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Aus: Ausgabe vom 20.08.2021, Seite 2 / Inland
Beschäftigte in der sozialen Arbeit

»Nur wenige sind gewerkschaftlich organisiert«

Soziale Arbeit: Starkes Lohngefälle zwischen öffentlichen und freien Trägern. Gewerkschaftskampagne will das ändern. Ein Gespräch mit Matthias Arp
Interview: Carina Scherer
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Wassergymnastik vor den nationalen Sommerspielen für geistig behinderte Menschen im Bremer Südbad (31.5.2010)

Sie engagieren sich als Sozialarbeiter in der Behindertenhilfe für die Kampagne »Freie Träger – faire Löhne« der Gewerkschaft Verdi. Welche Idee steckt dahinter?

Angestellte im sozialen und erzieherischen Bereich werden bei freien Trägern deutlich schlechter bezahlt als diejenigen, die im öffentlichen Dienst weitgehend die gleiche Arbeit leisten. Zum Teil beläuft sich die Gehaltsdiskrepanz auf über 1.000 Euro im Monat. Unsere Ziele sind, bei freien Trägern gute Arbeitsbedingungen im Bereich der Erziehungs- und Sozialdienste sowie insbesondere eine Bezahlung auf gleichem Niveau mit dem öffentlichen Dienst zu erreichen.

Wie kam es zu dieser Entwicklung ungleicher Gehälter?

Grundsätzlich basiert das auf neoliberalen Gedankengängen: Wenn man Dinge privatisiert, gibt es Konkurrenz, und alles wird entsprechend günstiger. Das Problem ist, dass darunter auch die Qualität leidet. Früher gab es den Bundesangestelltenvertrag, heute gibt es den TVöD und in Berlin den TV-L. Darin ist die Gehaltsstruktur der sozialen Arbeit definiert. Bis in die frühen 2000er Jahre haben sich auch freie Träger daran orientiert. Es war also üblich, dass man bei freien Trägern mehr oder weniger das gleiche verdient hat wie im öffentlichen Dienst. Mit der »Arm, aber sexy«-Historie Berlins sind aber viele aus dem Tarif ausgestiegen. Außerdem sind heute nur wenige, die im sozialen und erzieherischen Bereich arbeiten, gewerkschaftlich organisiert. So ist diese heterogene Trägerlandschaft mit einer immer größer werdenden Kluft zum öffentlichen Dienst entstanden.

Wie hat die Pandemie die Arbeit bei freien Trägern beeinflusst?

Durch die Coronakrise wurde klar, dass unsere Arbeit systemrelevant ist. Die mediale Aufmerksamkeit, die auf unsere Berufsgruppe gelenkt wurde, brachte uns einerseits mehr Wertschätzung seitens der Gesellschaft ein. Andererseits wurde bei staatlichen Hilfen – Stichwort »Berlin-Zulage« – wieder nur an Beschäftigte des öffentlichen Dienstes gedacht. Das heißt, die freien Träger gingen leer aus. Das ist total unverständlich, wenn man bedenkt, dass etwa die Behindertenhilfe vollständig durch freie Träger abgedeckt ist. Wertschätzung sollte sich auch monetär widerspiegeln. Selbst Fréderic Verrycken, der Berliner Staatssekretär für Finanzen, hat auf einer Veranstaltung gesagt, ein Sozialarbeiter sollte nicht weniger Gehalt bekommen als ein Grundschullehrer. Das würde Anerkennung ausdrücken.

Konnte die Kampagne mit ihren Aktionen schon erste Erfolge verzeichnen?

Im April gab es ein Townhall-Meeting mit der Berliner Landespolitik, wodurch wir eine gewisse Medienresonanz hatten. Wir hatten auch Blocks bei den 1.-Mai-Demos, und es gab eine Fahrraddemo am 19. Juni. Wir tauschen uns mit der Senatsverwaltung unter Elke Breitenbach aus, die Senatsverwaltung spricht inzwischen nicht nur mit der Geschäftsführung der freien Träger, sondern auch mit den Betriebsräten. Das ist ein Novum, und ich denke, dass unsere Kampagne dazu beigetragen hat. Wir haben demnächst wieder ein Kampagnentreffen, wo wir die nächsten Schritte planen. Grundsätzlich versuchen wir, bei öffentlichen Veranstaltungen präsent zu sein. Auch die gewerkschaftlichen Betriebsgruppen spielen eine Rolle. Wenn es Streiks gibt, dann ist das Logo mit unserem Motto »Mehr für uns ist besser für alle« immer vertreten und spiegelt unser Anliegen wider.

Streiken im sozialen Bereich scheint besonders schwierig, weil man die Menschen alleine lässt, die auf Betreuung und Pflege angewiesen sind. Wie organisieren Sie Streiks, wenn Angestellte freier Träger über die ganze Stadt verteilt arbeiten?

Das läuft ähnlich wie beim Flugpersonal – eine Gruppe, die sich auch wenig in natura organisieren kann – über Social Media. Was die moralische Frage angeht, haben Sie recht. Die Grenze beginnt dann, wenn meine Klientel darunter leidet. Daher ist die Streikbereitschaft bei uns sicher nicht so gut wie beim Bahnpersonal, aber das wird auch ausgenutzt und belastet unsere Berufsgruppe. Man sollte ja denken, dass sich Menschen, die sich für andere einsetzen, auch für ihre eigenen Rechte stark machen. Aber das ist oft nicht der Fall. Ohne das Schlechtreden zu wollen, stellen viele Kolleginnen und Kollegen die Bedürfnisse von anderen über ihre eigenen, und das ist auch ein Teil des Problems.

Matthias Arp ist Sozialarbeiter bei »Die Reha e. V.« in der Behindertenhilfe und engagiert sich für Verdi-Kampagne »Freie Träger – faire Löhne«

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