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Aus: Ausgabe vom 11.09.2021, Seite 7 / Ausland
Covid-Strategie Großbritannien

Lockdown im Gespräch

England: Anhaltend hohe Infektionszahlen. Erneute Einschränkungen möglich. Regierung dementiert, will sich Option aber offenhalten
Von Christian Bunke
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Noch vor dem »Freiheitstag«: Theateraufführung unter Lockdown-Bedingungen in London (26.6.2021)

Im Umfeld der britischen Regierung wird offenbar über einen mehrwöchigen, sogenannten Firebreak Lockdown – zu deutsch etwa: Feuerpausen-Lockdown – im Oktober in England nachgedacht. Ziel dieser Maßnahme sei die Vermeidung einer Überlastung des englischen Gesundheitswesens aufgrund weiter hoher Infektionszahlen. Mit diesem Vorschlag zitierte unter anderem das Nachrichtenportal Inews am Montag ein nicht namentlich genanntes Mitglied des regierungsnahen wissenschaftlichen Beratergremiums SAGE.

Käme ein solcher Lockdown, wäre er nur wenige Monate nach der Ausrufung des sogenannten Freiheitstages Mitte Juli eine ernsthafte Niederlage für Premierminister Boris Johnson. Mit dem »Freiheitstag« ist ein Großteil der Coronabeschränkungen in England gefallen. Lohnabhängige sehen sich seither einem steigenden Druck ausgesetzt, in ihre Großraumbüros und an andere Arbeitsplätze zurückzukehren. Das funktioniert nur bedingt. Viele Branchen, von Gastronomie bis Logistik, klagen über anhaltenden Personalmangel, der neben Lieferkettenproblemen zunehmend das britische Wirtschaftswachstum hemmt.

Johnson selbst lässt neuerliche Lockdown-Spekulationen derzeit dementieren. So zitierte das den Tories nahestehende Boulevardblatt Sun am Freitag einen »Verbündeten« Johnsons mit den Worten: »Johnson will nie wieder einen weiteren Lockdown. Die Stärke unseres Impfprogramms hat die Art und Weise, in der wir das Virus bekämpfen und mit ihm leben, stark verändert. Es wird dieses Jahr anders laufen.« Gleichzeitig kündigte der »Verbündete« neue Vorschläge Johnsons zur Pandemiebekämpfung für die kommende Woche an. Darin will die Regierung offenbar ihr Recht, neuerliche Lockdowns ausrufen zu können, noch einmal verlängern lassen. Auch eine Kampagne zur Impfauffrischung für ältere Personen und Menschen mit Vorerkrankungen soll in Planung sein.

Laut aktuellsten Zahlen sind inzwischen 80,4 Prozent aller über 16jährigen Personen in Großbritannien vollständig gegen Covid-19 geimpft. Dennoch gab es in den vergangenen sieben Tagen in allen Landesteilen insgesamt 272.334 Neuinfektionen. Das ist ein Anstieg um 36.182 Neuinfektionen im Vergleich zur Vorwoche. Ein Haupttreiber scheinen junge Menschen im Alter von unter 16 Jahren zu sein. Für diese Altersgruppe ist noch kein Impfstoff zugelassen. Das nationale Impfgremium Großbritanniens hatte sich zuletzt noch gegen eine solche Zulassung ausgesprochen. Die Regierung konnte sich in dieser Frage bislang zu keiner Entscheidung durchringen. Sie setzt derzeit auf andere Maßnahmen, wie etwa die Einführung einer Impfpflicht für das Gesundheitspersonal. Allerdings hat gerade diese Berufsgruppe eine Impfrate von über 90 Prozent.

Problematisch ist die Situation in den Schulen. Das zeigen von der BBC aufbereitete Zahlen vom 2. September am Beispiel Schottlands. Zu diesem Zeitpunkt waren 6.471 schottische Schulkinder aufgrund einer Coronainfektion in Quarantäne. 25.622 weitere befanden sich in Selbstisolation, da sie direkten Kontakt mit infizierten Klassenkameradinnen und -kameraden gehabt hatten. Innerhalb einer Woche habe sich die Zahl der Neuinfektionen unter schottischen Schulkindern um 3.500 erhöht, so die BBC. Hier bahnt sich eine Gesundheitskrise an. Laut der britischen Statistikbehörde ONS leben derzeit 34.000 britische Kinder mit Long-Covid-Symptomen. Wie deren langfristige Unterstützung gewährleistet werden soll, ist bislang völlig ungeklärt.

In England wächst deshalb die Angst unter dem Lehrpersonal vor dem bevorstehenden Schulanfang. Bildungsgewerkschaften wie die National Education Union beanstanden in verschiedenen Stellungnahmen, dass einerseits Sicherheitsmaßnahmen wie das verpflichtende Tragen von Schutzmasken aufgehoben wurden, während andererseits die allermeisten Schulen immer noch keine ausreichenden Belüftungsmöglichkeiten hätten. Es ist in England ein offenes Geheimnis, dass eine große Zahl von Klassenzimmern noch nicht einmal mit Fenstern zum Lüften ausgestattet sind. Was kann da schon schiefgehen?

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