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Aus: Ausgabe vom 31.08.2021, Seite 8 / Ansichten

Poker der Mächte

Afghanistan nach dem Abzug
Von Jörg Kronauer
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US-Militärfahrzeug in den Straßen von Kabul

Zurück auf Los: Man werde direkte Verhandlungen mit den Taliban nicht mehr vermeiden können, stellte der altgediente deutsche Spitzendiplomat Wolfgang Ischinger, Vorsitzender der Münchner »Sicherheitskonferenz«, am Montag trocken fest. Das große Ringen um Einfluss in Afghanistan, von wo am Dienstag die letzten US-Truppen endgültig abziehen sollen, hat längst begonnen: Frankreich sucht mit der Einrichtung einer »Schutzzone« am Flughafen in Kabul einen Fuß in der Türe zu behalten, Russland schlägt eine internationale Wiederaufbaukonferenz für das kriegszerstörte Land vor. Allerlei diplomatische Aktivitäten sind im Gange. Will man künftig im Mächtepoker mitmischen, dann führt an Gesprächen mit den Taliban kein Weg vorbei. Diese hätte man allerdings schon vor 20 Jahren führen können; Afghanistan wären womöglich zwei Jahrzehnte Krieg erspart geblieben. Freilich war der Westen damals noch der Ansicht, seine Ziele militärisch durchsetzen zu können. Nun geht’s gezwungenermaßen zurück an den Verhandlungstisch.

Dabei haben die westlichen Mächte nicht dasselbe Ziel. Frankreich verfolgt aktuell den Plan, über den deutsche Strategen wie der Krawattenminister im Auswärtigen Amt bereits seit vielen Jahren vor allem dichten und denken: in den Ländern, aus denen die USA sich zurückziehen, die eigenen Positionen auszubauen, wenn möglich sogar die Kontrolle zu übernehmen. Präsident Emmanuel Macron hat am Wochenende angekündigt, französische Militärs würden im Irak bleiben, wenn sich die US-Kampftruppen wie beabsichtigt zum Jahresende von dort verabschiedeten. In Afghanistan will er Paris über die erwähnte Schutzzone Einfluss sichern. Gelänge beides und noch ein wenig mehr, dann könnte sich die EU, so die Hoffnung, zur wirklich globalen Macht aufschwingen. Nur: Die Macronsche Außenpolitik zeichnet sich bislang nicht sonderlich durch Erfolge aus.

Für die Vereinigten Staaten wiederum ist der Abzug aus Afghanistan lediglich eine Etappe. Das Ende des Krieges am Hindukusch dient der Konzentration aller Kräfte auf den möglichen nächsten Krieg – gegen China. Das ist auch der Grund für den angekündigten Abzug der US-Kampftruppen aus dem Irak. Allerdings will Washington auch weiterhin erreichen, dass Dschihadistentrupps wie der ISKP (Islamic State Khorasan Province) sich dort nicht zu künftigen Angriffen auf US-Ziele sammeln können. Dazu wären verlässliche Absprachen mit demjenigen Land ratsam, dessen Einfluss in Afghanistan in nächster Zeit erheblich wachsen könnte: mit China. Außenminister Antony Blinken hat dazu bereits mit seinem Amtskollegen Wang Yi telefoniert. Der fordert freilich als Gegenleistung eine Abkehr von den US-Aggressionen gegen Beijing. Die Forderung hat Gewicht: Während der Westen am Hindukusch zurück auf Los geht, ist China viel stärker geworden. Alles zugleich ist auch für die USA nicht mehr kostenlos zu haben.

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