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Aus: Ausgabe vom 16.09.2021, Seite 11 / Feuilleton
Kino

Wer liebt schon die Wüste?

Denis Villeneuves Verfilmung des Science-Fiction-Klassikers »Dune« ist eine staubtrockene Angelegenheit
Von Peer Schmitt
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Der Sandwurm wünscht »alles Gute«: Der Wüsten-Hamlet (Timothée Chalamet) und die Mutter des Messias (Rebecca Ferguson)

Und nun noch einmal. Von vorn. Zu etwas keineswegs anderem. Die Geschichte wiederholt sich sehr wohl, selbst wenn man dazu verdammt scheint, sie zu kennen: An den wüsten Gestaden des Planeten Arrakis strandete ein Raumschiff, und die Gewürzmatrosen saßen ratlos da und weinten; dann glitt ein Sandwurm vorbei und wünschte ihnen »alles Gute«. Vorhang, vorbei, Fortsetzung folgt. »This is only the beginning«, tönt Denis Villeneuves Version von »Dune«. Man ist mit der Geschichte noch nicht ganz fertig geworden. Es bleibt noch einiges zu erledigen.

Es handelt sich um den nunmehr dritten Versuch einer Adaption des Romans von Frank Herbert aus dem Jahre 1965 (Computerspiele, Comics, Kinderhörspielkassetten und sonstiges nicht eingerechnet). Die ersten beiden sind Spuren des Scheiterns. Von Alejandro Jodorowskis geplantem Film in den frühen 70ern ist im wesentlichen nicht viel mehr übrig geblieben als die Dokumentation dieses Scheiterns: »Jodorowsky’s Dune« (Frank Pavich, 2013). Einige der Designideen aus diesem nie verwirklichten Irrsinnsprojekt finden sich aber in der neuen Version wieder, etwa die »organische Konstruktion« der libellenartigen Militärhubschrauber, mit denen nun in Villeneuves Film der Wüstenplanet erkundet wird.

1984 war dann David Lynch zu »Dune – Der Wüstenplanet« verdammt worden. Es war das erste Projekt seiner damals noch sehr jungen Karriere in »Hollywood«. Er geriet in die Fänge des italienischen Filmproduzenten Dino De Laurentiis und von dessen Tochter Rafaella. Lynch lieferte in ihren Augen Stuss ab. Der Film war ein grandioses Missverständnis, kommerziell eine Pleite. Man stellte noch eine dreieinhalbstündige TV-Fassung her, der Lynch den Segen seines Namens dann aber nicht mehr geben wollte. Sie trug die einschlägige Signatur der Verdammnis: »Directed by Alan Smithee.«

Nun hat mit Denis Villeneuve kein Exzentriker, sondern ein routinierter Schreckensmann den Job übernommen. Villeneuves Filme – »Blade Runner 2049« (2017), »Arrival« (2016), »Enemy«(2013) – sind schon immer ein Konglomerat aus Schocktherapie und Grüblerei, ostentativer Rätselhaftigkeit, Angeberei und popkultureller Schlacke gewesen. Mit »Dune« hat er sich übertroffen. Wie die meisten seiner Filme ist auch dieser eine eher statische Angelegenheit, eine Aneinanderreihung von Tableaus – der Versuch, die »große Leinwand« mit malerischer Pracht zu füllen, immerhin weitgehend ohne digitale Mätzchen. Die Raumschiffe hängen im Bildhintergrund am Himmel und sehen aus wie matschige Avocados. Sie sollen wohl etwas Schwerwiegendes suggerieren.

Villeneuves Filme sind Überredungsversuche. Sie handeln von der Vortäuschung der eigenen Gewichtigkeit. So wie der Held der Geschichte, der vermeintliche Messias Paul Atreides (Timothée Chalamet), permanent initiiert, geprüft und abermals geprüft wird – in einer zentralen Szene bei Lynch wie bei Villeneuve wird er vor die Wahl zwischen Folter und Tod gestellt –, bevor er sich mehr oder weniger selbst dazu überredet, die Position des Einen, des Auserwählten, des Gesalbten, Erlösenden usw. einzunehmen.

An begleitend persuasiver Wucht versucht sich selbstverständlich auch Hans Zimmers Soundtrack, ein permanentes Dröhnen, das mit »orientalischen« Zitatmelodien ausgeschmückt wird. Es poltert das Ornament.

Frank Herbert dachte bei seiner Vorlage erklärtermaßen schon an »die Araber« (an die »OPEC«) und genauso an die Mojave-Wüste in Kalifornien, an Schamanentum und Kaktusfrüchte genauso wie an islamische Mystik und Erdöl. Es mangelt der Vorlage auch nicht an »Ideologiekritik«: Kolonialismus, herbeizitierter Messianismus, die persuasive Kraft einer fabrizierten Religion, die alle Verschwörungen zu lenken scheint, das alles kommt vor, neben Nonnen, Rittern, wüsten Gestalten und Lastfahrzeugen.

Die Droge ist Treibstoff und umgekehrt. Die Prämisse der Geschichte ist einigermaßen phantastisch. Nach einem sogenannten Dschihad ist in einer fernen Zukunft der Gebrauch von Computern tabuisiert. Um dennoch eine sichere Navigation in der intergalaktischen Raumfahrt (die Normalität ist wie heutzutage der öffentliche Nahverkehr) zu gewährleisten, wird eine ominöse Droge benötigt – das »Spice«. Abgebaut wird es auf dem kolonialisierten Wüstenplaneten. Die Ureinwohner – »Araber«, »Indianer« –, die Fremen, werden von einer Drogenhändlerkaste, den Harkonnen, unterjocht. Diesen wird wiederum eine noble Kriegerkaste gegenübergestellt, die Atreiden. Ein sogenannter Imperator des Universums entschließt sich, die beiden Häuser gegeneinander auszuspielen. Es gibt Krieg. Schließlich irgendwann Rebellion. Wiederholt ist von »Desert power« die Rede.

Der Heimatplanet der Kriegerkaste ist eine Art »Hamlet«-Dänemark. Der Held, dunkel gekleidet, lässt an den Klippen über einer ruhigen See seine Haare im Wind wehen. Die Heimat der Harkonnen ist eine Art Drogenentzugsklinik für groteske Körper im Schlammbad. Der Wüstenplanet hingegen darf sich bei »Lawrence of Arabia« (David Lean, 1962) anlehnen. Unter dem Einfluss der Droge werden die Augen so blau wie einst die von Peter O’Toole.

Lawrence von Arabien kommt also ins Nonnenkloster und fragt nach, wo das Feuerzeugbenzin geblieben ist. Anstelle einer Antwort bekommt er die Hausschlüssel fürs Kloster. Das ist ungefähr die Story. Ein Ritterfilm auf Meskalin.

Neu und wiederum sehr zeitgemäß ist die Einführung einer Figur, die bei dem Streit zwischen den Adelsgeschlechtern zunächst scheinbar vermitteln soll, eine »ökologische Beraterin«. Das »Counseling« – und nicht etwa der verwirrte Messianismus – ist die entscheidende politische Figur. Die Beraterin ist Richter, Staatsanwalt und Schöffe in einer Person. So wie die Figur des Experten jede Gewaltenteilung und jede demokratische Repräsentation hinfällig macht. Gleichgültig, ob ökologische Verantwortlichkeit im Umgang mit den Ressourcen oder kulturelle Angemessenheit im Umgang mit der jeweiligen Folklore.

Die alte Verfilmung von David Lynch machte noch jeden Versuch einer politischen Allegorisierung des Stoffes von Beginn an lächerlich. Über Krieg und Intrige beriet sich ein Kaiser in Karnevalsuniform mit einer sprechenden Seegurke in einem gepanzerten Aquarium. Bei Villeneuve ist man wieder mit tödlichem Ernst bei der Sache, die man traumhaft sicher verfehlt (»Hamlet«, »Ödipus Rex«, »Lawrence of Arabia« und all das).

Man muss schon ein guttrainiertes Sitzfleisch haben (Tranquilizer im Blut) und vermutlich so was wie eine Wüste im Herzen und Tomaten auf den Augen, um diese verbohrt prätentiöse, an die Überzeugungskraft ihres lächerlichen Todernstes dennoch womöglich tatsächlich fest glaubende, von sich daher auch unbeirrt unerhörten Lärm machende Ödnis irgendwie gutheißen zu können.

»Desert power«? Wie hieß es noch einst in »Lawrence of Arabia«: »Wir Araber lieben die Wüste nicht« (das überlassen wir den Verrückten).

»Dune«, Regie: Denis Villeneuve, USA/Kanada 2021, 155 Minuten, Kinostart: heute

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