum Zuhausebleiben. Das ist alles freilich nur eine Auswahl. Oder, anders gesagt: Der Mann ist beinahe manisch produktiv. Unter dem Namen The Bug gab es allerdings seit 2014 kein Album mehr – eine lange Zeit.

Der Sound ist der rote Faden, der sich durch sämtliche Projekte von KRM zieht. Oft ist schwer zu sagen, ob er organisch und warm (grobe Orientierung: Dub) oder maschinell und kalt (grobe Orientierung: Techno) ist. Bei The Bug sind alle Regler aufgedreht, knarzige Beats dominieren die Stücke. »Ich war schon immer süchtig nach der Körperlichkeit und Intensität von Sound: Ich habe The Bug gegründet, weil ich Musik für ein Soundsystem machen wollte, das ich im Lager hatte (…) – ich bin immer auf der Suche nach Treibstoff für das Feuer und Liveshows – und die Sehnsucht nach Liveshows während des Lockdowns war ein echter Anstoß«, resümiert Martin.

Obwohl The Bug nicht nur das bekannteste, sondern auch das poppigste Projekt ist, macht KRM auch hier kein Easy Listening. Manche würden die Musik vielleicht sogar als anstrengend bezeichnen. Es ist eben genau nicht der gefühlsduselige Klangteppich, den man aus den großen Radiostationen oder von Spotify-Empfehlungen gewohnt ist, diese »eintönige Soundtapete, die das beschädigte Leben im Spätkapitalismus beschallen soll« (Berthold Seliger). Hier werden die gesellschaftlichen Verhältnisse nicht überspielt, sondern repräsentiert, kritisiert und konfrontiert. Guter Pop.

Auf »Fire« werden nach einem eher ruhigen Intro mit »Pressure« (feat. Flowdan) die Weichen gestellt – es boomt und scheppert los. Der Grime-MC Flowdan hat schon häufig mit The Bug kollaboriert, er ist auf dem Album auf drei Stücken dabei. Es gibt Uptempo-Tracks wie »Demon« (feat. Irah) und »Clash« (feat. Logan) und mit »Ganja Baby« (feat. Daddy Freddy) einen Dancehalltune. Zu den herausragenden Features zählt Moor Mother (von Irreversible Entanglements) und die Grime-Rapperin FFSYTHO, die auf »How bout Dat« überzeugt. Auf dem letzten Track ruft der Dichter Roger Robinson schmerzhaft den Brand des Grenfell Towers im Jahr 2017 in Erinnerung, bei dem 72 Menschen ihr Leben verloren.

Das Album »Fire« ist intensiv, irgendwie HipHop, aber schmutzig und brachial. DeathHop, mindestens DubHop. Ragga Boom Bap für den Køpi-Keller. Zum Sound des Albums assoziiert man spontan Graffiti und Landfriedensbruch. Die Bässe sind dabei das Fundament. Obwohl die Musik maximalistisch angelegt ist, dient sie doch auch dazu, die Gast-MCs in Szene zu setzen. Oft scheinen die Vocals aber auch eher die Beats zur Geltung zu bringen oder lösen sich unter Effekten fast im Sound auf. Es ist kein harmonisches Album, aber es harmoniert alles sehr schön.

The Bug: »Fire« (Ninja Tune)

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Martin M. aus Graz (19. September 2021 um 23:12 Uhr)
    Eine Playlist von The Bug:
    https://www.bbc.co.uk/programmes/m000zf0m

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