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Aus: Ausgabe vom 15.09.2021, Seite 5 / Inland
Energiewende

Flaute für Windkraft

Stromproduktion mit Kohle nimmt wieder zu. Umweltverbände fordern drastischen Ausbau erneuerbarer Energien
Von Bernd Müller
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Die Kohle ist wieder größter Energieträger in der BRD (Kohlekraftwerk in Bergheim, Nordrhein-Westfalen)

Keine gute Nachricht für den Klimaschutz: Für Kohlestrom gab es im ersten Halbjahr 2021 unverhofft Auftrieb. Eine wichtige Rolle spielte dabei das windarme Frühjahr, das für die überraschende Renaissance des dreckigen Stroms sorgte. Das Statistische Bundesamt hatte am Montag mitgeteilt, dass mehr als die Hälfte (55 Prozent) des erzeugten Stroms aus konventionellen Quellen stammt. Der Anstieg im Vergleich zum Vorjahreszeitraum macht demnach 20,9 Prozent aus. Vor allem aus Kohle wurde deutlich mehr Energie gewonnen, aber auch Atommeiler konnten mehr Energie ins Netz einspeisen.

Dagegen ging die Stromproduktion bei allen erneuerbaren Energieträgern um 11,7 Prozent zurück, die somit nur noch 44 Prozent des deutschen Strommixes ausmachten. Der Rückgang war bei Biogas und Solarstrom nur unmerklich, mit einem Minus von 21 Prozent bei der Windkraft dagegen deutlich.

Die Bundesnetzagentur verwies in einer Analyse neben der Flaute auf einen weiteren Grund für das Absacken der erneuerbaren Energiequellen im nationalen Strommix: »Die Werte der Erneuerbaren sind im Vergleich auch deshalb insgesamt geringer, weil es im ersten Halbjahr 2020 eine außergewöhnlich hohe Einspeisung gab«, heißt es in dem Papier. Der Februar 2020 sei wegen mehrerer Sturmtiefs der Monat mit der höchsten Ökostromerzeugung seit mindestens 2015 gewesen.

Solche Schwankungen bei den Erneuerbaren seien aber normal, erklärte Patrick Graichen, Chef des Berliner Instituts Agora Energiewende im Gespräch mit dem Deutschlandfunk am Montag. Er sah dagegen nicht nur die Flaute der vergangenen Monate als Ursache für den Rückgang an, sondern auch den stockenden Ausbau der Windkraftanlagen. »Solche Schwankungen könnten ausgeglichen werden, wenn wir mehr Windräder an Land hinzubauen würden«, sagte er. Aber der Ausbau stocke seit Jahren.

Auch die Chefin des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW), Kerstin Andreae, betonte, es sei normal, dass die Stromerzeugung aus Wind- und Sonnenenergie wetterbedingten Schwankungen unterliege. Ihrer Meinung nach zeigen die Zahlen, dass auch »das Ausbautempo der Erneuerbaren deutlich anziehen« müsse, wenn Deutschland die Klimaziele für 2030 erreichen wolle.

Der Bundesverband Windenergie (BWE) rechnet für das 2021 mit einem Zubau von Anlagen mit einer Leistung zwischen zwei und 2,5 Gigawatt – wenn es keine Schwierigkeiten in den Lieferketten gibt. In den Spitzenjahren von 2014 bis 2017 wurden dagegen Windräder mit fast doppelt soviel Leistung an Land aufgebaut.

Dass aber vor allem mehr Kohlestrom ins Netz eingespeist wurde, dürfte an den hohen Gaspreisen liegen. Die Coronapandemie hatte im letzten Jahr zu einem Rückgang der Nachfrage nach Gas geführt. In diesem Jahr stieg sie dagegen wieder stark an. Auch China hatte in den ersten fünf Monaten 2021 im Vergleich zum Vorjahr 25 Prozent mehr Gas eingeführt. Alles zusammen hat die Preise an den Spotmärkten im Laufe des Jahres mehr als verdoppelt. Unter diesen Voraussetzungen hat sich das Verbrennen von Kohle wieder gerechnet.

Bis zum Jahr 2030 wird sich der Strombedarf in Deutschland deutlich erhöhen: um den Faktor 1,2 bis 1,4, heißt es beim Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE). Wenn im Jahr 2045 die Energiewende vollendet werden soll, dann könnte der Strombedarf sogar um den Faktor 2,5 ansteigen. Das Fraunhofer-ISE geht in einer Studie, im Auftrag der Umweltorganisation Greenpeace, davon aus, dass kein Weg am Ausbau der erneuerbaren Energieträger vorbei geht. Für Solarstrom bedeutet das: »Um 100 Prozent unseres, bis dahin noch mal stark gestiegenen, Strombedarfs mit Erneuerbaren zu decken, müssen wir im Vergleich zu heute das sechs- bis achtfache an Photovoltaikleistung installieren«, erklärte Christoph Kost, Leiter der Gruppe Energiesysteme und Energiewirtschaft am Fraunhofer-ISE. Das seien bis zu 446 Gigawatt im Vergleich zu den 54 Gigawatt installierter Photovoltaikleistung Ende 2020.

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