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Aus: Ausgabe vom 10.09.2021, Seite 5 / Inland
Wirtschaft

Hohe Zinsen, niedrige Löhne

Aktuelle DIW-Studie: Zinspolitik führt zu Umverteilung zwischen Kapital und Arbeit
Von Steffen Stierle
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Füllt die Geldspeicher in nah und fern: Sitz der Europäischen Zentralbank in Frankfurt am Main (7.4.2021)

Ist die Wirtschaft auf Talfahrt, senkt die Zentralbank gerne den Leitzins. Durch billigere Kredite sollen Investitionen angekurbelt und so neues Wachstum erzeugt werden. Die Euro-Zone rutscht seit mehr als zehn Jahren von einer Krise in die nächste. Entsprechend lange ist es her, dass der Zinssatz letztmals oberhalb der Ein-Prozent-Marke lag. Doch welche Verteilungseffekte gehen mit Leitzinsänderungen einher? Einer empirischen Untersuchung des in Berlin ansässigen Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) zufolge führen sie zu einer Umverteilung zwischen Kapital und Arbeit. Wer davon profitiert, hängt von der Lohnquote ab.

Steigt der Leitzins, senken vor allem arbeitsintensive Unternehmen ihre Lohnkosten, heißt es in der am Mittwoch veröffentlichten Studie, für die Bilanzdaten von mehr als zwei Millionen Firmen im Euro-Raum zur Verfügung standen. »Zinsänderungen der EZB haben Einfluss sowohl auf die Lohn- und Gehaltszahlungen als auch auf die Wertschöpfung von Unternehmen«, erläuterte Autor Jan Philipp Fritsche. Seien beide Bereiche nicht gleichermaßen betroffen, habe die Geldpolitik eine Verteilungswirkung zwischen den Beschäftigten und der Eigentümerseite. Schließlich würden bei steigenden Zinskosten einerseits die Investitionen teurer, während anderseits die Nachfrage sinke. »Um dies zu kompensieren, sparen die Unternehmen an Personalkosten.«

Anders sieht es in kapitalintensiven Wirtschaftsbereichen aus. Also dort, wo es wenige Menschen und viele Maschinen gibt. Hier zeigen die Berechnungen, dass bei steigenden Zinsen auch die »Wertschöpfung« steigt, was den Verteilungseffekt zulasten der Beschäftigten vergrößert. Bei Leitzinssenkungen verhält es sich demnach jeweils umgekehrt.

Die unterschiedliche Verteilungswirkung der Zinspolitik auf kapital- und arbeitsintensive Betriebsstätten führt auch zu einer unterschiedlichen Wirkung der EZB-Politik auf die verschiedenen Euro-Länder. In Frankreich etwa profitieren die Beschäftigten aufgrund der hohen Lohnquote am stärksten von niedrigen Zinsen. In Mitgliedstaaten mit niedriger Lohnquote – das DIW führt Portugal als Beispiel an – ist das nicht der Fall. In der BRD wiederum gibt es erhebliche Unterschiede, da die Lohnquote im Westen deutlich höher liegt als im Osten.

So wirkt jede Zinsveränderung durch die EZB in jedem Euro-Land, mitunter in jeder Region, völlig unterschiedlich. In einem gemeinsamen Währungsraum kann es jedoch nur einen Leitzins geben. Da es aus makroökonomischer Sicht wünschenswert sei, »wenn die Geldpolitik gleichmäßig wirkt, sollten die europäischen Arbeitsmarktinstitutionen besser harmonisiert werden«, sagte Fritsche. Wie schwierig das ist, zeigt die politische Realität. Schließlich ist es nicht einmal während der Euro-Krise, als die südlichen Mitgliedstaaten bis zum Hals im Schuldensumpf steckten und die Troika dort nach Lust und Laune wüten konnte, gelungen, deren Wirtschaftsstrukturen hinreichend an die deutsche Exportökonomie anzugleichen.

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