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Aus: Ausgabe vom 08.09.2021, Seite 5 / Inland
Tierfabriken

Megaställe schließen

Berlin: Bündnis »Wir haben es satt!« demonstriert vor Bundestag gegen Großanlagen für Nutztiere. Böll-Stiftung legt »Fleischatlas 2020« vor
Von Oliver Rast
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Mit Hintergrundkulisse: Kostümierte Aktivisten protestieren gegen Tierfabriken (Berlin, 7.9.2021)

Es wirkte etwas karnevalesk. Das Thema indes war ernst. Mit Tiermasken auftretende Demonstranten forderten am Dienstag vor dem Bundestag in Berlin: Bauernhöfe statt Tierfabriken. Umwelt- und Tierschutzverbände des Bündnisses »Wir haben es satt!« organisierten den Protest. Die Initiatoren kritisierten dabei zuvorderst sogenannte Megamastanlagen. »In Deutschland sind 50 neue dieser Anlagen mit mehr als 2,5 Millionen Tierplätzen geplant«, sagte Reinhild Benning vom Bündnismitglied Deutsche Umwelthilfe (DUH) am Dienstag gegenüber jW. Schwerpunkt ist Ostdeutschland, der Tönnies-Standort im sachsen-anhaltinischen Weißenfels etwa. Der größte deutsche Fleischkonzern wolle seine Kapazitäten von Schlachtbänken komplett auslasten, brauche in direkter Nachbarschaft Mastbetriebe für den Nachschub an Schlachtvieh, so Benning weiter. »Das ist die simple Marktlogik von Tönnies und Konsorten«.

Zufällig ist der Protestort nicht. Das nächste Bundeskabinett soll gesetzliche Regeln für das »Tierwohl in den Ställen« definieren. Niemand wisse bislang, wo Massentierhaltung beginne und wo die Produktion von »Billigfleisch« ende, sagte Benning. Die Aktivisten erwarten von den künftig Regierenden eine sogenannte Abstockung der Tierzahlen in Großstallanlagen bei gleichzeitigem Erhalt der Höfe. Kirstin Tackmann sieht das ähnlich. »Eine Deckelung der Tierbestände in Regionen und an Standorten ist überfällig«, sagte die agrarpolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion von Die Linke gleichentags zu jW. Ein Anreizsystem für Erzeuger soll helfen. »Eine staatliche Abgabe auf Fleisch aus Massentierhaltung muss zur Finanzierung der umbauwilligen Betriebe beitragen«, verlangte die DUH-Vertreterin Benning. Dies müsse aber sozial verträglich gestaltet werden, ergänzte Tackmann.

Nach Angaben von »Wir haben es satt!« empfehlen Ernährungswissenschaftler, den Fleischkonsum um rund 70 Prozent zu reduzieren. Nur so ließe sich »unsere Überlebensgrundlage auf dem Planeten« sichern, hieß es während der Protestkundgebung vor dem Parlamentsgebäude. Erste Schritte scheinen gemacht – denn die Zahl der Fleischvermeider nimmt stetig zu. Das belegt das Datenmaterial des ebenfalls am Dienstag vorgestellten »Fleischatlas« der Heinrich-Böll-Stiftung (HBS), der parteinahen Einrichtung von Bündnis 90/Die Grünen. Rund 11,3 Millionen Milchkühe, Kälber und Mastrinder standen im November 2020 bundesweit in den Ställen und auf der Weide. Das sind knapp 340.000 weniger als ein Jahr zuvor. Dennoch, Fleisch, Rind zum Beispiel, wird weiterhin häufig verzehrt. Knapp 9,81 Kilo Rindfleisch konsumierte durchschnittlich jeder Bundesbürger 2020 pro Kopf, sagen aktuelle Zahlen der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung. Erfolge gebe es hingegen bei der Jugend, stellt die HBS zufrieden fest. Im Vergleich mit der Gesamtbevölkerung ernähren sich doppelt so viele 15- bis 29jährige vegetarisch oder vegan. Für viele junge Erwachsene sei der Verzicht auf Fleisch ein politisches Statement, hieß es von der Grünen-Stiftung.

Hinzu kommt: »Alle wissen um die verheerende Klimabilanz der Fleischproduktion«, sagte Barbara Unmüßig. Die Klima- und Agrarexpertin der HBS rechnete vor: »14 Prozent trägt der Nutztiersektor derzeit zu den klimaschädlichen Gasen bei«. Darunter das Treibhausgas Methan. Es entsteht bei der Verdauung der Rinder, sie rülpsen und furzen es in die Atmosphäre. Und: Methan ist laut Umweltbundesamt für das Klima 25mal schädlicher als Kohlendioxid.

Das Fernziel bleibt, die Fleisch­magnaten bei ihren Expansionsplänen zu blockieren. Linke-Politikerin Tackmann: »Um den erpresserischen Druck der Konzerne auf die Erzeugungspreise und Standards zu brechen«, müssten alternative, regionale und kooperative Lieferketten vom Stall bis zur Theke entstehen. Das dürfte dauern. Ein Etappenziel könne dabei die Demontage der »Megaställe« sein, so die Aktivisten von »Wir haben es satt!«. Zumal dieses »Billigfleischsystem« brandgefährlich ist. In der endenden Legislaturperiode sind dem Bündnis zufolge bei 27 Feuern in Großstallanlagen mehr als 240.000 Nutztiere verendet. Auch deshalb die Forderung: Sofortiger Genehmigungsstopp.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Ronald B. aus Kassel ( 9. September 2021 um 09:20 Uhr)
    Ihr schreibt, Kühe rülpsen und furzen das Methan raus und sind deshalb Problemkühe – wobei sie mehr rülpsen als furzen prozentual gerechnet. Ich las, wenn man ihnen rotes Seegras ins Futter mengt, verringern sich die klimaschädlichen Gase um bis zu 90 Prozent – das ist doch was!

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