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Aus: Ausgabe vom 18.09.2021, Seite 11 / Feuilleton
HipHop

Fließbandende nicht in Sicht

Rap aus der Arbeiterschicht: Kollege Hartmann und sein Album »Modus Mindestlohn«
Von Thomas Salter
Kollege Hartmann_(c)Christin Nitzsche (2).jpg
Genosse Hartmann schreibt Disstracks nur gegen das System

Das Herausragende an Rapper Kollege Hartmann ist, dass er nicht der Beste sein will. Mit seinem Album »Modus Mindestlohn« hat er eine für HipHop eher untypische Attitüde eingenommen: Er stapelt tief, er zweifelt, er wagt das Unspektakuläre. Statt über Crystal und Porsche rappt er von Sterni und Fahrrad, nix »bling-bling«, höchstens »überstunden-rich, aber ohne Kaufkraft«.

Dabei ist das Album eigentlich eine Art Wiederauferstehen. Fünf Jahre ist sein letztes Album »Alltag Life« (2016) her, er hatte die Musik fast schon aufgegeben. Zuviel Arbeit in seinem Hauptjob, zuwenig Zeit, um Musik zu genießen. Eine Supporttour mit Danger Dan gab ihm neuen Elan, wobei Elan vielleicht das falsche Wort ist. »Wankelmut« heißt der erste Track, ein solider Trapbeat mit einem griffigen Autotunerefrain, aber jeder Menge Selbstzweifel: »Ich hab’ mich selber neu gefunden / und find’ es geil – für ein paar Stunden.« Keine Sorge, das Lied ist nicht ganz ein »Schaumbad im Selbstmitleid«, wie Hartmann sagt, sondern einfach ehrlich – mit einem für Rap untypischen Stimmungswechsel mitten im Lied.

Stimmungswechsel ist ohnehin ein gutes Stichwort für den Dresdner MC. Er arbeitet sich ungeschönt durch die Hochs und Tiefs im Leben eines Mitglieds der Arbeiterklasse, zum Beispiel in dem melancholischen Saufsong »Mexikaner«: »Guck mal, wie ich immer lache / es ist Happy Harti / Mit Depression und Menschenhass / und trotzdem Bock auf Party.«

Ohnehin sind Arbeit und die Zugehörigkeit zur Arbeiterklasse ein wiederkehrendes Thema, besonders im Song »Trance«: »Meine KollegInnen kommen von der ganzen Welt her / Chefgemachte Fluktuation erzeugt Niedriggehälter / Stechkarte rein, Stechkarte raus / mach’ die Pause für Raucher, Abrechnung minutengenau.« In Interviews erklärt Kollege Hartmann dieses Selbstverständnis aus dem Einfluss seiner Großeltern, die ihm viel über das positive Arbeitsbild der DDR vermittelt hätten, dass Arbeit eine Berufung sein sollte. Ein Ideal, das ihm im BRD-Alltag fehlt, hier sei das »Fließbandende nicht in Sicht«, wie er in »Trance« rappt.

Insgesamt hat das Album einige Stärken, vor allem mutige Stilbrüche: Der Song »Bike Punk« geht unerwartet in einen Drum-’n’-Bass-Beat über, »Dünnes Eis« ist eine Uptemponummer, die klanglich an die Synthsounds aus einer 80er-Jahre-Science-Fiction-Film-Dystopie erinnern. Kollege Hartmanns Stimme und sein Flow sind oft etwas bieder, und manche seiner Reime und Betonungen holpern noch gewaltig. Aber es ist nun mal kein Rap vom Fließband, sondern ein ehrlicher Blick auf den Alltag eines Arbeitenden.

Kollege Hartmann: »Modus Mindestlohn« (100 Prozent O. K.)

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