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Aus: Ausgabe vom 25.08.2021, Seite 6 / Ausland
Spannungsverhältnis

Pulverfass vor Explosion

Konflikt zwischen Algerien und Marokko verschärft sich – Gaslieferungen nach Europa sollen umgeleitet werden
Von Jörg Tiedjen
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Von Marokko unterhaltene Saboteure sollen für die Waldbrände bei Tizi Ouzou verantwortlich sein, glaubt die algerische Regierung (11.8.2021)

Die Beziehungen zwischen Algier und Rabat sind gegenwärtig bis zum Zerreißen gespannt. Dem Konflikt zum Opfer fallen könnte nun auch eine Gaspipeline, die von Algerien über Marokko nach Spanien führt. Denn der Nutzungsvertrag läuft im Oktober aus. Zwar hat die Leiterin der marokkanischen Energiebehörde, Amina Benkhadra, erst am Donnerstag einer Mitteilung der Marokkanischen Presseagentur (MAP) zufolge Interesse an einer Fortführung der Kooperation bekundet. Aber offensichtlich ist das Misstrauen gegenüber dem Königreich mittlerweile so groß, dass Tout sur l’Algérie einem Artikel vom Wochenende zufolge von Vorkehrungen erfahren hat, das Gas aus Algerien in Zukunft über eine andere Verbindung direkt durchs Mittelmeer nach Europa zu liefern. So wolle man verhindern, dass Marokko den Gastransfer als Druckmittel einsetze. Algier stehe also vor einem »totalen Bruch« mit Rabat, resümierte am Montag das marokkanische Portal Yabiladi.

Mitte Juli war eine Bemerkung des marokkanischen UN-Botschafters Omar Hilale in Algier als »Kriegserklärung« gewertet worden. Hilale hatte gesagt, dass er das Recht der nordalgerischen Region Kabylei auf Unabhängigkeit unterstütze. Das war eine Replik darauf, dass der neue algerische Außenminister Ramtane Lamamra zuvor das gleiche von der Westsahara gesagt hatte. Allerdings ist die Kabylei Teil Algeriens, die Westsahara eine frühere spanische Kolonie, die von Marokko widerrechtlich besetzt wurde. Algerien wertete Hilales Äußerungen als Unterstützung für Gruppen wie die Bewegung für die Autonomie der Kabylei (MAK) und Rachad, die erst vor kurzem als »Terrororganisationen« eingestuft worden waren. Als dann Anfang August im algerischen Tizi Ouzou Waldbrände außer Kontrolle gerieten, waren die Verantwortlichen schnell gefunden: marokkanische Saboteure. Ein freiwilliger Helfer, Djamel Bensmail, Mitglied der algerischen Protestbewegung Hirak, der noch eine Spendensammlung veranstaltet hatte, wurde von der Polizei für einen Brandstifter gehalten, festgesetzt und später von einer aufgebrachten Menge verbrannt.

Wie die meisten Mittelmeerstaaten war auch Algerien auf die Feuerkatastrophe nicht vorbereitet. Hinzu kamen schlechte Nachrichten von der Pandemiefront, denn in den Krankenhäusern ging der Sauerstoff aus. Marokko bot Algerien an, seine Löschflugzeuge zu Hilfe zu schicken, was abgelehnt wurde. Wenige Tage später wurden sie in Marokko selbst gebraucht, wo zuletzt Oasen in Flammen standen.

Als König Mohammed VI. am vergangenen Freitag seine alljährliche Rede zum »Tag der Revolution des Königs und des Volkes« hielt, beklagte er sich über eine aggressive Kampagne, die bestimmte traditionelle Freunde gegen das Königreich und seine territoriale Einheit führten, weil sie seine Ressourcen kontrollieren wollten. Der Monarch bediente sich antikolonialistischer Argumente, um anderen die eigene Schuld vorzuwerfen. Dabei hatte Marokko im November letzten Jahres selbst den Waffenstillstand mit der sahrauischen Unabhängigkeitsbewegung Frente Polisario gebrochen, und es hat auch selbst den Skandal um die israelische Spionagesoftware »Pegasus« zu verantworten, in dessen Zusammenhang zuletzt von einer feindseligen Intrige aus dem Ausland gesprochen wurde.

Ein paar Tage nach der Äußerung Hilales hatte ein Rechercheverbund um die Organisation Amnesty International über internationale Medien wie Le Monde bekanntgemacht, dass mehrere Länder mit Hilfe des »Pegasus«-Programms Zehntausende Personen ausgespäht hatten, unter anderem Marokko. Der Geheimdienst des Königreichs hatte aber nicht allein Journalisten wie Taoufik Bouachrine, Soulaiman Raissouni oder Omar Radi verfolgt, die gegenwärtig im Gefängnis sitzen, sondern zum Beispiel auch den Zeitungsherausgeber Edwy Plenel in Frankreich. Auf der Liste von Abhörzielen standen zudem die algerische Staatsführung, der französische Präsident Emmanuel Macron – und selbst der König persönlich. Über die Gründe lässt sich nur spekulieren.

Der Journalist Ali Lmrabet schrieb Anfang August in einem Artikel auf Middle East Eye, es sei undenkbar, dass Geheimdienstchef Abdellatif Hammouchi eigenmächtig beschlossen habe, Macron zu observieren. Groß war die Empörung in Algerien. Laut Gerüchten habe Marokko durch seine Abhöraktionen erfahren, dass Brahim Ghali, der Generalsekretär der von Algerien unterstützten Frente Polisario, an Covid-19 erkrankt und in ein Krankenhaus in Spanien gebracht worden war. Obwohl dies nicht der erste Aufenthalt Ghalis in Spanien war, von dem Marokko wusste, hatte Rabat darauf wochenlang Druck auf Madrid auszuüben versucht, unter anderem, indem es seine Grenzen zu den Enklaven Ceuta und Melilla nicht bewachte.

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